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Youtuber Rezo hatte in einem Video die Politik der CDU kritisiert und ein Millionenpublikum erreicht. (Archiv)

Gastwirtschaft

Von Äpfeln und Birnen

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Die digitale Welt ist mit der analogen nicht vergleichbar.

Ist Youtube vergleichbar mit einem Fernsehsender? Arbeiten Instagram-Influencer ähnlich wie Redakteure? Was Social-Media-Plattformen für unsere digitale Öffentlichkeit darstellen und welche Regeln für sie gelten sollen, darüber wird derzeit intensiv gestritten. Allerdings kommt die Debatte kaum voran. Das liegt auch daran, dass Vergleiche zwischen der digitalen Öffentlichkeit und der analogen Medienwelt die Debatte bestimmen.

Dass dies nicht immer sinnvoll ist, hat sich in den Wochen vor der Wahl zum Europäischen Parlament gezeigt. Der Youtuber Rezo hatte in einem Video die Politik der CDU kritisiert und damit ein Millionenpublikum erreicht. Unter Politikern, Juristen und Medienexperten begann eine Diskussion darüber, welche Regeln für einen Influencer wie Rezo gelten müssten, wenn er sich im Wahlkampf äußert. Schnell wurden Influencer mit Zeitungshäusern verglichen, die ebenfalls hohe Reichweiten erzielen, sich aber an bestimmte Regeln halten müssen.

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Julian Jaursch, Projektleiter „Stiftung digitaler Öffentlichkeit“ beim Berliner Think Tank Stiftung Neue Verantwortung.

Abgesehen davon, dass auch für Influencer bereits Regeln gelten, hinkt der Vergleich. Influencer sind, falls eine analoge Entsprechung überhaupt passend ist, eine Mischung aus Medienproduzenten und Promis. Und Wahlempfehlungen von Promis sind weder illegal noch unüblich.

Es sind solche Übertragungen aus der analogen in die digitale Welt, die eine sinnvolle Debatte über „Regeln für das Internet“ verhindern. Etwas Ähnliches spielt sich in der Frage um transparente Onlinewerbung von Parteien ab, bei der ebenfalls ein Vergleich mit dem Analogen bemüht wurde: Wie im TV oder auf Plakaten sei im Netz eine Kennzeichnung von Wahlwerbung nötig. Dieser Vergleich greift zu kurz. Zwar ist es wichtig, online zu sehen, wer hinter einer Anzeige steckt. Aber Online-Banner funktionieren anders als Wahlplakate am Straßenrand: Parteien können aufgrund umfassender Datensammlungen die Menschen viel gezielter ansprechen. Deshalb ist mehr als eine Kennzeichnung nötig.

Beide Fälle verdeutlichen, dass unsere Vorstellungen von Medien und Formaten aus der analogen Welt, wenn überhaupt, nur begrenzt auf digitale Plattformen übertragbar sind. Um fehlgeleitete Diskussionen zur digitalen Öffentlichkeit zu vermeiden, ist es daher wichtig abzuwägen, welche Vergleiche zwischen digitaler und analoger Welt passend sind.

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