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Deutsches Sattelschwein in einer Bioland Freilandhaltung. Die Realität der Fleischproduktion sieht oft ganz anders aus.

Fleischatlas 2018

Friss die Hälfte

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Der alte Diät-Slogan FdH gilt auch für einen verantwortlichen Fleischkonsum. Weniger Schnitzel oder Steak hilft Tier und Umwelt ? so der Fleischatlas 2018.

Eigentlich sollten nüchterne Fakten reichen: 77 Prozent des globalen Agrarlandes dienen der Aufzucht, Haltung und Mast von Nutztieren. Dabei decken tierische Lebensmittel nur ein Sechstel des Kalorienbedarfs der Menschheit ab. In Südamerika und Asien werden Urwälder, Sümpfe und Savannen zu riesenhaften Soja- und Maiskulturen für Futtermittel umgewandelt. 2017 wurden auf 120 Millionen Hektar Sojabohnen angebaut, 20 Jahre zuvor waren es erst 67 Millionen.

Nach Angaben des UN-Umweltprogramms gehen fast zwei Drittel des weltweiten Verlusts an Arten und Lebensräumen auf das Konto der menschlichen Ernährung. Die fünf größten Fleisch- und Milchkonzerne des Planeten verursachen mehr klimaschädliche Gase als der Ölmulti Exxon, die größten 20 mehr als die deutsche Volkswirtschaft insgesamt. Ein Drittel aller emittierten Klimagase gehen auf das Konto der Nutztierhaltung. Vier von fünf Mastschweinen in deutschen Ställen sind verletzt oder laborieren an Atemwegsinfekten. Vier von zehn Milchkühen haben entzündete Euter. Mehr als die Hälfte der Masthühner erleidet Knochenbrüche, zwei Drittel weisen deformierte Krallen auf.

85 Prozent der Deutschen für artgerechte Aufzuchtbedingungen

Eigentlich also sollten diese dem aktuellen Fleischatlas von BUND und Heinrich-Böll-Stiftung entnommenen Angaben ausreichen, um Nutztierhaltung und Ernährungsgewohnheiten grundlegend zu verändern. In der Bevölkerung ist die Bereitschaft dazu durchaus erkennbar. Inzwischen sprechen sich 85 Prozent in Umfragen für artgerechte Aufzuchtbedingungen der Nutztiere aus; fast zwei Drittel erklären sich bereit, mehr Geld für solches Fleisch auf die Ladentheke zu legen; vier Fünftel wünschen sich bessere Informationen über Aufzucht, Haltung, Herkunft und Fütterung der Tiere.

Der Anteil der Vegetarier an der Gesamtbevölkerung hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf vier Prozent verdoppelt. Hinzu kommt ein knappes Fünftel der Verbraucher, die als „Flexitarier“ ihren Fleischkonsum spürbar einschränken.

Angesichts solcher Veränderungen wirkt die Agrarpolitik des noch amtierenden Landwirtschaftsministers Christian Schmidt (CSU) wie aus der Zeit gefallen. „Wir erleben einen Minister, der unfähig und vor allem unwillig ist, die dringend notwendige Agrarwende einzuleiten“, sagte Barbara Unmüßig, Vorstandsmitglied der Böll-Stiftung, bei der Präsentation des Fleischatlasses am Mittwoch in Berlin. Mit seinem Nein zu einem verbindlichen staatlichen Tierwohl-Label und dem Festhalten an der milliardenschweren EU-Förderpolitik für großflächige Höfe behindere Schmidt jeden Fortschritt.

Die kommende Bundesregierung müsse sich in Brüssel dafür stark machen, dass die jährlich mehr als 50 Milliarden Euro an Agrarsubventionen in der kommenden Förderperiode ab 2020 für gesellschaftlich erwünschtes Landwirtschaften – etwa Erhalt der Artenvielfalt, Grundwasserschutz, Verzicht auf Pestizide, artgerechte Tierhaltung – ausgezahlt würden. Bisher gibt es ohne nennenswerte Voraussetzungen knapp 300 Euro pro Hektar und Jahr, was naturgemäß vor allem Landbesitzer und agrarische Großbetriebe begünstigt.

59 Kilo Fleisch verzehrt ein Deutscher im Jahr

Wie dringlich ein Umsteuern auch in Deutschland ist, verdeutlicht der Atlas anhand zahlreicher Beispiele. Dies betrifft zum einen die Verbraucher: Mit jährlich 59 Kilogramm verzehrt jeder Deutsche in etwa die doppelte Menge Fleisch, die von Ernährungsexperten empfohlen wird. Gefördert wird dieses Konsumverhalten durch die niedrigen Preise. Es ist zum einen durch die industrielle Massenerzeugung möglich. Zum anderen werden die Folgekosten für Natur, Umwelt und Klima nicht auf den Fleischpreis aufgeschlagen, sondern belasten die Allgemeinheit.

Daher fordern die Fleischatlasherausgeber eine Abgabe auf Mineraldünger und ein Umlenken der Agrarsubventionen, um ökologischen Landbau zu fördern und den Fleischpreis zu erhöhen. „In Deutschland wie auch in den anderen Industrienationen muss der Fleischkonsum auf etwa die Hälfte des derzeitigen Niveaus sinken“, sagt BUND-Chef Hubert Weiger.

Darüber hinaus plädieren Böll-Stiftung und Weiger für einen drastischen Abbau der Viehbestände in bestimmten Regionen. Das in der EU-Verordnung für ökologischen Landbau empfohlene Verhältnis von Fläche und Tieranzahl wird vor allem im Nordwesten der Republik fast flächendeckend überschritten. Laut Verordnung sollten pro Hektar nicht mehr als zwei „Großvieheinheiten“ gehalten werden, das entspricht zwei Kühen oder zehn Schweinen oder 667 Masthähnchen.

Um auf einen solchen Besatz zu kommen, müssten die Bestände allein im Landkreis Vechta um 105 790 Großvieheinheiten reduziert werden: Umgerechnet sind das 1 057 900 Schweine oder 7,5 Millionen Masthähnchen. Im benachbarten Cloppenburg wären 101 385 Großtiereinheiten fällig, im Emsland 74 345 und in den benachbarten Kreisen Bentheim, Osnabrück, Coesfeld und Steinfurt weitere 80 000. Hinzu kommt das nordrhein-westfälische Borken mit einem Überbesatz von 57 891 Großvieheinheiten. Auch im Bremer Raum müssten die Bestände in Kreisen wie Ammerland, Oldenburg und Rotenburg um jeweils bis zu 10 000 Tieren abgebaut werden.

Kennzeichnung nach Vorbild der Eierverordnung

Aus all dem ergibt sich, dass ein Umsteuern grundlegende Reformen voraussetzt. Erste Priorität sollte nach Ansicht des BUND und der Böll-Stiftung die obligatorische staatlich kontrollierte Kennzeichnung von Fleisch und Fleischerzeugnissen nach dem Vorbild der Eierverordnung haben. Denn diese wirke: Der Anteil der Hennen in Öko- und Freilandhaltung stieg von rund zwölf Prozent 2009 auf fast 18 Prozent 2015, die Käfighaltung ging von 71 auf 56 Prozent zurück.

BUND-Chef Weiger: „Das herkömmliche Leitbild der modernen Landwirtschaft, möglichst schnell möglichst viel Fleisch zu erzeugen, trägt nicht mehr. Wir brauchen eine Politik, die für Transparenz sorgt, damit die Verbraucher ihr geändertes Bewusstsein an der Fleischtheke umsetzen können.“

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