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Macht der Mikropolitik

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Von: Marcel Schütz

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Heimliche Taktiken im Arbeitsalltag: Nicht immer ist der Chef auch der Boss. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Beschäftigte führen Weisungen gehorsam aus – offiziell. Tatsächlich steckt der Arbeitsalltag voller Taktiken, derer sich Beschäftigte klammheimlich bedienen. Die Rede ist von Mikropolitik. Der Arbeitsforscher Oswald Neuberger zählt dazu alle „Techniken, mit denen Macht aufgebaut und eingesetzt wird, um den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern und sich fremder Kontrolle zu entziehen“.

Das Verhalten verstößt gegen das, was als sozial erwünscht gilt. Aus ökonomischer Sicht darf es Mikropolitik nicht geben. Das Ideal ist ein rationaler Akteur, der nur an die Rendite der Firma denkt. Kommt es jedoch in der Praxis zu mikropolitischen Aktivitäten, drohen Sanktionen. Vor Beförderungen winken Psychotests, um „Risikokandidaten“ in einer Exceldatei der Personalabteilung notieren zu können. Die Feinde der Mikropolitik greifen zuweilen auf Techniken derselben zurück.

Mikropolitik wird verteufelt. Es sei denn, man profitiert von ihr. „Jetzt bin ich aber mal dran!“, schallt es aus der Kaffeeküche, bietet sich auf etwas krummem Wege ein Aufstiegsposten. Je komplexer die Hierarchie, desto stärker die Gefühle, nicht das Kuchenstück zu erhalten, das einem zusteht. Besonders in Konzernen versacken viele mikropolitische Handlungen in diffusen Kanälen.

Arbeitszeugnisse behaupten, die Marketingleiterin habe „eigene Interessen stets zurückgestellt“, der Lagerist „nur zum Wohle des Hauses gehandelt“. Solche Passagen würdigen Mitarbeiter, die keiner kennt. Betriebe müssen sich in diesem Als-ob-Modus beschreiben, um saubere Verhältnisse vorzutäuschen. Die Ehrlichkeit, dass Anerkennungs- und Verteilungskämpfe an der Tagesordnung sind, wird keiner honorieren.

Mikromanöver sind nicht nur die Sache jener, die im Organigramm einen Hut aufhaben. Zu-sagen-Haber gibt es auch jenseits der Spitze. Vor der Macht mittlerer Ebenen sei gewarnt: nach oben wird gefiltert, nach unten auch mal dicht gemacht.

Nüchtern betrachtet wirkt Mikropolitik von der Vorstandsetage bis in die Werkshalle. Symbolisch inszenierte Verhaltenskataloge ändern daran wenig. Doch noch eine andere Politik ist ausgesprochen wichtig: eben die der Symbole.

Der Autor ist Research Fellow im Fach Betriebswirtschaft an der Northern Business School Hamburg. Daneben lehrt er Soziologie an der Universität Bielefeld.

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