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Architektur in Serie

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Von: Günther Moewes

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Der Himmel verfärbt sich am Abend vor der Kulisse der Hochhäuser im Osten Berlins.
Der Himmel verfärbt sich am Abend vor der Kulisse der Hochhäuser im Osten Berlins. © dpa/(Symbolbild)

Warum Deutschland keine 400 000 neuen Wohnungen pro Jahr hinkriegt und wie man das ändern könnte.

Was würden Autos kosten, wenn sie produziert würden wie Wohnbauten? Das Zigfache. Wegen zu kleiner Serie. Andersherum will niemand Städte aus nur 20 Modellen. Warum fahren Touristen in die Bergdörfer Andalusiens, nicht aber nach Marzahn? Weil die Orte früher vielfältig und regionaltypisch waren. Und „aus einem Guss“. Weil nicht von „Stararchitekten“ gebaut wie die heutigen Architekturzoos.

Könnte es das denn geben: Vielfältige, regional verschiedene Wohnbauten, die industriell billig in großen Serien gebaut werden? Es könnte. Gemeint sind jetzt nicht die oft so entsetzlichen Fertighäuser, Typen- oder Beton-Großtafelbauten. In den 60er Jahren gab es jedoch einmal einen sehr viel versprechenden Ansatz: Die sogenannten „Baukastensysteme“. Die gingen auf die „Märklin“-Kinderbaukästen zurück. Mit denen konnte man aus Lochblechen alles mögliche zusammenschrauben: Kräne, Lokomotiven, Häuser. Geht das auch mit richtigen Bauten? Ja. Es gab damals beispielsweise das Holzbausystem „Herrenalb“. Oder das „Marburger System“, mit dem ein Teil der dortigen Universität gebaut wurde. Oder das „Brockhouse-System“: Damit wurden bis 1972 allein in Deutschland 80 Schulen gebaut. Und die beiden Universitäten York und Bath in England. Alle von selbständigen Architekten. Das System muss nur die Abmessungen und Verbindungen seiner Teile so planen, dass damit alle denkbaren rechtwinkligen Formen, Baukörper, Höfe (und Bergdörfer) zusammengefügt werden können. Großtafelsysteme können dagegen keine Höfe und Versprünge, nur Quader. Weil sie keine „Innenecken“ können. Baukastensysteme können das.

Was müsste sich also ändern? In einem europaweiten Wettbewerb müssten die besten Systeme entwickelt werden. Zentrale Firmen, die bisher die konventionellen Ziegel, Träger und Gipsplatten gefertigt haben, müssten nun in großen Serien die Systemteile in alternativen Materialien auf Vorrat fertigen. Die Architekten würden dann ihre Bauten planen, danach mit der Software eines Systems die Montagepläne herstellen, die Teile durchnummerieren und bestellen. Und endlich Wohnviertel bauen, die vielfältig, billig und aus einem Guss sind. Wenn dann nur ein Prozent bezahlbarer Mietwohnungen zu viel gebaut wird, sinken alle Mieten.

Der Autor war bis 1972 Entwicklungschef beim Brockhouse-System. Siehe dazu auch sein Buch „Weder Hütten noch Paläste“.

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