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„Friedrich Merz hat Kreide gefressen“

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Friedrich Merz bei einer Sitzung der CDU-Bundestagsfraktion. (Archivbild)
Friedrich Merz bei einer Sitzung der CDU-Bundestagsfraktion. (Archivfoto) © Fabian Sommer/dpa

Autor Werner Rügemer über den US-Finanzinvestor Blackrock und seinen früheren Aufsichtsratschef Friedrich Merz. Ein Interview.

Frankfurt – Blackrock hat exzellente Kontakte in die Politik. CDU-Chef Friedrich Merz hat für den Vermögensverwalter aus den USA gearbeitet – und jetzt konnte das Unternehmen auch den langjährigen wirtschaftspolitischen Berater von Ex-Kanzlerin Angela Merkel, Lars-Hendrik Röller, als Berater verpflichten, wie die „Wirtschaftswoche“ am Dienstag berichtete. Ein Gespräch mit Werner Rügemer, Autor eines Buches über den Finanzgiganten.

Der private Finanzinvestor Blackrock ist der größte und einflussreichste weltweit. Zugleich, das beklagen Sie in ihrem Buch, wird über diesen Einfluss viel zu wenig gesprochen und aufgeklärt.

Genauso ist es. Lassen Sie mich einige Fakten nennen. Blackrock ist in Deutschland an allen 40 Dax-Konzernen beteiligt und an insgesamt 18 000 Unternehmen weltweit. Gegenwärtig verwaltet Blackrock nach eigenen Angaben private Vermögenswerte im Umfang von zehn Billionen Dollar. Doch das ist öffentlich kaum bekannt und wird wenig diskutiert.

Friedrich Merz: fünf Jahre Aufsichtsratsvorsitzender von Blackrock Deutschland

Auf den ersten Blick sind die Beteiligungen, die Blackrock an den großen Unternehmen hält, nicht sehr hoch. Daraus würde man keinen bestimmenden Einfluss und keine Gefahr ableiten.

In der Regel betragen die Anteile zwischen drei und sieben Prozent. Friedrich Merz, der heutige CDU-Bundesvorsitzende, hat in seiner Zeit von 2015 bis 2020 als Aufsichtsratsvorsitzender von Blackrock Deutschland das auch immer wieder öffentlich betont. Er sagte beruhigend, mit diesen Anteilen lasse sich kein Unternehmen steuern. Doch wenn man dann genauer hinschaut, erkennt man zahlreiche Kreuzbeteiligungen. Das heißt: Auch andere Finanzanleger wie Vanguard oder State Street sind an den Unternehmen beteiligt. Und Blackrock ist wiederum Aktionär von Vanguard oder State Street. Das heißt: Sie sind miteinander verflochten und sprechen sich untereinander ab.

Welches Ziel haben diese Absprachen?

Das zentrale Ziel ist es, für die privaten Anleger so viel wie möglich Gewinn zu erwirtschaften. Um so erfolgreich zu sein wie Blackrock, muss der Finanzinvestor höhere Gewinne anbieten als andere Vermögensverwalter. Der durchschnittliche Profit, der versprochen wird, liegt zwischen sechs und zwölf Prozent jährlich. Diese Ziele erreicht Blackrock mit recht wenig Personal, weil ja nur wenige superreiche Geldgeber bedient werden müssen. Weltweit beschäftigt der Investor nur etwa 15 000 Spezialisten. Die Menge des Geldes, das verwaltet wird, steigt aber rasant.

Blackrock: Einfluss in den USA ist gewachsen

Wo liegen die Wurzeln von Blackrock?

Die Gründung geht auf das Jahr 1988 zurück. In den ersten Jahrzehnten hat sich Blackrock nur langsam entwickelt. Doch dann kam die globale Finanzkrise 2007. Im Zuge dieser Krise gelang Black Rock der Sprung von den USA nach Europa, auf die wichtigen Märkte Deutschland und Frankreich. Blackrock bekam damals den Auftrag der US-Regierung von Präsident Barack Obama, die Finanzkrise in den USA zu bewältigen. Die Regierung stellte dafür ein dreistelliges Millionenhonorar zur Verfügung, das ist alles dokumentiert. Blackrock wurde auf diese Weise Berater der US-Zentralbank und erhielt enormen Einfluss.

