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Die Ideologie der Verbände

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Von: Heinz-Josef Bontrup

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Hierzulande steigen die Energie- und Stromkosten, doch Unternehmen sollen diese durch Produktivitätssteigerungen kompensieren.
Hierzulande steigen die Energie- und Stromkosten, doch Unternehmen sollen diese durch Produktivitätssteigerungen kompensieren. © Andrea Warnecke/dpa

Warum der deutschen Industrie kein Verlust der Wettbewerbsfähigkeit droht. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Da beklagen sich der Verband der Chemischen Industrie oder andere Industrieverbände über zu hohe Energie- insbesondere Stromkosten. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie sei hochgradig bedroht. Die Industrielobbyisten wissen, dass dies ökonomischer Unsinn ist und setzen dabei ideologisch zur Durchsetzung ihrer Interessen auf die Unwissenheit der Öffentlichkeit.

Worin besteht der Unsinn? Erstens: Unsere Wirtschaftsordnung basiert auf Wettbewerb. Wollen die Verbände diesen abschaffen? Natürlich wollen sie das! Das Ziel von Unternehmern ist immer Ausschaltung von Konkurrenz – das Monopol. Zweitens: Eine Branche und ihre Unternehmen können in einer Volkswirtschaft durch Kostenerhöhungen in den Vorleistungen im Wettbewerb nicht bedroht werden, weil alle Unternehmen mit den gleichen Kostenerhöhungen konfrontiert werden. Ein Wettbewerbsnachteil könnte allenfalls im internationalen Kontext entstehen. Dieser ist aber bei gigantischen Exportüberschüssen der deutschen Industrie nicht im Geringsten erkennbar.

Drittens: Ordnungsinhärent sollen Kostenerhöhungen durch Produktivitätssteigerungen kompensiert werden. Steigen hier die Energie- und Stromkosten, so sind die nachfragenden Unternehmen dieser Vorleistungen aufgefordert, diese Kostenarten in ihren Unternehmen durch Einsparungen zu senken. Preise haben in funktionierenden marktwirtschaftlichen Ordnungen eine Lenkungs- und Allokationsfunktion.

Viertens: Jede Preisgleichung besteht aus Stückkosten und Mehrwert je Stück. Steigen die Stückkosten, müssen nicht auch die Preise steigen und damit international ein Wettbewerbsnachteil entstehen. Wie wäre es mit Mehrwertabsenkungen pro Stück? Ach ja, das geht aus Kapitalistensicht natürlich nicht.

Fünftens: Am Ende wird abgerechnet. In der Ökonomie sind Kostensteigerungen des Einen die Gewinnsteigerungen des Anderen. Es gilt die Gleichung: Kosten gleich Einkommen. Dies zeigen uns die Wertschöpfungsrechnungen in und zwischen den Wirtschaftsbranchen. Deshalb bleiben in der gesamtwirtschaftlichen Rechnung immer auch nur das Arbeitsentgelt sowie die Unternehmergewinne und Vermögenseinkommen übrig. Sechstens: Die Verteilung der Wertschöpfungen ist extrem widersprüchlich und geht in der Regel zu Lasten der abhängig Beschäftigten aus. Und damit ist dann insgesamt auch die Ideologie der Verbände erklärt.

Der Autor ist Wirtschaftswissenschaftler.

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