Erwerbstätigkeit

Wer füllt die Lücke?

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Das Potenzial an Arbeitskräften schrumpft hierzulande dramatisch.

Wenn die Arbeitsmarktdaten für Februar 2018 am heutigen Mittwoch von der Bundesagentur für Arbeit (BA) bekannt gegeben werden, kann man sicher sein, dass sie in eine schon vertraute Richtung weisen: Erwerbstätigkeit wächst, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung legt zu, unbesetzte Stellen gibt es allenthalben, während die Arbeitslosigkeit weiter sinkt.

So geht das, unterbrochen von der Wirtschaftskrise 2009, seit mehr als zwölf Jahren: Mitte 2005 waren noch fast fünf Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen erreichte 26,2 Millionen, die der Erwerbstätigen insgesamt 38,8 Millionen. Zwölf Jahre später ergibt sich ein deutlich positiveres Bild: Im Juni 2017 registrierte die BA 2,47 Millionen Arbeitslose, 32,2 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse und fast 44,2 Millionen Erwerbstätige.

Erkennbar geht der Rückgang der Arbeitslosigkeit mit mehr Beschäftigung einher. Ebenfalls erkennbar ist aber, dass der Abbau der Arbeitslosigkeit nicht ausreicht, um den Stellenzuwachs zu erklären. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nahm mit einem Plus von sechs Millionen weitaus stärker zu, als die Arbeitslosigkeit mit einem Minus von 2,5 Millionen ab.

Woher kommen die vielen Arbeitskräfte? Zum einen ist der Beschäftigungsaufbau den Frauen zu verdanken: Gingen 2005 erst rund 65 Prozent der 20- bis 64-jährigen Frauen in Deutschland einer bezahlten Tätigkeit nach, waren es 2016 bereits 74,5 Prozent. Nur in Schweden liegt die Frauenerwerbsbeteiligung mit gut 79 Prozent noch höher.

Zum anderen – und noch kräftiger – stieg die Erwerbstätigkeit in rentennahen Jahrgängen. Waren laut BA 2005 etwa 2,76 Millionen 55- bis 64-Jährige sozialversicherungspflichtig beschäftigt, waren es 2017 mit 5,92 Millionen mehr als doppelt so viele. Der Anteil der 55- bis 60 Jährigen im Job, der vor zwölf Jahren noch bei 64 Prozent gelegen hatte, erreichte 2017 rund 79 Prozent.

Zwar nimmt die Berufstätigkeit mit jedem Lebensjahr spürbar ab: Hatten von den 60-Jährigen nach Angaben des Statistischen Bundesamts 2016 gut 70 Prozent eine feste Arbeit, waren es unter den 62-Jährigen noch 61 und von den 64-Jährigen nur 38 Prozent. Doch selbst diese Werte künden von starkem Wachstum: 2006 hatte die Erwerbsbeteiligung der genannten Altersjahrgänge jeweils nur etwa halb so hoch gelegen.

Bemerkenswert ist die Zunahme der Beschäftigung erst recht vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung. Denn geburtenstarke Jahrgänge scheiden seit einiger Zeit aus dem Berufsleben aus, deutlich schwächere Jahrgänge rücken nach. Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nahm die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter (laut Zählweise der Internationalen Arbeitsorganisation handelt es sich um 15 bis 74 Jahre alte Personen) zwischen 2000 und 2015 in Deutschland um zwei Millionen ab. Bisher konnte der Rückgang durch die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren mehr als ausgeglichen werden.

Doch darauf wird man sich künftig nicht mehr verlassen können. Auf der einen Seite wird die Erwerbsquote von Frauen und rentennahen Jahrgängen nicht im bisherigen Umfang weiter steigen können. Unter den 55- bis 60-Jährigen erreichte sie 2017 mit 79 Prozent bereits ein höheres Niveau als die Erwerbsbeteiligung der 20- bis 64-Jährigen insgesamt (78 Prozent). Diesem Mittelwert hat sich zudem der Anteil berufstätiger Frauen von knapp 75 Prozent bereits stark angenähert.

Auf der anderen Seite werden bis 2030 die geburtenstarken Babyboomer aus dem Arbeitsleben ausscheiden und – je nach Zuwanderungsszenario – bis 2040 eine Lücke zwischen einer und neun Millionen Erwerbspersonen hinterlassen. „Eine weitere Erhöhung der Erwerbsquote“ werde „kaum hinreichend sein, um in der Zukunft einen Rückgang des Arbeitskräftepotenzials zu vermeiden“, schlussfolgern die DIW-Forscher Karl Brenke und Marius Clemens in einer Studie. Vor diesem Hintergrund seien sowohl die Rente mit 63 als auch die bestehende Förderung der Altersteilzeit „kontraproduktiv“, meinen die Forscher.

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