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Charisma reicht nicht

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Von: Boris Grundl

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Fußballtrainer Pep Guardiola. Der Soziologe Max Weber definierte Charisma als Fähigkeit, Menschen um sich zu scharen.
Fußballtrainer Pep Guardiola. Der Soziologe Max Weber definierte Charisma als Fähigkeit, Menschen um sich zu scharen. © Bernd Thissen/dpa

Eine extreme Anziehungskraft von Führungskräften birgt große Gefahren. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Wie bekomme ich eine charismatische Ausstrahlung?“ Diese Frage höre ich oft. Als wäre Charisma ein Wundermittel für Leadership und Erfolg. Es stimmt, dass strahlende Persönlichkeiten mehr Gehör und Anerkennung bekommen. Natürlich klingt das verlockend. Doch hier gibt es einen Haken.

Der Soziologe Max Weber definierte Charisma als Fähigkeit, Menschen um sich zu scharen. Nach dem Prinzip: Eine Person betritt den Raum und alle drehen sich nach ihr um. In der Wirtschaftspsychologie verfügt jemand über Charisma, der Visionen überzeugend vermitteln, als Vorbild wirken und Mitarbeitende inspirieren kann.

Viele, die sich eine gewinnende Ausstrahlung wünschen, versprechen sich Überlegenheit. Das birgt die Gefahr, dass sich andere zu stark an diese Menschen binden. Jeder kennt diese einnehmenden Persönlichkeiten, die es geschafft haben, ein Unternehmen ganz nach oben zu bringen. So außergewöhnlich diese Einzelleistung auch war, so sehr hat sie Abhängigkeit erzeugt. Das funktioniert heute nicht mehr. Inzwischen kennen wir die Probleme, wenn solche Systeme in andere Hände übergeben werden sollen.

Sowohl in Politik als auch in Wirtschaft – Dominanz durch Charisma sorgt dafür, dass sich ganze Organisationen nach einem einzelnen Kopf an der Spitze ausrichten. Das war noch nie gut. Extreme Anziehungskraft hat in der Geschichte bereits die böswilligsten Motive offenbart. Noch immer erfordert sehr viel Macht ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein. Das fällt vielen schwer. Deswegen schrillen bei uns alle Alarmglocken, wenn eine Einzelperson zu viel Einfluss bekommt.

Warum möchten trotzdem so viele anziehend sein? Weil gute Performance schwache Inhalte überstrahlt. Der Bote dominiert die Botschaft. Je überzeugender jemand leuchtet, desto mehr rückt seine Kompetenz in den Hintergrund. Diese Menschen wirken so sympathisch und unanfechtbar, dass wir nicht mehr kritisch nachdenken.

Das ist der Grund, warum wir uns vom Wunsch nach dominierendem Charisma verabschieden sollten. Wenn überhaupt, sollten wir es durch eine dienende Variante ersetzen. Mein Rat: Lassen Sie sich nicht mehr von Charme und Schmeichelei einwickeln. Versuchen Sie klar zu verstehen, um was es in der Tiefe geht, und erkennen Sie die Substanz hinter einer sympathischen Aura.

Der Autor ist Führungskräfteentwickler mit eigener Akademie und Vortragsredner.

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