Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Atomkraft in Japan

Zehn Jahre Fukushima – „Wir haben die Atomenergie hinter uns“

  • VonFelix Lill
    schließen

Zehn Jahre nach der Katastrophe in Fukushima will Japans Regierung möglichst viele Reaktoren wieder hochfahren. Die Präfektur Fukushima sträubt sich dagegen.

  • Am 11. März 2011 löste ein massives Erdbeben einen Tsunami und die damit verbundene Nuklearkatastrophe von Fukushima aus.
  • Fukushima setzt heute auf erneuerbare Energien und will keine Atomkraftwerke mehr.
  • Fukushima hat seit dem Atom-Gau Imageschäden – doch Japanischer Whisky aus Fukushima boomt.

Fukushima – Hätte die Heimat von Tetsuzo Yamaguchi schon im März 2011 keinen Atomstrom mehr produziert, wären ihm einige Probleme erspart geblieben. „Ich wusste wirklich nicht mehr weiter“, sagt der 68-Jährige, als er über sein Betriebsgelände tapst. „Da hinten wird Nihonshu hergestellt. Das ist der traditionelle Reiswein Japan. Und im Trakt davor destillieren wir Shochu.“ Ein Schnaps auf Roggen- oder Süßkartoffelbasis. Kurz bevor der kurzgewachsene Herr mit schütterem Haar das freistehende Bürogebäude erreicht hat, blickt er betreten gen Himmel. „Aber all das wurde unwichtig.“

Am 11. März 2011 gab es plötzlich ganz andere Probleme. Für Yamaguchi, der in zehnter Generation die mehr als 250 Jahre alte Destillerie Sasanokawa leitet, verlief die Geschichte so: „Am Nachmittag bebte plötzlich die Erde ganz gewaltig. Wir hatten ungeheure Angst… Sehen Sie den Schornstein auf dem Foto da drüben?“ Er deutet auf ein Schwarzweißbild an der Wand. „Durch das Erdbeben brach der zusammen.“ Auch die moderneren Boiler wurden beschädigt. „An den Tagen darauf waren dann alle Lieferketten unterbrochen. Wir konnten erstmal dichtmachen.“

Erdbeben und Tsunami nach Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima

Mehr als 70 Kilometer weiter westlich war im Nordosten Japans ein Erdbeben der Stärke 9 gemessen worden. Kurz darauf schwappte ein Tsunami mit über 20 Meter hohen Wellen auf diverse Küstenorte herein. Und als wäre das nicht genug gewesen, havarierte dadurch auch noch das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Radioaktivität trat aus, allein in der Präfektur Fukushima wurden an den folgenden Tagen 165 000 Menschen evakuiert. Durch das Erdbeben und den Tsunami weiter nördlich verloren insgesamt 470 000 Menschen ihr Zuhause. An die 20 000 starben.

In Tetsuzo Yamaguchis Heimatstadt Koriyama merkte man vom Atomunglück zunächst wenig. Zwar war das Strahlungsniveau auch hier erhöht, evakuiert wurde die 330 000-Einwohner:innenstadt aber nicht. Im Gegenteil: Direkt neben der in Japan berühmten Sasanokawa-Destillerie eröffnete eine Notunterkunft. „Wir machten dann wieder auf. Aber nur, um aus unseren Vorräten auf die Schnelle Getränke für die Leute zu mischen.“

Keine Nachfrage für Produkte aus Fukushima nach Atom-Gau

Die in Japan berühmte Destillerie Sasanokawa ereilte ein Schicksal, das noch heute unzählige Unternehmen aus der Gegend betrifft. „Made in Fukushima“-Produkte wollte keiner mehr haben. Nicht nur für Getränkehersteller, sondern auch für Fischereien, Reisanbau und andere Betriebe verhängten die wichtigen Exportmärkte China, Hongkong, Taiwan, Südkorea und zwischenzeitlich auch die EU Importstopps. „Aber unser Wasser ist sauber“, klagt Yamaguchi. „Das lässt sich beweisen!“ Bis heute versteht dieser ältere Mann, dessen Sakes jahrelang ausgezeichnet und gefeiert wurden, die Welt nicht mehr.

