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Mehr Wertschöpfung: Der äthiopische Kaffee der Marke Solino wird in Addis Abeba für den Export geröstet, verpackt und etikettiert.

Frosta-Chef

„Nur zu spenden ist auf Dauer nicht hilfreich“

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Frosta-Chef Felix Ahlers über sein unternehmerisches Abenteuer in Äthiopien.

Wie jeden Tag ist Frosta-Chef Felix Ahlers auch an diesem Morgen mit Zug und Klapprad in die Hamburger Zentrale gekommen. In seinem schmucklosen Büro liegen Probedrucke der Papierbeutel auf dem Tisch, in die der Tiefkühlkosthersteller ab Januar seine Gerichte verpacken will, „um die Welt ein bisschen plastikfreier zu machen“. Im Interview aber geht es um ein anderes Herzensprojekt des 53-Jährigen: das Röstgeschäft, das er in Äthiopien aufgebaut hat. Eine Kostprobe des Solino-Kaffees kann Ahlers dem Gast nicht bieten. „Wir sind leider out of stock.“ Und der Nachschub ist noch auf dem Seeweg nach Hamburg.


Herr Ahlers, sind Sie ein Kaffee-Junkie oder eher ein Genießer?

Ich trink sehr gerne und viel. Damit gehöre ich dann wahrscheinlich zu den Junkies. Kaffee schmeckt mir einfach.

Kaffee hat mehr Aromastoffe als Wein. Können Sie Honig, Minze oder Bergamotte schmecken?

Ich weiß gar nicht, ob ich mich als Kaffee-Sommelier bezeichnen würde und ob meine Sensorik so gut ausgebildet ist. Aber es gibt schon große Unterschiede in Geschmack und Qualität.

Warum sind Sie als Tiefkühlkost-Unternehmer eigentlich ins Kaffeegeschäft eingestiegen?

Das war eher ein Zufall. Ich hatte schon lange die Idee, etwas in der Entwicklungshilfe zu bewegen, über Spenden oder ein Projekt. Auf einer Privatreise 2007 habe ich in Äthiopien dann Kleinunternehmer kennengelernt. Ich habe sie gefragt, wie ich sie im Lebensmittelbereich unterstützen kann.

Sie haben an Tiefkühlkost für Äthiopien gedacht?

(lacht) Nein, ich wollte hören, was Ihnen wirklich helfen würde.

Frosta-Chef: Kleinunternehmer unabhängiger vom Weltmarktpreis für Rohkaffee machen

Und die Antwort?

Alle haben gesagt: Wir wollen nicht mehr länger nur Rohstoffe wie grüne Bohnen verkaufen, uns interessiert die Weiterverarbeitung im Land, wir wollen mehr Wertschöpfung. Das würde sie unabhängiger von schwankenden Weltmarktpreisen für Rohkaffee machen. Denn selbst wenn der Preis an der Börse wie in den vergangenen fünf Jahren um 25 Prozent fällt, bekommt der, der den Kaffee röstet und verpackt, immer noch dasselbe.

Das hat Sie überzeugt?

Felix Ahlers.

Ja. Die Kleinbauern leiden extrem unter den schwankenden Preisen, die Verarbeiter aber überhaupt nicht. Das ist eigentlich so offensichtlich und klar, dass man sich fragen muss, wie ernst wir es mit der Entwicklungszusammenarbeit meinen, wenn einerseits Milliarden Euro als Hilfe an arme Länder fließen, die Europäische Union teilweise aber noch Schutzzölle auf verarbeitete Produkte aus diesen Staaten erhebt. Für gerösteten Kaffee lag der viele Jahre lang bei 30 Prozent.

Die EU hat diese Importabgabe immerhin 2008 gestrichen.

