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Die Dramatik anerkennen

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Von: Frederick Heussner

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Es braucht in Anbetracht zahlreicher Krisen eine „umfassende Krisendiagnose“, sagt Frederick Heussner. Die EU hat bereits einen EU-Kommissar für Krisenmanagement: Janez Lenarcic.
Es braucht in Anbetracht zahlreicher Krisen eine „umfassende Krisendiagnose“, sagt Frederick Heussner. Die EU hat bereits einen EU-Kommissar für Krisenmanagement: Janez Lenarcic. © Lukasz Kobus/dpa

Eine adäquate Reaktion der Politik auf die zahlreichen globalen Krisen ist unwahrscheinlich, gleichzeitig aber unvermeidlich. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Inflation und Versorgungsengpässe. Krisenideologie und Krieg. Corona, Artensterben und Klimakatastrophe. Wir erleben, wie verschiedene Krisen gleichzeitig auftreten. Diese verstärken sich wechselseitig und nehmen immer dramatischere Ausmaße an. Das Überleben der Menschheit steht auf dem Spiel – das zu behaupten, ist keine Übertreibung.

Obwohl an dieser Diagnose kaum Zweifel bestehen, spiegelt sie sich nicht in der gesellschaftlichen Krisenreaktion: Statt grundlegende Kategorien, Prozesse und Strukturen zu hinterfragen, ist die Debatte stark auf die Sicherstellung der Energieversorgung und die Lastenverteilung der gestiegenen Energiekosten fokussiert. Das Zusammenspiel der vielfältigen Krisen wird ebenso wenig reflektiert wie die Frage, welche Bedeutung die Verdichtung von Krisenphänomenen für ein Urteil über die allgemeine Entwicklung der Gesellschaft hat.

Natürlich ist diese Fokussierung nicht unbedingt problematisch: Gerade wenn damit menschliches Leid und soziale Härten vermieden werden können, ist dieser Versuch aller Ehren Wert. Dennoch geht sie am Problem vorbei. Denn die Krise ist so umfassend, dass bisher jeder Versuch, sie zu lösen, gescheitert ist. Mehr noch: Unter den jetzigen Bedingungen kann die Krise wohl nicht gelöst werden.

Das zeigt sich in der Klimakatastrophe besonders deutlich. Unser Wirtschaftssystem, der Kapitalismus, basiert auf grenzenlosem Wachstum. Unendlich zu wachsen, ist aber in einer begrenzten Welt nicht möglich. Das bedeutet, dass wir nicht ökologisch leben können, solange der Kapitalismus bestehen bleibt. Und das wiederum heißt, Extremwetter und Naturkatastrophen werden häufiger auftreten, was wirtschaftliche, soziale und politische Krisen weiter verschärft.

Es ist also dringend notwendig, das Auseinanderfallen von umfassender Krisendiagnose und punktuellem Krisenmanagement zu überwinden. Was wir brauchen, ist eine strukturtransformative Krisenpolitik, die die Dramatik der aktuellen Konstellation anerkennt und jene Strukturen in den Blick nimmt, die einer krisenfreien Zukunft im Wege stehen. Das ist schwierig und nicht besonders wahrscheinlich – und doch letztlich unvermeidlich.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Netzwerk Plurale Ökonomik.

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