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Ein Trip in die Berge schenken, statt sinnlosen Kram.

Gegen den Konsum

Frugalisten: Erlebnisse schenken

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Sinnvolle Geschenke statt Kaufrausch. Frugalisten lehnen unnötige Ausgaben ab, auch an Weihnachten.

Sie gelten als harte Erbsenzähler: Die Frugalisten sind eine Gruppe junger Leute, die sich reich sparen möchten. Dazu vermeiden sie unnötige Ausgaben und legen ihr Geld geschickt an. Ihr Ziel ist finanzielle Unabhängigkeit schon lange vor dem üblichen Rentenalter. Was als Fachdiskussion sparsamer Blogger untereinander begann, ist inzwischen eine richtige Bewegung, die ein erhebliches Medienecho und ihre eigenen Bestseller hervorbringt. Die neue Bescheidenheit passt dabei bestens zum Trend, ein möglichst einfaches, aufgeräumtes Leben anzustreben.

Doch was ist mit Weihnachten? Frugalisten hassen nichts mehr als unnütze Ausgaben für materiellen Krempel, der dann vor sich hin staubt. Doch das Verschenken von Gegenständen ist eben der Kern des Weihnachtsfests, wie es unsere Kultur heute feiert. Der Online-Handel, die Discounter, die Fußgängerzonen – sie bringen die Deutschen im Weihnachtsgeschäft dazu, rund 20 Milliarden Euro extra auszugeben.

Frugalisten sind sich ihrer Gegensätze zur Gesamtgesellschaft bewusst. „Ich enttäusche regelmäßig meine Mutter, wenn sie wieder fragt, was ich mir wünsche“, sagt Florian Wagner, einer der Vordenker des Frugalismus. „Ich antworte dann: nichts!“ In seinem Buch „Rente mit 40“ fordert Wagner dazu auf, sein Geld zusammenzuhalten, um möglichst noch in jungen Jahren nicht mehr auf Erwerbsarbeit angewiesen zu sein. Der Zwang zum gegenseitigen Schenken passt einfach nicht dazu. Eine Ausnahme seien notwendige Anschaffungen, die zufällig gegen Jahresende fällig werden. Wenn etwa ein unverzichtbarer Gebrauchsgegenstand vor Weihnacht kaputtgeht, dann lässt sich Wagner gerne Ersatz schenken.

Generell neigen Frugalisten zu weniger, dafür sinnvolleren Geschenken. Das gelte erst recht für Familien mit Kindern, sagt Wagner. „Wer weniger geschenkt bekommt, weiß das Erhaltene mehr zu schätzen.“ Schließlich stumpft der Mensch gegenüber materiellen Wohltaten schnell ab. Am Ende genießen die Frugalisten das, was sie haben, mehr als die konsumsüchtige Mehrheitsgesellschaft – das stellen sie jedenfalls in ihren Blogs heraus. Sie wollen ausdrücklich nicht verzichten. Aber sie wollen ihr Verhalten so ändern, dass unnütze Aufwendungen wegfallen.

Mehr vom Leben haben

Im Frugalismus geht es eben nicht nur ums Sparen – das ist den Trägern der Idee wichtig. Sie fühlen sich missverstanden, wenn Medien sie als freudlose Geizhälse darstellen. Es gehe im Gesamtbild darum, mehr vom Leben zu haben, sagt Wagner. Deshalb sind Weihnachtsgeschenke durchaus möglich. Sie sollen bloß nicht zusätzlich zu den Kosten noch die Wohnung vollstellen. „Man kann sich ja auch Erlebnisse schenken“, sagt Wagner. Ein tolles Wochenende zu zweit, eine Alpenüberquerung, ein Theaterbesuch – solche Events hinterlassen viel mehr das Gefühl, ein erfülltes Leben zu haben.

Frugalisten stehen allen Anschaffungen grundsätzlich erst einmal misstrauisch gegenüber. Der in der Szene bekannte Blogger Oliver Noelting rechnet beispielsweise vor, dass 300 Euro für ein neues Handy einer lebenslangen Zahlung von einem Euro im Monat entspricht. Weil 300 Euro nämlich, gut angelegt, rund einen Euro Rendite im Monat bringen, die einem sonst entgehen. Voraussetzung für das Gedankenexperiment sind vier Prozent Zinsen. Das ist der lebenslange Ertrag, den wir mit jeder unüberlegten Anschaffung von 300 Euro verlieren, warnt der Frugalist.

Das gilt natürlich auch für gegenseitige Geschenke. Frugalisten überlegen daher lieber, wie sie vorhandene Geräte weiternutzen, reparieren oder verkaufen können. Diese Denkweise schütze auch davor, dass höhere Einkommen sofort wieder von größeren Bedürfnissen aufgefressen werden, schreibt Noelting: „Wer eine Gehaltserhöhung bekommt, dafür aber sofort in eine größere Wohnung umzieht und sich einen BMW auf Kredit zulegt, macht aus unserer Sicht etwas falsch.“ Das Geld sei besser in Aktien aufgehoben.

Wer sich selbst für wunschlos glücklich hält, der braucht eben auch keine Geschenke. Und Frugalisten kultivieren einen Zustand, in dem sie aus möglichst preiswerten Vergnügungen den maximalen Spaß ziehen. Die Schenkerei im Überfluss halten Frugalisten für einen Irrweg. „Kann man heutzutage nicht davon ausgehen, dass ein normaler deutscher Haushalt bereits alles besitzt, was für ein komfortables Leben notwendig ist?“, fragt Noelting.

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