1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Gastwirtschaft

Den Mainstream hinterfragen

Erstellt:

Kommentare

Inflation hängt von der Geldmenge ab. Ist das wirklich so?
Inflation hängt von der Geldmenge ab. Ist das wirklich so? © dpa

Wirtschaftsjournalismus bietet eine zu einseitige Sicht auf die Ökonomie. Er braucht deshalb dringend ein Update. Die Kolumne „Gastwirtschaft“ von Sebastian Fobbe.

Wachstum ist gut, Schulden sind schlecht und Inflation hängt von der Geldmenge ab – so lautet standardmäßig die neoklassische Lehrmeinung. Es gibt aber auch andere Perspektiven auf diese Phänomene. Diese blendet die Mainstream-Ökonomik weitgehend aus – genauso wie der Wirtschaftsjournalismus, der auch nicht gerade plural daherkommt.

Die Krise ist in der Wirtschaft jedenfalls schon angekommen. Und genauso wie man von der Wirtschaftskrise sprechen kann, sollte man auch von einer Krise des Wirtschaftsjournalismus sprechen. Denn obwohl Ökonomie eine zentrale Rolle im Leben der Menschen spielt, interessieren sich immer weniger Leser:innen für Wirtschaftsnachrichten. Statt sich über die Konjunktur, Unternehmensentwicklungen oder die Börse zu informieren, blättern sie lieber durch den Politik- oder Sportteil der Zeitung. Das hat jüngst eine Studie aus der Schweiz herausgefunden.

Aber damit nicht genug. Zwei Studien der IG Metall-nahen Otto-Brenner-Stiftung stellen dem Journalismus auch ein schlechtes Zeugnis aus, wenn es darum geht, wie Wirtschaftsnachrichten entstehen. Viele Wirtschaftsjournalist:innen sind zu einseitig ausgebildet, denn im Volontariat, an der Journalistenschule oder im Studium kommen Themen abseits des neoklassischen Mainstreams zu kurz. Und das hat Folgen: Die Berichterstattung ist größtenteils neoklassisch – es sei denn, es ist Krise. Dann werden kurzzeitig auch keynesianische Analysen bemüht, die sonst ein Schattendasein fristen.

Was dagegen hilft? Wenn der Journalismus seinen Anspruch ernst nimmt, die Leser:innen umfassend zu informieren, darf er sich nicht allein auf neoklassische Erzählungen versteifen. Alternative Perspektiven auf Wirtschaft müssen Journalist:innen zum Dauerthema machen, damit die altbekannten Argumente der Neoklassik kritisch eingeordnet werden können.

Dazu fehlt leider oft das nötige Hintergrundwissen: ein Überblick über ökonomische Denkschulen, Kenntnisse in Wirtschaftsgeschichte und -ethik oder auch alternative Framings von wirtschaftlichen Phänomenen wie Schulden, Wachstum oder Inflation. Um es auf den Punkt zu bringen: Der Wirtschaftsjournalismus braucht ein plurales Update.

Der Autor ist Journalist in Münster und arbeitet in der Öffentlichkeitsarbeit des Netzwerks Plurale Ökonomik.

Auch interessant

Kommentare