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Egalité, Fraternité, Durabilité!

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Von: Hilke Brockmann

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Kanzler Olaf Scholz spricht von einer Zeitenwende. Aber wo sollen wir uns hinwenden?
Kanzler Olaf Scholz spricht von einer Zeitenwende. Aber wo sollen wir uns hinwenden? © Michael Kappeler/dpa

Wir brauchen einen neuen sozialen Kitt, der uns gegen Aggressoren wie Putin bestehen lässt. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Ich bin ein Kind der 1980er. Schulterpolster, Karottenhose, Punk und Popper und ein neoliberales Narrativ, das begann, alle Nischen der Gesellschaft zu erobern. Die Rede war vom Heiratsmarkt, von Kindern als Konsumgüter. Outsourcen und Benchmarken galt als Wundermittel für jede müde Beamtenstube. Und ach ja, den heiligen Gral für eine bessere, effizientere Zukunft hüteten die Männer von McKinsey und Co.

Unanfechtbar schien diese ökonomische Sicht der Dinge. Ich habe mich lange gefragt, was dieser Ideologie gefährlich werden könnte. Jetzt schießt ein ewig gestriger, imperialer Putin mit seinem Krieg in der Ukraine den Neoliberalismus vom Sockel. Zigtausende Menschen sterben für das Mutterland. Dieselpanzer und todbringende Bomben verwüsten Städte und Landschaften. Eine einzige erbärmliche Verschwendung!

Und eine Zeitenwende, wie der Kanzler sagte, für den Westen. Aber wo sollen wir uns hinwenden? Den globalen Markt auf demokratische Länder zu schrumpfen, wird wohl nicht ausreichen. Zu tief sind die Grabenkämpfe auch in westlichen Gesellschaften. Das wachsende Gefälle zwischen den Reichen und den Habenichtsen, die politischen Frontlinien zwischen Einheimischen und Zugewanderten, die schrillen Misstöne unter den vielen Geschlechtern und subkulturellen Gruppierungen resultieren auch aus dem freien Spiel der Märkte.

Deshalb brauchen wir einen neuen sozialen Kitt, der uns gegen Aggressoren bestehen lässt. Ein neues Wir-Gefühl, das uns im ständigen Wettbewerb miteinander abhandengekommen ist. Der Vorschlag des Bundespräsidenten, ein verpflichtendes soziales Jahr einzuführen, ist da zu kleingeistig.

Lange erschien die Klimakatastrophe als Kandidatin für eine globale, gemeinsame Geschichte. Aber Umweltfragen sind sehr komplex und abstrakt und bedürfen einer freien Wissenschaft und Presse, um richtig verstanden zu werden. Da können Autokraten jederzeit einen Riegel vorschieben.

Nun fallen Innovationen nicht vom Himmel. Meistens sind es neue Kombinationen von alten Dingen. Der französische Starökonom Piketty sieht die Zukunft des Westens in einem demokratischen, multikulturellen und ökologischen Sozialismus – im Gegensatz zu einem autoritären Kapitalismus oder Kommunismus. Egalité, Fraternité, Durabilité! Aufklärung 2.0. Eine Zeitenwende kann sich auch zum Guten wenden. Packen wir es an!

Die Autorin ist Soziologin. Sie arbeitet an der Jacobs University in Bremen.

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