Felix Ahlers (53) hat eine Kochlehre in Frankreich und Italien absolviert. Anschließend studierte er Volks- und Betriebswirtschaft in Paris und Chicago. Nach Stationen beim Pastahersteller Delverde und bei der Hotelkette Sheraton begann er 1999 beim Tiefkühlkosthersteller Frosta, den sein Vater Dirk 1961 gegründet hat.

Frosta-Vorstandschef ist Ahlers seit 2010. Bereits 2003 war er maßgeblich an der Einführung des Frosta-Reinheitsgebotes beteiligt. Seitdem verzichtet das Unternehmen auf alle Zusatzstoffe in seinen Produkten.

Das Solino-Projekt startete Ahlers 2008 in Äthiopien. Ziel ist es, Kaffee im Ursprungsland zu rösten und zu verarbeiten. 2018 hat Ahlers sich als Frosta-Chef ein siebenmonatiges Sabbatical genommen - auch um das Röstgeschäft in Addis Abeba voranzubringen.

Aber mit diesem Wirtschaftsmodell haben wir uns über Jahrzehnte große Industrien aufgebaut und dabei dafür gesorgt, dass wir immer billig an Rohstoffe kommen. Mit der fatalen Nebenwirkung, dass die Lieferländer fast reine Agrargesellschaften geblieben sind. Gleichzeitig verkaufen wir dieses romantische Bild von Kaffee produzierenden Kleinbauern, die dann über Fairtrade-Programme noch mal zehn Prozent mehr bekommen. Wirklich bewegt wird damit nichts.

Also besser investieren, statt nur Almosen zu verteilen?

Nur zu spenden ist jedenfalls auf Dauer nicht hilfreich und fördert weder Selbstbewusstsein noch Selbstverantwortung. Das war meine Erkenntnis. Und dann habe ich mir gesagt: Jetzt muss es auch mal jemand wirklich machen und etwas unternehmen.

Ist die Rösterei in Addis Abeba für Sie ein Entwicklungsprojekt oder einfach nur ein Business?

Ich wollte etwas aufbauen, was tatsächlich allen Beteiligten Gewinn bringt. Denn nur dann haben alle ein langfristiges Interesse, dass es läuft. Spenden sind endlich und können irgendwann versiegen. Ein gutes, faires Geschäft aber hat eine Perspektive.

Wie zahlt sich das für die Partner in Äthiopien aus?

Auch in Äthiopien, wo rund 90 Millionen Menschen in der Landwirtschaft tätig sind und 15 Millionen für 20 Euro im Monat Kaffee pflücken, gibt es viele gut ausgebildete Leute, die ihr Land verlassen werden, wenn sie keine Chance erhalten, sich beruflich zu entwickeln und mehr Geld zu verdienen. In der Weiterverarbeitung können sie solche besser bezahlten Jobs finden. Bei uns sind das Röstmeister, Techniker, Drucker, Verpacker, Lagerarbeiter, Marketingfachleute, Hygienefachkräfte und Kaufleute.

Was bedeutet das am Ende für die Wertschöpfung?

Rohkaffee können sie für vier Euro je Kilo verkaufen, verarbeiteten Kaffee für mehr als sieben. Das sind bis zu 80 Prozent mehr, die im Land bleiben und zum großen Teil als Lohn an qualifizierte Mitarbeiter gehen. Bei uns bekommen die Beschäftigten je nach Qualifikation das Doppelte bis Zehnfache des äthiopischen Durchschnittslohns.

Beginn der Lieferkette in den Blick nehmen

Kommt auch mehr bei den Kaffeebäuerinnen an?

Bislang haben wir uns stark auf den Aufbau der Weiterverarbeitung fokussiert. Aber wir wollen nun den Beginn der Lieferkette stärker in den Blick nehmen. Dabei geht es perspektivisch auch um das Thema existenzsichernde Löhne. Es hilft schon, dass wir den Waldkaffee direkt von einer Kooperative kaufen.

Damit schalten Sie den Zwischenhandel aus.

