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ario Draghi wird hierzulande regelmäßig von Union, AFD, neoliberalen Ökonomen und der Bankenlobby für seine laxe Geldpolitik verprügelt.

Gastwirtschaft

Dumm und dreist zugleich

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Die Kritik an der Zinspolitik der EZB ist falsch. Die FR-Kolumne „Gastwirtschaft“,

Diese Woche saßen die europäischen Währungshüter wieder einmal auf einer deutschen Anklagebank. Peter Gauweiler und Kollegen klagen zum wiederholten Male in Karlsruhe gegen die Geldpolitik der EZB. Sie werfen den Notenbankern vor, Wirtschaftspolitik und Staatsfinanzierung zu betreiben und somit ihr Mandat zu verletzen.

Gastwirtschaft

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Dierk Hirschel, Chefvolkswirt der Gewerkschaft Verdi.

Das hat Tradition. Mario Draghi wird hierzulande regelmäßig von Union, AFD, neoliberalen Ökonomen und der Bankenlobby für seine laxe Geldpolitik verprügelt. Tiefzinsen enteignen die Sparer, so der Vorwurf. Lebensversicherungen seien schon bald wertlos. Und die Staaten würden durch die EZB-Anleihenkäufe zu einem Leben auf Pump verführt.

Das ist ökonomischer Unsinn. Entscheidend für den Wert der Sparguthaben ist nicht der nominelle Zinssatz, sondern der Realzins, also der Nominalzins abzüglich Inflation. Seit den 1970er Jahren waren negative Realzinsen hierzulande die Regel und nicht die Ausnahme. Die Enteignung deutscher Sparer ist somit nicht das alleinige Werk des bösen italienischen Währungshüters, sondern gab es schon in Zeiten als die Bundesbank noch geldpolitische Verantwortung hatte.

Dierk Hirschel, Chefvolkswirt der Gewerkschaft Verdi.

Wichtiger als die Enteignungsfrage sind aber die gesamtwirtschaftlichen Folgen der Niedrigzinspolitik. Nur zur Erinnerung: Noch vor wenigen Jahren steckte das Euroland in einer schweren Krise. Und was tat die Politik? Merkel, Sarkozy & Co. drehten Däumchen. Erst das beherzte Eingreifen der europäischen Währungshüter verhinderte den Super-Gau. Ohne die Politik des billigen Geldes wäre der Euro schon längst Geschichte.

Anschließend schwächelte aufgrund des Spardiktats das Wachstum der Eurozone. Die Preise drohten zu purzeln. Sinkende Preise sind aber Gift für die Wirtschaft. Verbraucher verschieben ihre Einkäufe. Gleichzeitig gehen die Schuldner in die Knie, weil der reale Wert ihrer Verbindlichkeiten steigt. Die Folge wäre eine schwere Wirtschaftskrise. Die EZB hat die verhindert, indem sie die Zinsen niedrig hielt und kräftig Staatsanleihen kaufte.

Auch heute noch würden steigende Zinsen südeuropäische Banken und Staaten wieder ins Schleudern bringen. Mit fatalen Folgen für deutsche Banken, die immer noch milliardenschwere Staatspapiere der Krisenstaaten in ihren Depots halten. Dafür Draghi und Kollegen auf die Anlagebank zu setzen, ist dumm und dreist zugleich.

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