Den Akteuren an den Finanzmärkten ist die Realität zu langsam.
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Den Akteuren an den Finanzmärkten ist die Realität zu langsam.

Frühindikatoren

Futter für die Spekulanten

  • vonStephan Kaufmann
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Anleger brauchen Informationen über die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung. Die wollen die Statistiker jetzt noch schneller liefern. Die Analyse.

Die Finanzmärkte haben im hiesigen Wirtschaftssystem eine dominante Position. Kapital- und Kreditgeber teilen die Summen zu, die die Realwirtschaft braucht, oder sie verweigern sie. Gleichzeitig und getrennt davon findet an den Finanzmärkten eine permanente spekulative Bewertung von Aktien und Anleihen, also der Erwartungen an die Realwirtschaft statt. Um ihre Erwartungen an die Zukunft zu formulieren, brauchen die Finanzanleger Informationen über die Gegenwart – möglichst aktuelle Informationen. Und dieses Bedürfnis will nun das Statistische Bundesamt besser befriedigen.

Den Akteuren an den Finanzmärkten ist die Realität stets zu langsam. Sie brauchen zeitnahe Daten über die wirtschaftliche Lage. Doch diese Daten müssen erst aufwendig errechnet werden – das Statistische Bundesamt wird das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal 2019 erst diese Woche bekanntgeben. Informationen über die Vergangenheit nutzen der Spekulation allerdings wenig. Entscheidende Rolle für sie spielen daher sogenannte Frühindikatoren, vor allem Stimmungsindikatoren wie der Ifo-Geschäftsklimaindex.

Der Ifo-Index bildet monatlich die Einschätzung der aktuellen Lage durch Unternehmen und ihre Erwartungen ab. Ein anderer Indikator, der ZEW-Index, basiert auf der Befragung von Analysten und Investoren. Mit ihm beziehen sich die Börsianer also nicht einmal mehr auf Erwartungen realer Unternehmen, sondern auf ihre eigenen.

Dem Bedürfnis der Märkte nach Geschwindigkeit kommt das Statistische Bundesamt nach. So erstellt es auf Basis vorliegender Daten und eigener Prognosen Schnellschätzungen für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder die Inflation. Doch auch das geht offensichtlich immer noch nicht schnell genug. Das Bundesamt erprobt daher nun einen neuen gesamtwirtschaftlichen Frühindikator: Der sogenannte BIP-Nowcast (engl. von „now“ für jetzt und „forecast“ für Prognose) soll die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland bereits zehn Tage nach Ablauf eines Quartals einschätzen. Das Bundesamt begründet dies zwar mit „einem Nutzerinteresse aus der Forschung, Wirtschaftsanalyse und Politik an schnell verfügbaren Daten“. Doch ist zu vermuten, dass dieses kurzatmige Interesse weniger aus Politik und Universitäten kommt, sondern eher von den Finanzmärkten, wo es um Sekunden gehen kann.

Wie wollen die Statistiker nun ein BIP berechnen, das sie nicht kennen? Erstens durch einen höheren Anteil an Schätzwerten. So könnte beim Nowcast der Umsatzindex im Gastgewerbe nur für den ersten Monat des Quartals einbezogen werden. Die beiden fehlenden Monatswerte müsste man hinzu schätzen. Zweitens will das Bundesamt nicht-amtliche Indikatoren wie den Ifo-Stimmungsindex berücksichtigen. Dazu kommen drittens Daten zur Stromproduktion oder Aufnahmen von Satelliten, anhand derer man Container in Häfen oder die Belegung von Parkplätzen vor Geschäften zählen kann.

Mit all dem versucht das Bundesamt mit großem Aufwand, den Finanzmärkten schnelle Informationen zu liefern. Die Statistiker mahnen zwar, dass die neuen Frühindikatoren auf Grund des Mangels an belastbaren Daten recht revisionsanfällig seien. Doch das dürfte Börsenprofis kaum stören. Denn sie können aus allem Spekulationsgewinne ziehen – aus der Veröffentlichung eines Indikators wie aus seiner Revision.

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