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Nach Gas-Stopp für Polen und Bulgarien: Wie zahlt Deutschland für russisches Gas?

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Von: Fabian Hartmann

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Gas nur noch gegen Rubel: Russland hat die Lieferungen nach Polen und Bulgarien gestoppt. Wie zahlt Deutschland für den Rohstoff – und ist die Versorgung gefährdet?

München – Russland macht Ernst: Das Land hat die Gaslieferungen nach Polen und Bulgarien gestoppt. Der Grund: Beide Länder haben sich geweigert, ihre Lieferungen in Rubel zu bezahlen. So begründet zumindest der russisches Staatskonzern Gazprom das Ende der Geschäftsbeziehungen. Der Ukraine-Konflikt wirkt sich damit nun unmittelbar auf die Energieversorgung in Europa aus, wie Merkur.de berichtet.

Gas aus Russland: Wie kommt das Geld nach Moskau?

Aber: Auch Deutschland und andere EU-Länder zahlen bislang in Euro – und damit im Einklang mit den Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland. Droht also auch hier ein Ende der Versorgung?

Russland pocht zwar auf Zahlungen in Rubel, das Land hat sich aber eine Hintertür offen gelassen. So zahlen Deutschland und andere Länder weiter in Euro. Die Gazprom-Bank tauscht die Euro dann in Rubel um. Ein Buchungstrick im Hintergrund also. Allerdings ist unklar, ob sich Polen und Bulgarien diesem Prozedere verweigert haben – oder ob Russlands Präsident Wladimir Putin an dieser Stelle ein Exempel statuieren will, um den Druck auf den Westen weiter zu erhöhen. Sofia und Warschau betonen, ihre vertraglichen Verpflichtungen erfüllt zu haben. Die EU-Kommission kritisierte das russische Vorgehen als Erpressungsversuch, was ein Kremlsprecher zurückwies.

Gas aus Russland: Wie abhängig ist Deutschland?

Fakt ist: Die deutschen Gasspeicher sind derzeit zu rund 33 Prozent befüllt. Sollte sich Präsident Putin also dazu entscheiden, die Lieferungen ab sofort zu stoppen, käme die Bundesrepublik trotzdem durch den Sommer. Das Land könnte sogar anderen Staaten – etwa Polen und Bulgarien – bei Engpässen noch aushelfen. Kein Wunder also, dass das Bundeswirtschaftsministerium mitteilt: „Derzeit ist die Versorgungssicherheit hier gewährleistet“.

Russlands Präsident Wladimir Putin
Dreht Russlands Präsident Wladimir Putin der EU das Gas ab? © Mikhail Klimentyev/dpa

Die Abhängigkeit von Russland hat sich zuletzt deutlich verringert: Im vergangenen Jahr deckte die Bundesrepublik noch 55 Prozent ihres Gasbedarfs in Russland. Im März waren es noch 40 Prozent. Inzwischen liegt der Anteil russischer Lieferungen nur noch bei 35 Prozent.. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) verspricht, dass der Anteil an russischem Gas bis Sommer 2024 auf zehn Prozent sinken soll. Bei Öl und Kohle soll es noch vorangehen.

Gas aus Russland: Dreht Putin auch Deutschland das Gas ab?

Die Ausgangslage für Deutschland ist also verhältnismäßig komfortabel. Stand jetzt. Denn: Spätestens im Winter, wenn der Gasverbrauch steigt, könnte es auch in Deutschland zu Versorgungsproblemen kommen. Energieexperten glauben aber nicht, dass Russland die Bundesrepublik von der Gasversorgung abschneidet. „Wir sollten jetzt keine Panik haben, dass Russland das auch mit uns macht. Russland braucht die Einnahmen“, sagte Tobias Federico, Chef der Energieberatungsfirma Energy Brainpool dem Münchner Merkur.

Gas aus Russland: Wie kommen Bulgarien und Polen jetzt an Gas?

Die Märkte haben auf das russische Gas-Boykott für Polen und Bulgarien gelassen reagiert. Und beide Länder kommen weiter an den Rohstoff. Wie das funktioniert? Bisland floss Erdgas durch die über 4000 Kilometer lange Jamal-Pipeline von Russland über Belarus und Polen bis nach Deutschland. „Der Hahn wurde zugedreht“, sagte Polens Klimaministerin Anna Moskawa am Mittwoch (27. April). Im ökonomischen Sinne stimmt das. Nicht aber im technisch-physikalischen. Denn das Gas fließt weiter – nun halt direkt nach Deutschland. Polnische Händler kaufen den Rohstoff jetzt eben in Deutschland. Statt von Ost nach West fließt das Gas verstärkt von West nach Ost. Auch Bulgarien greift auf andere Lieferanten zurück.

Gas aus Russland: Warum erholt sich Russlands Währung trotz Krieg?

Trotz Sanktionen des Westens hat sich die russische Währung erholt. Zuletzt lag der Rubel sogar nahe einem Zweijahreshoch gegenüber dem Euro. Dabei war es auch das Ziel der Sanktionen, die russische Währung zu schwächen. Die Folge wäre Inflation und damit ein höherer politischer Druck auf Präsident Putin. Doch Russland hat eine Reihe von Gegenmaßnahmen ergriffen – zwar nicht marktwirtschaftlich, dafür aber wirksam. So sorgen die bestehenden Kapitalverkehrskontrollen dafür, dass Oligarchen und Unternehmen nicht einfach Rubel wechseln und Gelder ins Ausland verschieben. Innerhalb von sechs Monaten darf das Tauschvolumen 10.000 Dollar nicht übersteigen.

Außerdem hat die russische Zentralbank die Leitzinsen mit Beginn des Krieges deutlich angehoben. In der Spitze lagen sie bei 20 Prozent. Inzwischen wurde der Zins wieder auf 17 Prozent gesenkt. Aber: Durch die hohen Zinsen haben Sparer einen starken Anreiz, ihr Geld bei der Bank zu lassen. Hinzu kommt, dass Russland weiterhin hohe Exporterlöse aus dem Verkauf von Öl und Gas erzielt. Dass der Rubel zuletzt so stabil war, ist also auch darauf zurückzuführen, dass Russland schlicht mehr Güter ins Ausland exportiert als es umgekehrt einführt. Ökonomen sprechen dann von einem Exportüberhang. Und der stärkt die Währung.

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