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Catenaccio für die EZB

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Von: Carsten Brzeski

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Wenn die Notenbank die bevorstehende Winterrezession nicht verschlimmern und verlängern möchte, muss die Geldpolitik wieder defensiver werden.

Letzten Sonntag verglich der Präsident der niederländischen Notenbank, Klaas Knot, die Geldpolitik mit einem Fußballspiel: die Zinserhöhungen der letzten knapp vier Monate waren nur der Anfang und der Halbzeitpfiff sei noch nicht mal ertönt. Es kommt noch eine gesamte zweite Halbzeit. Was Knot damit sagen wollte, ist, dass die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) noch lange nicht beendet sind. Cruijffscher „Fußball total“ (voetbal totaal) bei der EZB?

Seit dem Sommer spielt die EZB wie ein Verein, der in der 85. Minute mit 0:2 zurückliegt. Alles nach vorne werfen, lange Bälle und mit drei XXL Zinsschritten versuchen aufzuholen, was man seit Monaten verpasst hatte: die Geldpolitik endlich zu normalisieren. Jetzt, wo man kurz davorsteht, den Ausgleich zu erzielen, bleibt allerdings die Frage, ob die Luft reicht für noch mehr.

Die Wirtschaft in der Eurozone hat und wird sich schon ohne Zinserhöhungen stark abkühlen. Die Winterrezession ist nur eine Frage der Zeit. Die Geldpolitik tut jetzt ihr übriges. Zinsen für Wohn- und Konsumentenkredite haben sich fast vervierfacht. Für Unternehmen und Regierungen ebenso. Die Wirtschaft wird hiermit weiter ausgebremst.

Kurz vor Anfang der Pandemie war es die Angst vor den Folgen von Zinserhöhungen für Finanzstabilität und Wirtschaft, nicht die Angst vor höheren Zinsen, die die EZB in die Passivität trieben. Jetzt hat man die stärksten Zinserhöhungen, die es innerhalb von weniger als vier Monaten jemals gegeben hat, und die negativen Folgen haben sich einfach in Luft aufgelöst?

Die Eurozone zeigt anders als zum Beispiel die USA herzlich wenig Eigenschaften einer überhitzten Konjunktur, die mit Zinserhöhungen abgekühlt werden muss. Im Gegenteil. Die Eurozone braucht Investitionen in die grüne Transformation und Umstrukturierungen gesamter Business Modelle. Diese wird man nicht bekommen, wenn die EZB die Zinsen ins Unermessliche, in den sogenannten restriktiven Bereich, erhöht.

Angriffsfußball der Marke Cruijff war das richtige Mittel, um den Ausgleich zu erzielen und die Zinsen Richtung Normalität zu bekommen. Wenn die EZB die bevorstehende Winterrezession nicht verschlimmern und verlängern möchte, wäre demnächst eher italienischer Catenaccio angesagt. Es gibt auch häufig ziemlich langweilige zweite Halbzeiten im Fußball.

Der Autor ist Chefvolkswirt

der Bank ING in Frankfurt.

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