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Das ganz große Rad

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Von: Kristina Jeromin

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In Frankfurt ist die Finanzbranche besonders stark vertreten.
In Frankfurt ist die Finanzbranche besonders stark vertreten. © Boris Roessler/dpa

Die Rolle der Finanzbranche in der Transformation: Warum ein Schulterschluss mit der Wirtschaft notwendig ist. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

In meinem Beitrag zur Jahreswende betonte ich die große Bedeutung von 2022 für den Strukturwandel in der deutschen Wirtschaft. Es war nicht abzusehen, mit welcher Wucht sich diese Prognose bereits wenig später bewahrheiten würde.

Putins Angriffskrieg wirft ein unnachgiebiges Schlaglicht auf die enge Verzahnung von politischen, ökonomischen und sozial-ökologischen Herausforderungen, die es in all ihrer komplexen Parallelität und mit der notwendigen Geschwindigkeit zu lösen gilt. Jetzt ist es an der neuen Bundesregierung zu beweisen, dass sie nicht davor zurückscheut, das „ganz große Rad“ in Bewegung zu setzten und konsequent voranzugehen. Es gilt den engen Schulterschluss mit der Wirtschaft zu suchen. Und damit ist nicht gemeint, dem Lobbyismus Tür und Tor zu öffnen und sich im Buhlen um kurzfristige Einzelinteressen zu verlieren. Jetzt braucht es einen transparenten Austausch auf Augenhöhe, verbindliche Absprachen, Innovationsanreize und die Bereitschaft zugunsten langfristig resilienter Wirtschaftsstrukturen kurzfristige Kröten zu schlucken.

Die Finanzbranche kann und will dabei eine wichtige Rolle spielen. Steht doch im Koalitionsvertrag, dass Deutschland zum führenden Standort für nachhaltige Finanzierungen werden soll, jetzt ist es Zeit, zu handeln. Die Energiewende, die ihren Namen in der Vergangenheit nicht immer verdiente, wird zum Präzedenzfall – denn „Freiheitsenergien“ brauchen Investitionen. Doch das Potenzial der Finanzbranche wird (noch) nicht gut genug genutzt. So hält das europäische Klassifizierungssystem für nachhaltige Finanzierungen – die Taxonomie – das unlängst durch die Aufnahme von Atomenergie und Erdgas in Verruf geriet, weitere Stolpersteine bereit: Nach aktuellem Stand werden Banken zukünftig nur einen geringen Teil ihrer „grünen“ Kredite als solche ausweisen dürfen. Grund dafür sind die in Artikel 8 der EU-Taxonomie formulierten Voraussetzungen. Die finanzierten Unternehmen müssen mehr als 500 Mitarbeitende haben und „kapitalmarktorientiert“ sein. Da dies auf viele nachhaltige Energieprojekte nicht zutrifft, profitieren weder sie noch die Banken, die seit Anfang dieses Jahres dazu verpflichtet sind, ihre „grüne Finanzierungsquote“ offenzulegen. So wird das nichts mit dem ganzen großen Rad, aber Politik und Wirtschaft können lernen – am besten schnell und gemeinsam.

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