Virtuelle Kommunikation im Homeofffice - das kann auch der Umwelt helfen. imago images
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Virtuelle Kommunikation im Homeofffice - das kann auch der Umwelt helfen.  

Digitalisierung

„Umweltverbrauch muss teurer, Arbeit billiger werden“

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Dirk Messner, Chef des Umweltbundesamtes, sieht in der Digitalisierung ein großes Potenzial, Klimaschutz, Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit voranzubringen. Voraussetzung seien aber ökologische Preis- und Steuersysteme.

  • Die Digitalisierung kann durch die Corona-Krise einen Schub bekommen. 
  • Dadurch wird es umso wichtiger, umweltfreundlich zu denken. 
  • Bisher machen die neuen Technologien Jobs überflüssig. 

Homeoffice, Homeschooling, Videostreaming – durch die Corona-Krise hat die Digitalisierung einen Schub bekommen. Umso mehr kommt es nun darauf an, den Trend umwelt- und klimafreundlich zu gestalten, sagt der Chef des Umweltbundesamtes, Dirk Messner, im Interview. Bisher seien die neuen Technologien vor allem genutzt worden, um Jobs überflüssig zu machen.

Professor Messner, Sie haben auch als Chef einer Bundesbehörde mit rund 1600 Mitarbeitern wegen Corona oft Homeoffice gemacht. Ist das die Zukunft?

Wir haben im Umweltbundesamt einen großen Schub in diese Richtung erlebt. Die virtuelle Kommunikation funktioniert besser als erwartet – und das hilft der Umwelt. Ich selbst habe zwei Langstreckenflüge eingespart, weil internationale Konferenzen online stattfanden. Da gibt es ein großes Potenzial zur Verkehrsvermeidung und damit CO2-Reduktion. Aber eine Vollumstellung auf virtuelles Arbeiten ist nicht drin. Bei manchen Entscheidungen ist es doch wichtig, sich physisch zu treffen. Direkte Kommunikation schafft eine andere Qualität der Kommunikation und Kooperation. Nur Homeoffice geht nicht, schon gar nicht in unseren Laboren.

Die Digitalisierung als Retter in der Corona-Krise 

Ist die Digitalisierung also der Retter in der Corona-Krise?

Sie hat uns – und vielen anderen Organisationen und Unternehmen – wirklich aus der Bredouille geholfen. Ohne Videokonferenzen und virtuelle Vernetzung wäre der Lockdown der Wirtschaft und Gesellschaft noch viel radikaler gewesen und der ökonomische Schaden noch viel größer.

Ein Plädoyer, noch viel stärker in die Richtung zu gehen?

Es kommt ganz darauf an, wie die digitalen Technologien eingesetzt werden. Sie haben ein großes Potenzial, Klimaschutz, Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit voranzubringen. Sie könnten das Instrument sein, um die vor 30 Jahren ausgerufene Kreislaufwirtschaft tatsächlich zu etablieren, die energiesparsam und praktisch ohne Abfall funktioniert – weil es nun möglich ist, die Ressourcenströme im Detail nachzuvollziehen und passgenau zu steuern. 

Dirk Messner ist seit Januar Präsident des Umweltbundesamtes.

Allerdings kommt das nicht von selbst. Diese Potenziale werden bisher nicht mobilisiert und die Digitalisierung hat auch Schattenseiten: Rechenzentren und Streamingdienste zum Beispiel sind sehr energieintensiv und produzieren viele CO2-Emissionen. Wir sehen große Ressourcenprobleme, weil der Verbrauch von umweltkritischen und knappen Stoffen wie Coltan, Tantal, Silber oder Gold stark ansteigt. Zudem werden die Technologien vorrangig dazu genutzt, um Arbeitsplätze überflüssig zu machen, nicht, um die Umwelt- und Klimaprobleme zu verringern.

„Ressourcen und Energie sind relativ billig“ 

Was ist der Grund dafür?

Es sind falsche Anreizstrukturen. Arbeit ist hoch mit Abgaben und Steuern belegt, es lohnt sich für die Unternehmen, diesen Faktor durch technologischen Wandel einzusparen. Ressourcen und Energie sind relativ dazu billig, daher werden Innovationen weniger darauf ausgerichtet, sparsam mit ihnen umzugehen.

