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Ein Freizeitpark in Kurdistan

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Von: Martin Brust

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British-Indian artist Anish Kapoor (L), and Belgian artist Carsten Holler, pose for a photograph as during an event to promote the 'The Slide', a new attraction designed by Holler, at the ArcelorMittal Orbit, at the Queen Elizabeth Olympic Park in east London on April 26, 2016.
'The Slide' is set to open on June 24, 2016, and on completion, will be the world's highest at 178m, and the world's longest tunnel slide, taking visitors to the base of the ArcelorMittal Orbit, designed by British-Indian artist Anish Kapoor, in just forty seconds. / AFP PHOTO / BEN STANSALL
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British-Indian artist Anish Kapoor (L), and Belgian artist Carsten Holler, pose for a photograph as during an event to promote the 'The Slide', a new attraction designed by Holler, at the ArcelorMittal Orbit, at the Queen Elizabeth Olympic Park in east London on April 26, 2016. 'The Slide' is set to open on June 24, 2016, and on completion, will be the world's highest at 178m, and the world's longest tunnel slide, taking visitors to the base of the ArcelorMittal Orbit, designed by British-Indian artist Anish Kapoor, in just forty seconds. / AFP PHOTO / BEN STANSALL n © BEN STANSALL (AFP)

Eine Firma aus der Rhön beglückt die ganze Welt mit Rodel- und Rutschbahnen. Der wirtschaftliche Erfolg führt die mittelständische Firma inzwischen auch in schwieriges Gelände – etwa nach Kurdistan.

Es sind 435 Stufen, die von der knapp 80 Meter hochgelegenen Aussichtsplattform des ArcelorMittal Orbit in London zurück auf die Erde führen. Nicht nur von dort soll der Ausblick spektakulär sein, auch beim Abstieg von der auffälligen roten Stahlskulptur im Olympiapark, so heißt es. Aber 435 Stufen sind nichts für Menschen mit Kniebeschwerden. Bliebe der Lift oder der ganz direkte Weg: „Abseiling“ nennen es die Briten, wenn man an einem Stahlseil vom Turm heruntergleitet. Das schont zwar die Knie, aber sicher nicht die Nerven. Seit Ende Juni haben Besucher des ArcelorMittal Orbit noch eine Möglichkeit herunterzukommen, die ebenfalls die Knie schont, vielleicht auch die Nerven, und schnell geht es auch: Per Plastikbob in rund 40 Sekunden durch eine Plexiglasröhre.

The Slide nennen sie die Rutsche, die mit 178 Metern Länge und 78 Metern Höhe die längste und höchste der Welt sein soll. Gebaut hat sie das hessische Unternehmen Josef Wiegand GmbH aus Rasdorf in der Rhön. Wie eine Kombination aus Sommerrodelbahn und Röhrenrutsche im Schwimmbad kann man sich die Anlage vorstellen. Fünf Pfund Aufpreis kostet ihre Benutzung, zusätzlich zum normalen Turmeintritt von zehn Pfund – ein Schnäppchen, verglichen mit den 85 Pfund, die das Abseiling kostet. Der hessische Mittelständler verkauft und errichtet seine Anlagen weltweit – sogar in Krisengebieten.

Der inzwischen verstorbene Unternehmensgründer Josef Wiegand war 1963 allerdings ganz klein gestartet – mit dem Bau eines Skilifts am Nordhang der Wasserkuppe, dem mit 950 Metern höchsten Gipfel Hessens. Weitere Lifte folgten, und so entwickelte sich ein kleines Wintersportimperium. Schneearme Winter aber brachten das Unternehmen in eine existenzielle Krise.

Aus der hat sich Wiegand mit einer innovativen Freizeitidee befreit: Wenn kein Schnee vorhanden ist, dann muss man eben anders den Berg hinunter. Die erste Sommerrodelbahn wurde entwickelt und 1975, ebenfalls auf der Wasserkuppe, in Betrieb genommen. Wiegand meldete sie zum Patent an, konnte schon zwei Jahre später die erste Bahn in die Schweiz – am Zürichsee – verkaufen. Daraus erwuchs eine Firmengruppe, die mit zehn Betrieben und 450 Mitarbeitern auf dem Markt für Sommerrodelbahnen für sich den Rang des Weltmarktführers in Anspruch nimmt.

Weltmarkt ist dabei nicht übertrieben, denn das Unternehmen macht sogar in der autonomen Region Kurdistan im Irak, in Nigeria oder im Iran Geschäfte. Heute führt Sohn Hendrik Wiegand die Firmengruppe. Allein der Kernbetrieb machte 2015 einen Umsatz von mehr als 30 Millionen Euro.