Genau. Denn die normale Handelskette bis zur Versteigerung des Kaffees an der Börse frisst viel Marge. Wenn wir direkt mit der Kooperative ins Geschäft kommen, bleibt auch mehr bei den Kleinbauern hängen. Aber der Start war nicht ganz einfach.

Wieso?

Die ersten 15 Tonnen Kaffee, die wir bei den Bauern geordert hatten, sind nicht zum vereinbarten Termin in Addis Abeba angekommen. Das lag daran, dass auch der Transport in den Händen der Zwischenhändler liegt – und die wollten der Kooperative für die direkte Lieferung zur Rösterei einfach keinen Lkw zu Verfügung stellen.

Macht die Rösterei schon Gewinn?

Im Moment noch nicht. Es braucht Zeit und kostet Geld, den Handel hier in Deutschland aufzubauen. Und wir sind erst seit vergangenem Jahr in allen Bereichen auf einem stabilen Qualitätsniveau, so dass wir jetzt auch mit den großen Handelsketten sprechen können. Im nächsten Jahr wollen wir schwarze Zahlen schreiben.

Wo konnten Sie mit Solino-Kaffee schon landen?

Angefangen haben wir mit Karstadt, dann kam Edeka hinzu, jetzt starten wir mit Rewe-Nord. Und dann verkaufen wir natürlich online schon eine Menge. In diesem Jahr werden wir wohl insgesamt rund 160 Tonnen absetzen. Das reicht immerhin schon aus, um alles in allem rund 120 Menschen in Addis Abeba eine qualifizierte und besser bezahlte Arbeit zu verschaffen.

Nicht nur Kaffee muss spitze sein - auch die Verpackung

Was war die größte Herausforderung beim Aufbau der Export-Rösterei in Äthiopien?

Es klingt banal, aber es war anfangs sehr mühsam zu vermitteln, dass nicht nur der Kaffee spitze sein muss, sondern auch die Verpackung perfekt. Barcodes müssen sauber gedruckt, Etiketten gerade auf die Beutel geklebt werden. Wenn nur ein Barcode an der Supermarktkasse nicht gelesen werden kann, haben wir ein Riesenthema und sind schnell wieder raus aus dem Geschäft.

Auf der Verpackung findet sich auch ein QR-Code.

Ja, das ist jetzt neu. Wenn der Konsument den Code scannt, erfährt er, von welcher Kooperative der Kaffee kommt, wie die arbeitet, wann die Bohnen nach Addis Abeba transportiert wurden, wer sie geröstet und verpackt hat und wann der Kaffee verschifft wurde. Wir dokumentieren das mit der nicht manipulierbaren Blockchain-Technologie und legen damit die gesamte Lieferkette offen. Der Käufer kann den Kaffee dann auch unmittelbar bewerten. Und der Kleinbauer in Äthiopien kann somit nachvollziehen, wo sein Produkt gelandet ist, ob es gut ankommt oder ob es Beschwerden gibt. Das schafft eine direkte Beziehung und auch eine Verantwortung bei den Produzenten.

Machen sich Konsumenten wirklich die Mühe, den Weg des Kaffees nachzuverfolgen?

Wir wissen, dass schon rund jede fünfte verkaufte Verpackung gescannt wird

War es eigentlich schwer, äthiopische Kaffeeröster für das Solino-Projekt zu finden?

Die Äthiopier wissen, was guter Kaffee ist. Wir wollten die besten Partner gewinnen und haben zu Beginn lokale Röster zu Workshops eingeladen, um sie zu schulen und darüber zu reden, wie wir den Kaffee nach Deutschland bringen. Da haben sich auch viele gemeldet. Einige wollten dann wissen, was wir ihnen dafür bezahlen. Ich hab das erst gar nicht verstanden und dachte, sie fragen, was der Workshop sie kosten würde. Da mussten wir noch mal klarstellen, dass wir sie einladen und sie etwas lernen können.