Buchautor Werner Rügemer.
Buchautor Werner Rügemer. © imago images / Future Image

Zur Person

Werner Rügemer ist Journalist und Sachbuchautor. 2008 erhielt er den Kölner Karlspreis für kritische Publizistik. Zuletzt veröffentlichte Rügemer 2021 das Buch „Blackrock & Co. - Auf den Spuren einer unbekannten Weltmacht“ (Nomen Verlag). FR

Bei Black Rock hat Friedrich Merz „Zurückhaltung gelernt“

Worin sehen Sie die größten Gefahren, die heute von Blackrock ausgehen?

Die Gefahren wurzeln unter anderem in der sogenannten common ownership, also der Tatsache, dass Blackrock an Unternehmen beteiligt ist, die eigentlich miteinander in Konkurrenz stehen. Also beispielsweise die Deutsche Bank und die Commerzbank. Oder die Chemiekonzerne Bayer und BASF. Oder Bayer und das US-Chemieunternehmen Monsanto, das dann von Bayer gekauft wurde. Blackrock hat entscheidend zu dieser Fusion beigetragen. Als Folge sind dann Tausende von Arbeitsplätzen in den USA und in Deutschland abgebaut worden. Zentrale Probleme, die durch die Aktivitäten von Blackrock verursacht werden, sind Preiserhöhungen, die Bildung von Monopolen und die Ausschaltung von Wettbewerb.

Kommen wir noch einmal auf Friedrich Merz zurück, der als CDU-Vorsitzender ja auch die Chance hat, einmal Bundeskanzler zu werden.

Nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik 2004 vertrat Friedich Merz sehr wirtschaftsliberale Positionen. Wir erinnern uns alle an sein berühmtes Versprechen, Steuererklärungen ließen sich so vereinfachen, dass sie auf einen Bierdeckel passen. Er sprach sich damals auch gegen Mindestlöhne aus, wollte die Gewerkschaften entmachten, die Steuern für Gutverdiener senken und die Sozialversicherung privatisieren. Heute als CDU-Vorsitzender hat Merz Kreide gefressen. Er wiederholt seine früheren neoliberalen Positionen nicht mehr öffentlich. Das hat er in seiner Zeit als Aufsichtsratsvorsitzender von Blackrock Deutschland gelernt. Blackrock tritt öffentlich sehr zurückhaltend auf, seine Repräsentanten sitzen nie in Talkshows. Wenn sich Repräsentanten des Finanzverwalters öffentlich äußern, dann versprechen Sie das Klima zu retten und sich sozial zu verhalten.

Blackrock leistet globale Hilfe zur Steuerflucht.

Werner Rügemer

Das entspricht aber nicht ihrer tatsächlichen Praxis in der Wirtschaft?

Nein. Tatsächlich praktizieren sie das Gegenteil. Nur ein Beispiel: Blackrock leistet globale Beihilfe zur Steuerflucht. Das gilt etwa bei den großen Computerunternehmen Apple und Microsoft, die Weltmeister der Steuerflucht sind. Oder nehmen wir das Beispiel des größten deutschen Wohnungsunternehmens Vonovia, an dem Blackrock mit acht Prozent beteiligt ist. Dieses Geld ist in vielen Briefkastenfirmen angelegt. Die Beihilfe zur Steuerflucht führt dazu, dass die Staaten ärmer werden, weniger Einnahmen haben.

Wie lässt sich der Einfluss von Blackrock bekämpfen?

Alles beginnt mit Information. Als erstes muss über die Praktiken dieses Finanzinvestors berichtet werden. Aber ich hoffe auch darauf, dass der Staat dieser Form des Kapitalismus entgegentritt. Gerade denkt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck öffentlich darüber nach, Mineralölfirmen notfalls zu zerschlagen wegen des Schadens, den sie für die Allgemeinheit anrichten. Das erhoffe ich mir eines Tages auch für Blackrock. (Interview: Claus-Jürgen Göpfert)

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