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Schon heute kreischen in Argentinien die Sägen, um mehr Platz für die Rinderhaltung, Sojaproduktion und Co. zu schaffen.

Gastwirtschaft

Mehr Autos für Lateinamerika, mehr Billigfleisch für Europa

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Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die EU ihr bisher größtes Freihandelsabkommen abgeschlossen. Die Gastwirtschaft vom Grünen-Europapolitiker Sven Giegold.

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Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Sven Giegold, Abgeordneter von Bündnis 90 / Die Grünen im Europäischen Parlament.

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die EU ihr bisher größtes Freihandelsabkommen abgeschlossen: Der Deal mit den Staaten des Mercosur mit Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay verbindet 260 Millionen Menschen mit den mehr als 500 Millionen Einwohnern der EU. Dadurch entsteht die nach Bevölkerung bedeutendste Freihandelszone der Welt. 20 Jahre wurde an dem Deal gearbeitet, dessen Kern schlicht lautet: Agrarprodukte gegen Autos. Damit tauschen die beiden Handelspartner zwei umweltschädliche Produkte. Fahrzeuge aus der EU haben durch drastische Zollsenkungen bessere Chancen auf dem lateinamerikanischen Markt. In Europa werden die zollfreien Einfuhrquoten für Agrarprodukte aus den Mercosur-Ländern deutlich erhöht.

Der Kauf von klimaschädlichen Autos wird so in Lateinamerika billiger und die Pkw-Nutzung entsprechend steigen. In Europa wird billigeres Rindfleisch, Geflügel und Soja aus den Mercosur-Staaten den Preisdruck auf die heimische Produktion erhöhen. Damit wird es schwerer, die Agrarwende in Richtung Tierschutz und Biodiversität in der europäischen Landwirtschaft voranzutreiben. Gleichzeitig werden attraktive Exportchancen für den Agrarsektor Lateinamerikas den Druck auf die Nutzung des Bodens erhöhen. Damit steigt auch der Anreiz die Rodung des wertvollen Amazonas-Regenwald voranzutreiben.

Schon heute kreischen die Sägen, um mehr Platz für die Rinderhaltung, Sojaproduktion und Co. zu schaffen. Das wird nun noch profitabler. Dabei hat Brasiliens Präsident Bolsonaro keinen Zweifel daran gelassen, dass der Schutz des Amazonas-Regenwalds nicht seine Sache ist.

Das Mercosur-Abkommen ist damit ein schmutziger Deal, das die Treibhausgasemissionen nicht senken, sondern erhöhen wird. Es ist zwar ein Erfolg der EU, wenn nun alle Mercosur-Staaten über Klauseln im neuen bilateralen Freihandelsvertrag an die Einhaltung der Pariser Klimaschutzziele erinnert werden. Es ist jedoch sinnlos, an den Klimaschutz zu erinnern, wenn gleichzeitig die Ziele des Vertrags im gleichen Text hintertrieben werden.

Daher muss Europa in seiner Handelspolitik endlich kohärent handeln: Nur wo Klimaschutz drin ist, darf auch Europa draufstehen. Es wird Zeit für Handelsverträge, die soziale und ökologische Standards hart stellen, statt sie zu schwächen.

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