1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Gastwirtschaft

Bitte ohne Gießkanne

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Silke Ötsch

Kommentare

Nach Berechnungen des französischen Ökonomen Lucas Chancel sind die obersten ein Prozent der Weltbevölkerung für fast 17 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich.
Nach Berechnungen des französischen Ökonomen Lucas Chancel sind die obersten ein Prozent der Weltbevölkerung für fast 17 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. © Laurent Gillieron/dpa

Reichtum sollte besteuert, Konsum gedeckelt werden. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Obwohl die ökologische Krise tickt und viele nicht wissen, wie sie ihre Energie bezahlen sollen, ist die Deckelung des Umweltverbrauchs von Reichen ein Tabu. Dabei sind nach Berechnungen des französischen Ökonoms Lucas Chancel die obersten ein Prozent der Weltbevölkerung für fast 17 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich und die obersten zehn Prozent für knapp die Hälfte des Ausstoßes. Die unterste Hälfte der Weltbevölkerung verursacht hingegen nur 11,5 Prozent der CO2-Emissionen.

Auch die Entwicklung geht beim reichsten Prozent in die falsche Richtung. Seit den 1990er Jahren steigen die Emissionen in diesem Segment. Lediglich die Emissionen von Menschen der unteren und mittleren Klassen reicher Länder sinken, wenngleich sie, global betrachtet, weit mehr verbrauchen als der untere Teil der Weltbevölkerung. Reiche verursachen den größten Teil ihrer Emissionen durch Flugreisen, Transport über Land und einen Konsum von Immobilien, der den Gebrauch von Wohnraum der unteren Hälfte um ein Vielfaches übertrifft. Ärmere verbrauchen Energie für Güter, Fortbewegung auf dem Land, Wohnung, Bekleidung und Nahrungsmittel.

Treffsichere Maßnahmen zum Energiesparen und Instrumente zur sozialen Abfederung der Verteuerung von Energie müssten also den unterschiedlichen Verbrauch und Bedarf der verschiedenen Gruppen nach Einkommen und Vermögen berücksichtigen. Untergrenzen wie soziale Sicherung oder Mindestlohn sind weitgehend akzeptiert. Dazu könnte ein Konsumkorridor kommen, der Obergrenzen für den Verbrauch setzt und zwischen entbehrlichem Luxuskonsum und notwendigen Konsumgütern unterscheidet.

Ein weiterer Vorschlag sieht ein Pro-Kopf-Budget an CO2 vor. Die Umweltkrise gibt weitere Gründe, Reichtum zu besteuern und umweltschädliche Investitionen zu verteuern. Über Einnahmen könnten universell nutzbare Grundleistungen mit ökologisch-sozialer Stoßrichtung finanziert werden, etwa Investitionen in den öffentlichen Verkehr, Gesundheitsversorgung, Bildung, den Wohnungssektor und digitale Infrastruktur. Das wäre für die Mehrheit sogar eine positive Vision.

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen und Vertretungsprofessorin für Soziologie an der Universität Hamburg.

Auch interessant

Kommentare