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Die Stimme des Volkes

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Von: Rainer Voss

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Wo kommt die hohe Inflation her?
Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum eine Zentralbank Eigenkapital hat?  © Frank Rumpenhorst/dpa

Befeuert von Politik und Medien bricht über geldpolitische Entscheidungsträger ein Sturm an Meinungen herein, dem mit Fakten kaum mehr zu begegnen ist.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum eine Zentralbank Eigenkapital hat? Das ist völlig unnötig, denn im Falle von Verlusten kann sie das benötigte Geld doch einfach nachdrucken. Vereinfacht ausgedrückt ist eine Zentralbank mit Eigenkapital wie der Wirt einer Kneipe, deren Bierfass nie leer wird, der aber trotzdem noch einen Kasten Pils zur Sicherheit im Keller hat.

Eine neue Studie der Universität Leiden hat sich diesem Thema gewidmet und Beunruhigendes zu Tage gefördert. Es geht im Kern um die Frage, ob die „Volksmeinung“ – ähnlich dem Konzept der „schwäbischen Hausfrau“ – technokratisch-wissenschaftlich organisierte Institutionen wie die EZB dazu bringt, entgegen ihren faktenbasierten Erkenntnissen zu handeln, um populäre Narrative zu bedienen.

Schließlich wissen wir alle, dass das Drucken von Geld Inflation erzeugt, Banken die Einlagen ihrer Kunden weiterverleihen und der Staat nicht mit Geld umgehen kann. Keine dieser Aussagen ist wahr, aber sie sind Teil der deutschen Finanz-DNA. Und wie beim Impfen und Coronaviren hat jeder Bürger eine Meinung zu Geld, denn schließlich gehen wir ja jeden Tag damit um.

„Vor Leukozyten hat der Laie mehr Respekt als vor Kafka“, sagte einst der große Erwin Chargaff, aber diese Demut vor Fragestellungen, die eben mehr Wissen und Methodik verlangen, als uns Normalos der Regel gegeben ist, existiert nicht mehr.

Befeuert von Politik und Medien und verstärkt durch das sogenannte „False Balancing“ – alle Stimmen müssen gehört werden – bricht über geldpolitische Entscheidungsträger ein Sturm an Meinungen herein, dem mit Fakten kaum mehr zu begegnen ist. Der Ruf nach Zinserhöhungen in eine Rezession hinein wird immer lauter, bis dann auch der letzte Zentralbanker die Segel streicht.

Das Eigenkapital von Zentralbanken ist nur ein weiteres Beispiel: Es existiert, weil die Öffentlichkeit von einer Bank erwartet, dass sie so was hat! Dass eine Zentralbank keine normale Bank ist, spielt dabei keine Rolle und auch nicht, dass zum Beispiel die tschechische Nationalbank zehn Jahre mit negativem Eigenkapital operiert hat, also als normale Bank de facto illiquide gewesen wäre.

Vielleicht sollte man anerkennen, dass es Gebiete gibt, auf denen die meisten von uns weiße oder zumindest graue Flecken haben - und die Geldpolitik eins davon ist.

Der Autor ist Ex-Investmentbanker und Protagonist der Dokumentation „Master of the Universe“.

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