Zur Person

Dirk Messner ist seit Januar Präsident des Umweltbundesamtes. Zuvor war der Politikwissenschaftler Direktor an der Universität der Vereinten Nationen in Bonn und Co-Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung. Von 2003 bis 2018 leitete Messner das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik in Bonn.

Das Interview mit ihm ist der letzte Teil einer FR-Serie, die beleuchtet, wie der Neustart der Wirtschaft nach der Corona-Krise genutzt werden kann, um Klima- und Umweltschutz den überfälligen Push zu geben.  

Also, was tun?

Es gibt drei große Schrauben, an denen man drehen muss. Die erste: Energiepolitik. Digitalisierung kann nur nachhaltig sein, wenn sie mit 100 Prozent Ökostrom läuft. Das muss schnellstmöglich umgesetzt werden. Zweitens: Die eingesetzten Edel- und Sondermetalle müssen komplett im Kreislauf geführt werden und nicht als Elektroschrott auf der Deponie landen, zudem muss die Langlebigkeit und Reparaturfreundlichkeit der Geräte erhöht werden. Und drittens: Wir brauchen ein ökologisches Preis- und Steuersystem, dass die Markteilnehmer ganz automatisch dazu bringt, den Umweltverbrauch zu verringern. Hierzu sollte die Politik eine sozial-ökologische Steuerreform umsetzen, die den Umweltverbrauch verteuert und die Arbeit billiger macht. Dieses Thema muss dringend wieder auf die Tagesordnung.

Der Wirtschaftsflügel der Union fordert das Gegenteil, die CO2-Bepreisung, die 2021 starten soll, wegen der Corona-Folgen auf den Prüfstand zu stellen.

Das wäre das ganz falsche Signal. Wir raten dazu, die CO2-Bepreisung sogar schneller ansteigen zu lassen als geplant, das eingenommene Geld aber wieder an die Bürger zurückgeben, etwa über eine geringere Besteuerung von Arbeit. Das würde auch neue Jobs bringen, gerade in Corona-Zeiten ist das wichtig.

Die Sache bleibt zweischneidig. Beispiel: Homeoffice spart Fahrwege ein, aber man hat gleich zwei Arbeitsplätze, einen im Büro und einen zu Hause …

… deswegen braucht es eine Strategie dafür. Doppelte Infrastrukturen kosten Energie und Ressourcen. Und: Wenn die Wohnflächen deswegen zusätzlich wachsen und die Zersiedelung der Landschaft zunimmt, wäre viel von der Einsparung wieder zunichtegemacht. 

Klimafreundliche Gebäude und das Bremsen des Flächenverbrauchs

Das kann man aber steuern – vor allem durch eine Politik, die Energie und Verkehr gemäß den Umweltkosten bepreist, die sie erzeugen. Dann bekommen wir klimafreundliche Gebäude und bremsen den Flächenverbrauch und fördern klimafreundliche Digitalisierung. Das zeigt auch: Wir müssen ganz verschiedene Politikfelder ansteuern, um Digitalisierung positiv zu gestalten. Ein solcher übergreifender Ansatz fehlt noch.

Große Hoffnungen werden auch in das autonome Auto gesetzt. Das könnte aber auch zu mehr Fahrten führen …

Das autonome Fahren ist eine große Chance. Wir können eine radikale Reduktion der Zahl der privaten Autos erreichen, wenn die Rahmenbedingungen richtig gesetzt werden. Steht der digital angeforderte Wagen in fünf Minuten vor der Tür, braucht man kein eigenes Auto mehr. Flexible Mobilität kann vom Besitz eigener Fahrzeuge entkoppelt werden. Unsere Städte könnten viel grüner und sozialer werden, wenn ein Großteil der Parkplatz-Flächen umgewidmet würde.

Ist Deutschland auf der richtigen Spur, um das umzusetzen?

Wir sind hier wirklich nicht an der Spitze. Wir müssen Investitionen in die Netze und die künstliche Intelligenz ausbauen, um mit den USA und China mithalten zu können. Hier hat die Koalition mit den Beschlüssen zum Konjunkturprogramm einen guten Anlauf genommen. Aber wir sollten das systematisch mit den Nachhaltigkeitsfragen verbinden. Das brächte uns ökonomisch weit nach vorne, und gleichzeitig würden Klima- und Umweltschutz profitieren. Die systematische Verbindung von Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeit könnte das spezifische Profil Europas werden.

Interview: Joachim Wille

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