1. Startseite
  2. Wirtschaft

Freiheit statt Gehorsam

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jochen Knoblach

Kommentare

Frank Roebers ist Vorstandschef der Synaxon AG - und führt die Firma auf ungewöhnliche Weise.
Frank Roebers ist Vorstandschef der Synaxon AG - und führt die Firma auf ungewöhnliche Weise. © BLZ/Paulus Ponizak

Kreative Köpfe führt man nicht wie eine Spargelstecherkolonne, sagt Frank Roebers, Vorstandchef der Synaxon AG. In dem Bielefelder IT-Unternehmen wurden die Hierarchiestrukturen nahezu komplett aufgehoben. Seitdem ist die Firma innovativer und effizienter geworden.

Dass Deutschland trotz der Krise um Euro und Schulden noch ganz gut dasteht, ist unbestritten und erfreulich. Allerdings könnte es dem Land noch um Klassen besser gehen, würden hiesige Unternehmer das Potenzial ihrer Mitarbeiter besser nutzen. Denn da wird offenbar viel verschenkt, wie eine Hamburger Unternehmensberatung gerade erst mit einer Umfrage herausfand. Ergebnis: Drei von vier Beschäftigten deutscher Unternehmen fühlen sich von ihren Chefs ausgebremst.

Für Frank Roebers, Vorstandschef der Bielefelder Synaxon AG, ist das nicht verwunderlich. In einem ausführlichen Gespräch mit der Berliner Zeitung erzählt er, wie er bereits vor Jahren zu dieser Erkenntnis kam und seinerzeit Konsequenzen zog.

Jeder darf alles sehen

Damals hob der Chef die Hierarchiestrukturen des 150-Mann-Unternehmens nahezu komplett auf und setzte dafür auf „radikale Selbstorganisation“. Seitdem gibt es ein internes Firmennetzwerk, das in etwa wie das Online-Lexikon Wikipedia funktioniert. Vor allem aber ist es den Wikipedia-Grundprinzipien verpflichtet: Jeder darf alles sehen. Jeder darf alles ändern, und jede Änderung gilt sofort. 

Im Interview spricht der 45-jährige Manager von Europas größter IT-Verbundgruppe über Chancen und Erfahrungen mit dem Synaxon-Wiki. Etwa von dem jungen Kollegen, der sich am Unternehmensleitbild störte und es einfach löschte. „Ich fand es im ersten Moment auch nicht wirklich lustig, dass sich ein Mitarbeiter anmaßt, mal eben mein  Unternehmensleitbild zu ändern.

Zumal der noch in der Probezeit war. Nachdem ich dann eine Nacht drüber geschlafen und sich meine Schnappatmung gelegt hatte, habe ich das mit meinen Kollegen besprochen. Wir ließen es laufen und wollten mal schauen, was als Nächstes passiert. Das war dann, als hätte jemand die Handbremse gelöst“, sagt Synaxon-Chef Roebers.

Beteiligen statt bevormunden

Insgesamt habe es in den vergangenen Jahren rund 400.000 Veränderungen durch seine Mitarbeiter gegeben, und jeder Vorschlag hätte das Unternehmen nach vorn gebracht. Da hatte zum Beispiel eine Mitarbeiterin eine Prozessbeschreibung zu einem millionenschweren Verfahren verändert, wodurch die Firma rund 100.000 Euro einsparte. An anderer Stelle wurde ein Lieferant gewechselt. Der neue war besser und billiger. „Ich war überzeugt, dass wir sehr viel Energie und Kreativität freisetzen können, wenn wir die Leute machen lassen, sie beteiligen und sie nicht bevormunden“, sagt er. Eigentlich sei die Idee ganz simpel. „Kreative Köpfe führt man nicht wie eine Spargelstecherkolonne.“

Im Gespräch spricht der Hobbyflieger und Piratenparteiaktivist offen über Bedenken seiner Abteilungsleiter, über Krankenstand und Fluktuation, über Belastung und Überlastung und darüber, wie er sein Unternehmen in Bewegung hält. Denn vor einigen Monaten wurde dort auch das Kommunikationsprogramm Liquid Feedback installiert, mit dem in der Piratenpartei Basisdemokratie gelebt wird.

Je größer das Unternehmen, desto besser

In der Synaxon AG könne nun jeder Mitarbeiter anonym Vorschläge machen, über die dann abgestimmt werde. Die Mehrheit entscheidet. So wurde festgelegt, dass ein Arbeitsvertrag zum Ablauf der Probezeit nicht einfach so gekündigt werden darf, Mitarbeiter bei der Besetzung von Führungspositionen mitreden können oder Weihnachts- und Urlaubsgeld gezahlt wird.

Roebers hält sein Model für bewährt und zukunftsfähig. Nach seiner Ansicht würde es auch in größeren Unternehmen funktionieren. „Je größer, desto besser“, sagt er. Das werde zwar noch zehn  bis 20 Jahre dauern, aber es werde kommen. „Ich weiß sogar von Dax-Konzernen, in denen  die Mitarbeiter solch eine Mitbestimmung wollen, der Vorstand will es auch, aber die mittlere Führungsebene blockiert“, sagt Vorstandschef Roebers.

Auch interessant

Kommentare