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In Deutschland herrscht Pflegenotstand.

Gastwirtschaft

Bedenkliches Abwerben

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Globale Gesundheitspolitik beginnt zu Hause.

Der Pflegenotstand zwingt zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Seit geraumer Zeit sucht das deutsche Gesundheitswesen nach ausländischen Pflegekräften, um das immer unübersehbarere Versorgungsdefizit zu überwinden. Im Rahmen ihres euphemistisch als „Triple Win“ bezeichneten Vorhabens wirbt die Bundesregierung schon länger um ausgebildete Pflegekräfte aus Bosnien-Herzegowina, Serbien, Tunesien und den Philippinen.

Wo Aktionismus herrscht, darf der Hans-Dampf im Gesundheitsministerium nicht fehlen. Der umtriebige Minister Jens Spahn (CDU) kümmert sich persönlich. Nach Kosovo und Albanien stand zuletzt Mexiko auf seiner Einkaufsliste. Dort fehlen allerdings nach aktuellen Schätzungen etwa 250 000 Pflegekräfte. Und die bevorstehende Umwandlung der dort vor zehn Jahren eingeführten Krankenversicherung für informell Beschäftigte und Arme in ein steuerfinanziertes Versorgungsystem wird den Bedarf weiter steigern.

Auch für Befürworter des Rechts aller Menschen auf die freie Wahl des Arbeits- und Wohnortes, das Spahns Partei für andere so gerne einschränken möchte, ist das gezielte Abwerben von Fachkräften aus Ländern, wo diese nicht im Überfluss vorhanden sind, ethisch mehr als bedenklich. Zudem widerspricht es dem Verhaltenskodex der Weltgesundheitsorganisation. Und es konterkariert das international viel gelobte Engagement der deutschen Bundesregierung für die Verbesserung der Gesundheit weltweit. Unter Federführung des Spahn-Ministeriums arbeitet die Bundesregierung gerade an einer neuen Strategie zu globaler Gesundheit.

Das aktive Abwerben von Fachkräften bedroht nicht nur die medizinische Versorgung in ärmeren Ländern. Es belegt auch die ungleiche Macht- und Ressourcenverteilung in der Welt. Einflussreiche Akteure stellen diese Hegemonie nicht in Frage, sie verstehen globale Gesundheit als Schutz vor bedrohlichen Krankheiten durch biomedizinische Lösungen. Dabei übersehen sie, dass globale Gesundheit zu Hause beginnt.

Mit besserem Personalschlüssel, attraktiveren Berufsperspektiven und angemessener Bezahlung professionell Pflegender in Deutschland könnte die Bundesregierung einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheit hierzulande und weltweit leisten. Und einen überzeugenden Beweis abliefern, dass sie globale Gesundheit ernst nimmt.

Der Autor ist Facharzt für Innere Medizin und hat eine Professur für Global Health an der Hochschule Fulda.

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