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Immer mehr Top-Manager tanzen im T-Shirt an.

Generation Y

Manager in T-Shirts tragen Botschaften des Zorns auf der Brust

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In der agil-digitalen New-Work-Welt signalisiert die einstige Unterwäsche Dynamik und Entschlossenheit: Es gibt Wichtigeres als Kleidungskonventionen, zum Beispiel Erfolg.

Die sommerliche Hitze stellt die Arbeitswelt vor neue Herausforderungen. Klimaanlagen hoch oder Krawatten runter lautet die Frage und angesichts der eh schon großen CO2-Schuld entscheiden sich selbst Träger von schwerer Verantwortung zum Tragen leichter Kleidung.

Touristen in Berlin Mitte verkennen oft die Lage: All die schlecht gekleideten Menschen sind keine prekären Randgruppen, sondern gut verdienende Jungunternehmer, zum Teil mit Einkommen, die andere nicht beim Lotto gewinnen.

Das Geld kriegen sie für smarte Ideen und eine vielversprechende Haltung. Der Hipster-Look ist dabei bares Geld wert. Wer es wagt, mit Schlips und Kragen vor einen Business Angel zu treten, kann gleich zur Hölle gehen. Lässige Kleidung gilt als Anti-Establishment. Und ist gerade darum besonderes Statussymbol. Die Botschaft: Ich hab’s nicht nötig.

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Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Claudia Cornelsen ist Publizistin, PR-Beraterin und Executive Coach

So kommt es, dass auch immer mehr Top-Manager im Unterhemd antanzen. Unterhemd? Ja, richtig gelesen, denn als nichts anderes wurde das T-Shirt konzipiert. Es sollte unter dem ordentlich gebügelten Hemd den Männerschweiß aufsaugen, ohne am Kragen oder Handgelenk hervorzublitzen. Jetzt also spazieren Männer oben ohne auf den Teppichetagen der Wirtschaft. Und auch Frauen tragen längst (taillierte) T-Shirts.

In der agil-digitalen New-Work-Welt signalisiert die einstige Unterwäsche Dynamik und Entschlossenheit: Es gibt Wichtigeres als Kleidungskonventionen, zum Beispiel Erfolg. Statt Hemden zu knöpfen, eilt die Elite in die rasende Moderne. Da gilt es, keine Zeit zu verlieren, doch das textile Understatement ist mehr als nur Funktionswäsche.

Claudia Cornelsen

Die Generation Y trägt nämlich stolz auf der Brust ihre (meist nicht ganz so individuellen) Antworten auf die große Why-Frage. Durch eine plakative Botschaft wird das „Spreadshirt“ zum Markenzeichen. Hier ließe sich locker die ganze Klaviatur wertbewusster Bekenntnisse spielen. Ein bisschen Wissen, ein bisschen Weltläufigkeit. Hier historisches Bewusstsein, dort politischer Wille.

Doch zu den beliebtesten Sprüchen gehören: „Rinderfilet krümelt nicht.“ Und: „Bevor du fragst: Nein!“. Der Zeitgeist scheint zornig und zynisch zugleich. Schade. Vielleicht sollte ich mir das auf ein Shirt drucken lassen.

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