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Alte Baumstämme versenken

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Von: Günther Moewes

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Ein Verfahren, um den CO2-Ausstoß zu senken: „Die Million Holzstämme, auf denen Venedig gebaut wurde.“
Ein Verfahren, um den CO2-Ausstoß zu senken: „Die Million Holzstämme, auf denen Venedig gebaut wurde.“ © Natallia Bystraia/PantherMedia

Was wir von Venedig lernen können: die einfachste Methode, CO2 zu vermindern. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Die Zement- und Betonproduktion verbraucht weltweit mehr Energie als der Flugverkehr. Holzbau verbraucht demgegenüber nicht nur weit weniger Energie – er trägt auch entscheidend zur Verringerung der CO2-Emission bei. Die steigt ja leider weltweit immer noch an. Mehr Holzbau könnte diesen Anstieg bremsen und so die Dramatik der angebrochenen Heißzeit. Wie kommt das?

Ausgewachsene Vegetationssysteme wie 100 Jahre alte Bäume binden fast überhaupt kein CO2 mehr. Alles Holz und Laub, was im Frühjahr und Sommer produziert wird, verrottet im Winter wieder, wird zu CO2 „remineralisiert“. Das CO2 in der Atmosphäre kann also nur verringert werden, indem neues, vorher nicht vorhandenes Holz durch Neuanpflanzung hinzukommt, oder vorhandenes Holz an der Remineralisierung gehindert wird.

Holz von Neubauten wird sowieso dauerhaft am Verrotten gehindert, d.h. an der Bildung von CO2. Würden wir weltweit nur noch Holzbauten bauen, würde das die Heißzeit signifikant bremsen. Hoffen wir dabei auf die Brandschutzexperten, die versichern, das Problem der Entflammbarkeit sei gelöst.

Daraus ergeben sich weitere Erkenntnisse: Dach- und Fassadenbegrünung bilden kaum dauerhaft neues Holz und binden deshalb auch kaum CO2. Auch für Fluginsekten haben sie mangels Blütenbildung wenig Bedeutung. Bereits vor vielen Jahren habe ich in der Zeitschrift „Baumeister“ dagegen auf ein sehr einfaches Verfahren zur Senkung des CO2-Ausstoßes hingewiesen: die Million Holzstämme, auf denen Venedig gebaut wurde. Die Venezianer machten genau das, was die Sumpfwälder und Moore des Karbon taten, als sie unsere heutigen fossilen Brennstoffe erzeugten.

Vermutlich ein Verfahren, das wirksamer wäre als die zahlreichen technischen Verfahren, mit denen man heute CO2 direkt aus der Atmosphäre herausziehen will: Einfach alle alten, nicht mehr für Holzbau brauchbaren Stämme aus Waldbränden und Sturmschäden nicht auf den Müll werfen, sondern beschwert im nächsten Gewässer oder ehemaligen Salzbergwerk dauerhaft versenken. Vielleicht sogar alle über 100 Jahre alten Bäume aus gewässernahen Wäldern. Laub, Äste und Baumstümpfe liefern ja genug Verrottung. Für uns Baumfreunde allerdings etwas schwer zu akzeptieren.

Der Autor ist emeritierter Professor industrialisiertes Bauen und Wachstumskritiker. In seinem soeben neu aufgelegten Ökologie-Buch „Weder Hütten noch Paläste“ hat er 1995 die Klimakrise vorausgesagt.

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