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Die Rechte der Natur

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Von: Thomas Gebauer

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Die Sonne geht über dem Altwarmbüchener See, der in der Nähe von Hannover liegt, auf.
Die Sonne geht über dem Altwarmbüchener See, der in der Nähe von Hannover liegt, auf. © Moritz Frankenberg/dpa

Flüsse und Seen sollten juristischen Personen sein. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Das ernüchternde Ergebnis des Weltklimagipfels im ägyptischen Scharm El-Scheich verdeutlicht, wie fatal es um die Beziehung zwischen Mensch und Natur steht. Nicht ein anderer Umgang mit der für unser Überleben so fundamental wichtigen Umwelt wurde beschlossen, sondern ein Weiter-so. Für die vom Klimawandel am meisten betroffenen Länder des Südens mag die Einrichtung eines Fonds, mit dem künftige klimabedingten Schäden gemildert werden können, zweifellos von Bedeutung sein. Für die Verursacher der Verluste bedeutet er erst einmal nur, dass klimaschädigendes Verhalten teuer wird.

Die für eine radikale Umkehr notwendige Korrektur des herrschenden kapitalistisch geprägten gesellschaftlichen Naturverhältnisses ist ausgeblieben. Noch immer dominieren Überlegungen, wie sich Natur gewinnbringend in Wert setzen lässt. Dabei hätten gerade Impulse aus Ländern wie Ecuador und Bolivien, aber auch aus Neuseeland oder Kanada zu einer Neuausrichtung unseres Verhältnisses zur natürlichen Umwelt anregen können. Dort genießt auch die Natur Rechte.

Die Natur als Rechtssubjekt? Was wie ein naiver Spleen klingen mag, gewinnt an Aufmerksamkeit. Selbst akademische Einrichtungen wie die Max-Planck-Institute beschäftigen sich mit der Frage, wie europäisches Recht, das an Subjekte gebunden ist, mit Vorstellungen in Einklang zu bringen ist, die auch der Natur Rechte einräumen. Mit anderen Worten: Wie die anthropozentrische Perspektive unseres Rechtswesens um eine biozentristische erweitert werden kann.

Warum können nicht auch Flüsse und Seen als juristische Personen betrachtet werden, wie dies etwa für Aktiengesellschaften oder Vereine längst Usus ist? Warum können hochbezahlte Wirtschaftsanwälte:innen die Rechte börsennotierter Firmen vor Schiedsgerichten vertreten, während Umweltschützer:innen sich noch immer gezwungen sehen, auf Straßen und am Rande der Legalität für den Erhalt der Umwelt kämpfen zu müssen? Müsste der Anerkennung planetarischer Grenzen nicht längst mehr Bedeutung zukommen als dem ökonomischen Wachstum?

Die Klimakrise ernst zu nehmen, erfordert, für ein anderes gesellschaftliches Naturverhältnis einzutreten. Eines, das die Menschen nicht als gesondert von ihrer natürlichen Umwelt begreift, sondern als deren Teil.

Der Autor war viele Jahre lang Geschäftsführer von Medico international und lebt heute freischaffend in Frankfurt.

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