Das waren die anders gewohnt?

Den Leuten wird offenbar immer noch viel Geld hinterhergeworfen. Das führt am Ende dazu, dass die Menschen ihre Selbstinitiative und Selbstachtung verlieren.

Sind Sie an der Rösterei eigentlich unternehmerisch beteiligt?

Nein, es kam mir nie darauf an, neben Frosta auch noch ein Unternehmen in Äthiopien zu besitzen. Ich berate die Partner in Addis Abeba, bin die Brücke nach Deutschland und ebene die Wege für den Export. Wir mussten die Rösterei zu Beginn übrigens gleich drei Mal wechseln, bis die Qualität gestimmt hat. Mittlerweile haben wir verlässliche Partner in Addis Abeba mit engagierten Mitarbeitern. Die Firma investiert jetzt noch einmal richtig, um am Ende des Jahres das internationale GFSI-Zertifikat für sichere Lebensmittel zu erhalten. Das würde dann auch den Zugang zu weiteren Märkten erleichtern.

Firma exportiert auch nach Saudi-Arabien und Norwegen

Bislang wird nur nach Deutschland exportiert?

Nein, erfreulicherweise liefert die Firma dank des gewonnenen Know-hows jetzt auch nach Saudi-Arabien und Norwegen. Weitere Länder könnten folgen. In der Überlegung ist auch, Solino-Kaffee in Äthiopien zu vermarkten.

Haben Sie von äthiopischer Seite beim Aufbau des Exportgeschäfts Unterstützung erhalten?

Eher das Gegenteil war der Fall. Die Nationalbank hat unserem ersten Exportvertrag zum Beispiel erst einmal nicht zugestimmt, weil sie den Preis für zu niedrig hielt. Die hatten ja keine Erfahrung mit der Ausfuhr von großen Mengen gerösteten Kaffees und dachten, ihnen entgingen harte Devisen. Aber das konnten wir aufklären. Es ist grundsätzlich alles noch mit viele Bürokratie verbunden - und mit großem Misstrauen.

Denken Sie schon an weitere verarbeitete landwirtschaftliche Produkte, die Äthiopien ausführen könnte?

Wir arbeiten in der Tat daran, Kaffeeblüten-Honig zu exportieren. Die Imkerei hat in Äthiopien eine große Tradition. Aber wir scheitern im Moment noch daran, dass Honig nicht im selben Schiffscontainer wie Kaffee transportiert werden darf. Bei geruchsempfindlichem Rohkaffee mag das Sinn machen. Nicht aber bei luftdicht verpackten Röstbohnen. Ich habe den Behörden gesagt, sie sollen ihre Vorschriften ändern und sich dann wieder melden. Denn ich werde den Teufel tun und Honig per Luftfracht ausfliegen.

Wie hat die hiesige Kaffeebranche auf Ihr Projekt reagiert? Immerhin geht in Deutschland Wertschöpfung verloren, wenn die Bohnen in Äthiopien geröstet werden.

Wir sind ja noch klein. Und Frosta hat ohnehin den Ruf, die Dinge etwas anders anzugehen. Aber im Ernst: Wir können nicht maximale Wertschöpfung bei uns haben wollen und uns gleichzeitig gegen Zuwanderung abschotten. Entweder lassen wir Produkte aus Entwicklungsnationen auf unsere Märkte oder die Menschen werden aus Not kommen. Es ist allemal besser, wir lassen die Waren ins Land und verschaffen den Menschen damit in ihren Ländern eine Perspektive. Denn die meisten wollen doch am liebsten in ihrer Heimat bleiben.

Wo sehen Sie Solino-Kaffee in zehn Jahren?

Mein Ziel wäre schon, dass wir dann mindestens 2000 Tonnen verkaufen und in Äthiopien 1000 Leute in der Verarbeitung von Kaffee beschäftigen können.

Interview: Tobias Schwab

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