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Die Grenzen der Rationalität

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Je mehr Auswahl es gibt, desto mehr Abwägungen kann man treffen.
Gilt nicht nur im Supermarkt: Je mehr Auswahl es gibt, desto mehr Abwägungen kann man treffen. © Sven Hoppe/dpa

Logische Entscheidungen sind mit Nebenkosten verbunden. Die in der ökonomischen Theorie hochgeschätzte Rationalität sollte also nicht immer unser einziger Ermessensstandard sein. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Neulich im Supermarkt musste ich mich entscheiden: Ich brauchte Crème Fraîche, aber welche? Ich entschied mich für die, die ich immer nehme. Aber als ich auf dem Weg zur Kasse war, stutzte ich. Hatte ich mich richtig entschieden? Hatte ich nur den einfachen Ausweg genommen? Naja, Crème Fraîche ist Crème Fraîche – aber die eine hat weniger Fett, die andere ist fünf Cent günstiger. Habe ich lieber zehn Gramm mehr Fett oder zahle fünf Cent weniger? Was sind die Eigenschaften, die mich von dem Produkt überzeugen? Die erste Kaufentscheidung traf ich schnell; sie war affektiv. Die späteren Bedenken stellten dagegen einen „rationalen“ Ansatz dar. In der Ökonomie betrachten wir lieber die zweite Variante, also rationale Entscheidungen. Doch ist das richtig?

Zuerst habe ich kaum über mein Handeln nachgedacht, später habe ich Zeit und Energie investiert, mich für ein Produkt zu entscheiden. Letzteres ist „rationaler“, da ich über die Eigenschaften der Produkte nachdachte und sie gegeneinander abwog. Jedoch gibt es einen Nebeneffekt: Ich betrachte die Produkte nicht mehr als Dinge an sich, sondern denke über sie als Mengen von Eigenschaften. Das eine kostet x, hat y Prozent Fett, ist Bio, und so weiter. Je mehr Auswahl es gibt, desto mehr solcher Abwägungen kann ich treffen und je mehr ich optimiere, desto weniger achte ich auf die Produkte an sich, sondern auf die Eigenschaften, die sie unterscheiden. Ist Crème Fraîche also immer noch Crème Fraîche?

Für Supermarktprodukte ist das nicht unbedingt ein Problem. Aber sollten wir auch Menschen so betrachten? Arbeitgeber:innen tun das, leider, gehäuft. Ausgebeutete Arbeiter:innen werden gerne auf ihre Leistungsparameter reduziert – was vergessen lässt, dass sie mehr sind als Waren. In der „rationalen“ Betrachtung sind Menschen nicht mehr Menschen an sich, sondern eine Menge von Eigenschaften: Ist x schnell, ist x pünktlich, lächelt x häufig genug?

Rationales Entscheiden ist mit Nebenkosten verbunden, die selten von den Entscheidenden selbst getragen werden – negative Externalitäten, die insbesondere bei betrieblichen „Rationalisierungen“ gravierend sind. Die in der ökonomischen Theorie und Praxis so hochgeschätzte Rationalität sollte also nicht immer unser einziger Ermessensstandard sein.

Der Autor ist Teil der studentischen Initiative „Was ist Ökonomie?“, die sich mit kritischen Perspektiven auf die Ökonomie befasst.

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