Nicht nur das Geschäft, auch die Produktpalette ist inzwischen kräftig ausgeweitet worden. Neben den klassischen Sommerrodelbahnen, auf denen Kinder und Erwachsene mit kleinen, abbremsbaren Rodeln durch Edelstahlmulden zu Tal sausen, gibt es inzwischen Varianten wie den Alpine Coaster. Hier sind die Gestaltungsmöglichkeiten größer. Weil der Rodel auf Schienen läuft, kann die Bahn auf bis zu sechs Meter Höhe aufgeständert werden, wenn das natürliche Gelände einer attraktiven Streckenführung im Wege steht. Wie-Flyer heißt das Gegenstück zur Rodelbahn. Hier sausen flugzeugähnliche Gondeln an abgehängten Schienen mit bis zu 40 Stundenkilometern durchs Gelände und sorgen in engen Kurvenradien mit extremen Schräglagen für ein Kribbeln in der Magengrube. Überdies verkauft Wiegand Systeme, die Schlitten nebst Menschen wieder hinauf auf den Berg bringen können. Mit diesem Produkt aus der Rhön lassen sich Skilifte im Sommer besser auslasten.

Wasser- und Trockenrutschen sowie eine elektrisch und nicht von der Schwerkraft angetrieben Bobkart-Variante der Sommerrodelbahn sowie ein Wie-Li genanntes Bergauf-Transportsystem, bei dem die Nutzer komfortabel sitzen, vervollständigen das Angebot. Der Wie-Li kann sehr starke Steigungen und Gefällstrecken bewältigen und wird deshalb auch auf Skischanzen zum Transport der Springer nach oben eingesetzt. Alleine von den drei Hauptprodukten Sommerrodelbahn, Alpine Coaster und Wasserrutschen zusammen hat die Wiegand-Gruppe mehr als 1000 Anlagen weltweit installiert – bis nach China, Australien und Brasilien wird geliefert. Chinesen und Japaner rodeln besonders gern auf stählernen Bahnen bergab. Und auch auf Kreuzfahrtschiffen dienen Wiegand-Rutschen dem Freizeitvergnügen der Urlauber. Das aktuell größte, die „Harmony of the Seas“, hat zwei Rutschen mit jeweils 30 Metern Höhenunterschied.

Allein im vergangenen Geschäftsjahr verkaufte Wiegand mehr als 130 neue Anlagen in alle Welt. Der wirtschaftliche Erfolg führt die mittelständische Firma inzwischen auch in schwieriges Gelände – etwa nach Kurdistan, genauer gesagt in die gleichnamige autonome Region im Irak. Dort hat Wiegand im vergangenen Jahr ein Großprojekt fertiggestellt: einen fast zwei Kilometer langen Wie-Li, der teils weit über eine Felsenkante hinausragt und so nach Unternehmensangaben „spektakuläre Einblicke in den fast 300 Meter tiefen Canyon“ bietet, der darunter liegt.

Kurdistan, diese Region wird in hiesigen Medien üblicherweise nur im Zusammenhang mit Krieg und Krise genannt. Hendrik Wiegand korrigiert das Bild: „Es gibt keine Unruhen oder Terroranschläge, alles in allem herrscht dort eine sehr sichere Lage im Vergleich zu den angrenzenden Regionen.“ Das ist wichtig, denn Wiegand verkauft nicht nur Anlagen, die er im ruhigen Deutschland produziert, seine Firmen montieren sie auch schlüsselfertig vor Ort.

Für das Kurdistan-Projekt musste Wiegand seine Mitarbeiter in Krisenregionen schicken, aber tatsächlich funktionierte das: Vier Fluglinien bieten mehrmals wöchentlich Flüge in die Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan, Erbil.

Die Freizeitanlage „Pank Park“, wo die Wiegand-Bahn steht, liegt nahe der rund 900 Meter hoch in den irakisch-iranisch-türkischen Grenzbergen gelegenen Großstadt Rawanduz. „Die kurdische Peschmerga ist kampferprobt und hochmotiviert, die Sicherheit zu gewährleisten“, sagt der Unternehmer. Und der Park werde „aus vielen arabischen Regionen und aus dem Iran gut besucht.“

Auch die Zusammenarbeit mit dem Investor, einem Exil-Kurden, der seit den 1980er Jahren in Schweden lebt, laufe gut. „Als Sicherheit hat er sein schwedisches Unternehmen geboten.“ Vor zehn Jahren hatte Wiegand ihm für einen kleinen Freizeitpark eine erste Anlage gebaut. Insofern war das Geschäft trotz Krisenregion Kurdistan kein Abenteuer für Wiegand.

The Slide dagegen, die spektakuläre Trockenrutsche am Arcelor Mittal Orbit in London, war für das Unternehmen aus der hessischen Rhön vor allem eine technische Herausforderung. Denn die Anlage musste in den schon bestehenden Turm integriert werden. Es sei nicht eben einfach gewesen, jeden einzelnen Anlenkpunkt der Tunnelrutsche auszumachen, sagt Hendrik Wiegand. Jetzt aber ist die steile Röhre die neue Attraktion eines Bauwerks, das einige Londoner genüsslich als „Godzilla der öffentlichen Kunst“ verspotten. Für die Josef Wiegand GmbH handelt es sich aber um ein Leuchtturmprojekt, mit dem sich die Osthessen für weitere Projekte in aller Welt empfehlen.

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