Eine gute Zugstunde nördlich meint man dieses Problem erkannt zu haben. Und aus der Not soll eine Tugend werden. In einem Großraumbüro, das ähnlich wie das von Tetsuzo Yamaguchi mit Zetteln und Kartons überhäuft ist, zeigt sich Masashi Takeuchi zuversichtlich. In Fukushima-City, der Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur, ist Takeuchi leitender Bürokrat in der Energieabteilung der Regionalregierung. Der Mann im kurzärmligen Hemd ist voller Stolz: „In Fukushima haben wir die Atomenergie quasi hinter uns. Hier wird kein Atomstrom mehr hergestellt.“

Ein neues Image muss her – Erneuerbare Energien in Fukushima

Takeuchi weiß: Fukushima, dieser Name, der vor dem Atom-Gau kaum jemandem außerhalb Japans bekannt war, wird heute weltweit mit dem Bild einer Atomhölle assoziiert. „Wir wollen unser Schicksal selber in die Hand nehmen“, sagt der Bürokrat. „Bis 2040 werden wir die grünste aller 47 Präfekturen Japans sein.“

Konkret heißt das: In knapp 20 Jahren will Fukushima Energie in Höhe von 100 Prozent des eigenen Bedarfs aus Erneuerbaren produzieren. Derzeit liegt dieser Anteil noch bei rund einem Drittel. Und was ist mit den berüchtigten Reaktoren von Fukushima Daiichi, neben denen es auch noch das ebenfalls in Fukushima gelegene Atomkraftwerk Daini gibt? „Die werden nie wieder hochgefahren werden. Und hier werden auch keine neuen Reaktoren gebaut“, versichert Masachi Takeuchi. „Das ist Geschichte.“

Japaner:innen in Tokyo demonstrieren gegen Atomkraftwerke. 2011 löste ein massives Erdbeben einen Tsunami und die damit verbundene Nuklearkatastrophe von Fukushima aus. (Archivbild)

Kehrtwende in Japan: CO2-Neutralität bis 2050

Stattdessen investiert Fukushimas Präfekturregierung seit einigen Jahren in Solarpanels, die auf verstrahltem Brachland installiert werden, in Windparks vor der Küste oder Wasserkraftwerke und Anlagen für Geothermalkraft. Stolz reicht Takeuchi eine bunte Broschüre über den Tisch. Bebildert zeigt sie eine beeindruckende Zahl nachhaltiger Energieprojekte in der Region. „Mittlerweile kommen Vertreter anderer Präfekturen her, um von uns über grüne Energien zu lernen. Wir haben auch eine Partnerschaft mit dem deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Dort haben sie ja auch einen Strukturwandel hinter sich.“ Nun tausche man sich aus. Denn das Potenzial Erneuerbarer sei enorm.

Damit hat es Fukushima deutlich eiliger als die nationale Regierung in Tokio. Anruf bei der Energieabteilung des japanischen Wirtschaftsministeriums. Da erklärt Masaaki Komatsu: „Unsere Regierung hat Ende letzten Jahres beschlossen, dass Japan bis 2050 CO2-neutral wird.“ Der Schritt kam überraschend und auf Druck von außen.

Rohstoffarmes Japan: Kompletter Stopp der Atomenergie nicht möglich?

Zuvor hatte die EU verkündet, bis 2050 ihre Nettoausstöße des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxid auf Null zu senken. Im Dezember war auch China nachgezogen – wenn auch mit einem um zehn Jahre längeren Zeithorizont. Daraufhin sah sich auch Japans Premierminister Yoshihide Suga, der zuvor wenig Interesse an diesen Themen offenbart hatte, zu einer Kehrtwende gedrängt.

Allerdings erklärt dessen Mitarbeiter Masaaki Komatsu: „Ohne Atomkraft wird dieser Wandel kaum zu schaffen sein. Denn erstens sind wir trotz aller Förderungen grüner Energien noch immer ein rohstoffarmes Land. Und zweitens sind wir, anders als die Länder der EU, nicht an ein kontinentales Stromnetz angeschlossen.“ Für diese Probleme hat man in Japan schon lange die Atomkraft als beste Lösung gesehen. Vor dem Gau im Frühling 2011 lag der Atomanteil am Energiemix bei einem Drittel, sollte schrittweise auf 40 Prozent erhöht werden.

Kontroverse um Atomkraftwerke in Japan – Fukushima will aussteigen

Und nach den Katastrophentagen schaltete die Regierung zwar die damals 54 Reaktoren im Land zunächst ab. Wegen der dadurch erhöhten Öl- und Gasimporte stiegen aber flugs die CO2-Emissionen stark an. Die müssen nun in großen Schritten gesenkt werden. Auch deshalb hat sich Japans Regierung, anders als etwa jene in Deutschland, nicht für einen nationalen Atomausstieg entschlossen. Unter strengeren Bedingungen sind mittlerweile neun Atomreaktoren erneut am Netz, die sechs Prozent der Stromversorgung bringen. Mehrere Reaktoren werden geprüft. „Bis 2030 sollen wieder gut 20 Prozent im Energiemix aus Atomstrom kommen“, zitiert Masaaki Komatsu am Telefon aus seinen Unterlagen.

