1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Gastwirtschaft

Die Sanktionen sollten überdacht werden

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Die EU-Sanktionen gegen das russische Erdöl laufen ins Leere.
Die EU-Sanktionen gegen das russische Erdöl laufen ins Leere. © Imago

Die Energiesanktionen gegen Russland gehören auf den Prüfstand – sie sind zumindest teilweise ökonomisch und ökologisch fragwürdig. Die Kolumne „Gastwirtschaft“ von Norbert Nicoll. 

Wir sind beim Erdgas wie der Junkie, dessen gewalttätiger Dealer im Knast gelandet ist. Um die Sucht zu befriedigen, müssen andere Bezugsquellen her. Unter anderem aus den USA und aus der Musterdemokratie Katar soll per Schiff massiv LNG, verflüssigtes Erdgas, importiert werden. Das Problem: LNG muss zwecks Volumenreduzierung auf minus 162 Grad Celsius heruntergekühlt werden. Das ist teuer und energieaufwändig. Nach einer Studie der Consulting-Firma Carbone 4 entstehen bei LNG bei der Betrachtung der gesamten Produktions- und Transportkette 2,5 mal so viele CO2-Emissionen wie bei Pipeline-Erdgas.

Besonders klimaschädlich ist das hochpreisige US-Fracking-Gas. Durch das Fracking werden große Mengen des Treibhausgases Methan freigesetzt. Die US-Weltraumbehörde NASA ermittelte in einer Studie, dass die Methanzunahme der letzten Jahre in der Atmosphäre zu über einem Drittel auf das Fracking zurückzuführen ist. Ein Bärendienst für das Klima – trotzdem wird die LNG-Infrastruktur massiv ausgebaut.

Neue Studien zeigen, dass Russland unter den westlichen Sanktionen leidet. Beim Erdöl greifen diese aber kaum. Moskau verkauft sein Öl günstig an andere Abnehmer. Besonders auffällig: Indien. Neu-Delhi hat seine russischen Ölimporte zuletzt deutlich ausgebaut. Im Juli nahm Indien täglich 870 000 Barrel russisches Rohöl ab. Zum Vergleich: Im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 90 000 Barrel pro Tag. Das russische Erdöl wird in indischen Raffinerien verarbeitet. Deren Erzeugnisse werden wiederum teuer in alle Welt exportiert – auch in die EU.

Anderes Beispiel: Saudi-Arabien. Riad hat seine Importe von Öl zur Stromgewinnung aus Russland im zweiten Quartal mehr als verdoppelt. Somit kann das Land mehr Erdöl exportieren – auch in die EU. Die EU-Sanktionen gegen das russische Erdöl laufen ins Leere. Das russische Erdöl wird halt anderswo verbraucht. Was bleibt, ist teures Öl.

Das freut Putin, beschleunigt die Inflation und sorgt dafür, dass hierzulande immer mehr Menschen mit ihrem Einkommen kein Auskommen mehr finden. Die Energiesanktionen gehören auf den Prüfstand – sie sind zumindest teilweise ökonomisch und ökologisch fragwürdig.

Der Autor lehrt Nachhaltige Entwicklung an der Uni Duisburg-Essen und publizierte das Sachbuch „Adieu, Wachstum! Das Ende einer Erfolgsgeschichte“ (Tectum Verlag).

Auch interessant

Kommentare