In Ostwestfalen-Lippe stimmt die Mischung: vorne Biogas, hinten Windräder.
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In Ostwestfalen-Lippe stimmt die Mischung: vorne Biogas, hinten Windräder.

Energieversorgung

Frei und unabhängig: So könnten wir Russland und dem Klimawandel entkommen

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Internationale Fachleute haben errechnet, wie Windkraft, Biogas und Einsparungen fossile Energien überflüssig machen könnten.

Berlin - Es ist ein überaus ambitionierter Plan: Deutschland kann sich danach bereits binnen weniger Monate unabhängig von russischen Energie-Lieferungen machen, nicht erst bis 2024, wie von der Bundesregierung geplant. Das rechnet ein internationaler Thinktank in einer „Machbarkeitsstudie“ vor. Die Hebel dafür sind vor allem ein schneller Ausbau der Windkraft, die Nutzung von Biogas, um die Erdgas-Speicher zu füllen, Energieeinsparungen sowie Änderungen im Mobilitätsverhalten. Der Vorteil: Einschränkungen bei der Industrieproduktion wären unnötig, und teure Flüssiggas-Importe würden überflüssig, so die Fachleute.

Deutschland hat seine Abhängigkeit von russischem Erdgas bereits deutlich reduziert. Im Jahr 2021 betrug der Anteil am Gesamtverbrauch noch rund 55 Prozent, derzeit liegt er nur noch bei 30 Prozent. Ersetzt wurde es zum großen Teil durch andere Lieferungen, etwa aus Norwegen und den Niederlanden, außerdem verbrauchten Industrie, Kraftwerke und Privathaushalte weniger. Trotzdem drohen Lieferengpässe und noch höhere Kosten, wenn das Gas aus Russland dauerhaft abgestellt wird oder verringert fließt.

Nachhaltige Freiheit: Der Masterplan steht bereits

Der „Zero Emission Think Tank“ (ZETT) glaubt, dass ein Booster bei den erneuerbaren Energien und Einsparungen aus dieser Abhängigkeit herausführen können. Der Masterplan umfasst einmalige Investitionen von 40 Milliarden Euro, wodurch allerdings Einsparungen von zehn Milliarden jährlich möglich seien, allein schon durch geringere Heizkosten.

Mitglieder des Thinktanks sind unter anderem der frühere Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energieforschung (ISE), Professor Eicke Weber, der Ex-Grünen-MdB Hans-Josef Fell sowie US-Wissenschaftler aus Boulder, Stanford und Berkeley, darunter der US-Energiesparpapst Amory Lovins.

So geht Unabhängigkeit von Russland: Mit Biogas die Speicher auffüllen

Die Gruppe schlägt vor, einen Großteil der bestehenden rund 9700 Biogas-Anlagen an das Erdgas-Netz anzuschließen. Durch Nutzung des darin produzierten Biogases könnten die Erdgas-Speicher, deren Füllstand derzeit rund 65 Prozent beträgt, in den nächsten Monaten komplett befüllt werden. Bisher wird das Biogas zumeist direkt in den Anlagen zur Stromproduktion genutzt, was dann wegfiele. „Der Vorteil voller Gasspeicher ist so groß, dass das tolerierbar ist“, sagte ZETT-Direktor Ingo Stuckmann der FR. Der Biogas-Strom könne, so die Untersuchung, durch einen schnellen Ausbau von Wind- und Solarenergie schon in diesem Jahr mehr als ausgeglichen werden.

Laut der Studie könnten bis Ende des Jahres per „Sofortgesetz“ rund 1700 zusätzliche Windkraft-Anlagen gebaut werden, die bereits genehmigt, aber derzeit noch nicht errichtet seien. Der Bau solle „typenoffen“ erfolgen dürfen. Das bedeutet: Es können gleich die modernen, leistungsstarken Windanlagen mit sechs Megawatt (MW) Leistung gebaut werden. Auf diese Weise würden mit diesen Anlagen sofort 50 Prozent mehr Windstrom und damit jährlich rund 40 Milliarden Kilowattstunden Elektrizität zusätzlich erzeugt werden. Einen ähnlich starken Zuwachs bei der Windkraft hat es zuletzt 2017 gegeben, mit knapp 1800 Windrädern.

Gas wird knapp: Bürgerinnen und Bürger sollen dämmen und sparen

Weiter schlägt der Thinktank vor, bis zum Winter rund 330.000 zusätzliche Strom-Wärmepumpen zu installieren, die jeweils mehrere Wohnungen oder, in einem Nahwärmenetz, mehrere Häuser, zum Beispiel Reihenhäuser, versorgen könnten. Ziel ist es, kurzfristig rund drei Millionen zusätzliche Haushalte mit Wärme aus Strom zu versorgen, die bisher mit Erdgas geheizt werden. Dadurch könnten neuen „Nachbarschafts-Energiegemeinschaften“ entstehen.

Ein weiterer Schwerpunkt des Vorschlags ist eine staatlich geförderte Wärme-Innendämm-Offensive für öffentliche und private Gebäude, in der auch die „Zivilgesellschaft“ einbezogen werden soll. So könnten Schüler:innen eingebunden werden, die unter Anleitung von Fachleuten in einer bundesweiten Projektwoche mithelfen, ihre Klassenräume innen zu dämmen und die erworbenen Kenntnisse dann auch, unterstützt durch Klimamanager:innen sowie eine aufsuchenden Beratung der Kommunen, in der elterlichen Wohnung umzusetzen, da wo es möglich ist. Der Thinktank hält es für möglich, auf diese Weise in relativ kurzer Zeit bis zu 4,8 Millionen Wohnungen energetisch zu verbessern und damit zehn Milliarden Euro Heizkosten jährlich einzusparen. Der Staat solle das finanziell unterstützen.

Zwei Grad kälter soll es werden: Neue Wege statt enormer Geld-Summen

Weitere Vorschläge des Konzepts betreffen Verhaltensänderungen der Bürger:innen beim Heizen und bei der Mobilität. So solle die Raumtemperatur in der Heizperiode um zwei Grad gesenkt werden, was rund zwölf Prozent Energie einsparen würde. Zudem solle jede fünfte Autofahrt ersetzt werden. Stichworte: Umstieg auf Fahrrad oder ÖPNV, dauerhafte Einführung von Homeoffice, wo möglich, zumindest für einen Tag pro Woche. Ergänzt werden solle das durch ein zeitlich befristetes Tempolimit auf allen Straßen; Tempo 110 auf Autobahnen, Tempo 80 außerorts, Tempo 30 in den Städten.

ZETT-Chef Stuckmann betont: „Statt enorme Summen Geld auszugeben, um Flüssiggas zu beschaffen und damit unsere Abhängigkeit von fossilen Energien zu verlängern, sollte die Bundesregierung jetzt neue Wege gehen, um den Umstieg auf günstige Erneuerbare und Effizienz zu beschleunigen. Es gibt keinen Grund, weiter draufzuzahlen.“ Er glaubt, dass viele Bürger gerade derzeit, angesichts des Ukraine-Krieges und der Hitzewelle, bereit seien, sich zu engagieren. „Damit ist sogar der 1,5 Grad Pfad beim Klimaschutz wieder in Sicht.“ (Joachim Wille)

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