Dabei ist Tokios Entscheidung, künftig wieder verstärkt auf Kernkraft zu setzen, im ganzen Land kontrovers. Im Dezember ergab eine Umfrage des öffentlichen Rundfunksenders NHK: 67 Prozent der Menschen in Japan wünschen entweder eine Reduktion der Atomabhängigkeit oder einen kompletten Ausstieg. Denn zum Unfallrisiko kommt die ungeklärte Frage nach dem Umgang mit Atommüll. Besonders deutlich kennt man diese Probleme im leiderprobten Fukushima. Hier wollen 68 Prozent, dass keine Atommeiler mehr laufen.

In Plastiksäcken lagert kontaminierter Abfall.

Kein Atomkraftwerk in Japans Stadt Minamisoma – Schritt nach vorne

In Minamisoma, einer Küstenstadt 25 Kilometer südlich der Kraftwerksruine stapft Jin Baba durch feinen Sand. „Achteinhalb Jahre durften wir diesen Strand nicht für Badegäste öffnen“, erinnert sich der Mitarbeiter des lokalen Rathauses. Direkt nach der Katastrophe musste Baba den Ort mit seinen Kindern verlassen, kehrte aber bald zurück, um beim Wiederaufbau zu helfen. „Wir haben den Sand immer wieder abgetragen und Geigerzähler installiert. Wir wurden oft geprüft. Und so allmählich kommen die Badegäste wieder her.“

Es ist ein schöner Strand. Aber: „Unsere Region hat durch die Katastrophe einen riesigen Imageverlust erlitten“, sagt Jin Baba. Die Erklärung der Regionalpolitiker, dass hier kein altes AKW mehr ans Netz gehen und auch kein neues mehr gebaut werden wird, klingt für ihn wie ein Schritt nach vorne.

Nach Atom-Gau boomt Japanischer Whisky aus Fukushima

Aber wie weit kommt man damit? Die Orte rund um das stillgelegte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi bleiben bis heute evakuiert. Und für die Kühlung der dort noch immer glühenden Reaktoren setzen die Betreiber täglich Tonnen von Wasser ein, das später in großen Kanistern auf dem Gelände gelagert wird. Schließlich wird die Regierung dieses Wasser wohl in den Ozean leiten. Die gesundheitlichen Risiken so eines Schrittes sind noch ungewiss.

Eine Stunde landeinwärts mag man an all das nicht mehr denken. Tetsuzo Yamaguchi will sich nicht abhängig machen von Entwicklungen, die er nicht beeinflussen kann. „Nihonshu und Shochu exportieren wir praktisch nicht mehr“, sagt er und erhebt sich aus seinem Drehstuhl in Büro, geht zur Tür, raus auf den Hof. „Dafür haben wir nach dem Atom-Gau angefangen Whisky zu brennen. Japanischer Whisky ist in den letzten Jahren ja sehr beliebt geworden, vor allem in westlichen Ländern.“

Verkaufsschlager aus Japan: Whisky made in Fukushima

Er spaziert über seinen Hof, winkt in eine Produktionshalle. „Hier lagern unsere neuen Fässer.“ 2014 begann er für Sasanokawa schottische Whiskysorten zu importieren und hier zu blenden. „Aber mittlerweile haben wir auch unseren ganz eigenen Single Malt hergestellt, der zu hundert Prozent aus der Region stammt. Er heißt Yamazakura.“

Whisky made in Fukushima? Er funktioniert. Das Erlösniveau vor der Atomkrise hatte Sasanokawa bei Ausbruch der Pandemie schon wieder leicht überschritten. Die Exportausfälle in die asiatischen Nachbarländer sind durch die Whiskyverkäufe in Japan, die USA und nach Europa überkompensiert worden. Allerdings glaubt Yamaguchi nicht, dass diese Verkaufserfolge durch einen Imagegewinn Fukushimas begründet sind. „Wahrscheinlich können wir einfach auf der Beliebtheitswelle für Whisky aus ganz Japan mitreiten.“ Eine Statistik spricht für seine Vermutung: Bevor die Pandemie ausbrach, verzeichnete die für Fukushima wichtige Fischereibranche nur gut zehn Prozent der Umsätze von vor dem Atom-Gau. (Felix Lill)

Auch zehn Jahre nach dem Super-Gau in Japan sind die Aufräumarbeiten in Fukushima noch nicht abgeschlossen.

Rubriklistenbild: © Zuma Wire/Imago

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare