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„Wir fühlen uns belogen, betrogen und verarscht“

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Von: Steffen Herrmann

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Markus Thal begräbt in Saarlouis die Werte von Ford: „das zählt anscheinend alles nichts mehr“.
Markus Thal begräbt in Saarlouis die Werte von Ford: „das zählt anscheinend alles nichts mehr“. © privat

Markus Thal, Betriebsratschef bei Ford in Saarlouis, über die Stimmung unter den Beschäftigten, das Verhalten des Autoherstellers und warum es politischer Unterstützung beim Strukturwandel bedarf.

Das Telefon klingelt, aber Markus Thal hat keine Zeit. Seit Ford mitgeteilt hat, dass sein neues Elektroauto in Valencia und nicht Saarlouis produziert wird, steht der Saarländer unter Strom: Als Betriebsratsvorsitzender ist er ein wichtiger Ansprechpartner für die Beschäftigten, Anrufe müssen warten. Also wird auch das Interview mit der Frankfurter Rundschau kurzfristig verschoben. Zwei Stunden später spricht Thal dann über die Stimmung im Werk, verpasste Chancen und die fehlende Unterstützung aus Brüssel.

Herr Thal, fast zwei Wochen sind vergangen, seit die Ford-Werke in Saarlouis im internen Bieterverfahren gegen den Standort Valencia verloren haben. Wie ist die Stimmung in der Belegschaft?

Ich weiß gar nicht, ob man das in wenigen Sätzen sagen kann. Am Mittwoch haben wir Kreuze in den Boden geschlagen und damit die Werte von Ford zu Grabe getragen: Respekt, Anstand und so weiter – das zählt anscheinend alles nichts mehr. Es gibt eine Mischung aus Wut, Fassungslosigkeit und enormen Ängsten. Das ist eine schlimme Situation für die Menschen – vor allem, weil es keine Antworten gibt. In seiner E-Mail an die Belegschaft nennt Stuart Rowley (Ford-Europachef, Anm. d. Red.) drei Optionen für die Zukunft in Saarlouis, die aber nicht mit Leben gefüllt sind.

Welche drei Optionen sind das?

Eine Option ist, dass Ford weiter am Standort Saarlouis aktiv ist, etwa mit dem Recycling von Batterien. Die zweite Option ist, dass ein anderes Unternehmen übernimmt. Option drei: Was kann die Regierung des Saarlandes tun? Dazu will man eine Taskforce aufstellen. Aber die Leute kommen sich verarscht vor. Kein einziger der drei Punkte ist ausgereift, erst jetzt beschäftigt man sich damit. Spätestens seit 2019 wusste man bei Ford, wo die Reise hingeht. Wir haben der Konzernleitung schon früh gesagt: Ihr werdet niemals alle Werke aufrecht erhalten können, was macht Ihr denn? Aber da ist nichts passiert. Stattdessen hieß es immer wieder, für uns gebe es eine Zukunft, man suche eine Perspektive und wir müssten nur alles schön mitmachen. Und jetzt hat man den Scherbenhaufen.

Für die Region um Saarlouis ist die Entscheidung für Valencia ein schwerer Schlag, die Identifikation mit Ford ist groß.

Sie begegnen hier überall Ford: auf dem Parkplatz, beim Bäcker oder an der Tankstelle. Seit knapp 50 Jahren ist Ford hier, jeder hat irgendeine Verbindung zum Unternehmen und alle sind bestürzt.

Und im Betrieb selbst steht alles still?

Dort herrscht eine explosive Stimmung. Die Menschen haben extrem viele Fragen und stürmen die Betriebsratsbüros. Nach den Betriebsversammlungen in der vorvergangenen Woche standen die Menschen in langen Schlangen erst vor unseren Büros, dann in den Pausenräumen und schließlich standen wir mit Megaphonen in den Hallen, um mit den Menschen zu sprechen. Und das geht die ganze Zeit nun so, viele Betriebsräte haben keine Stimme mehr, manche sind schon ausgefallen. Und was macht das Unternehmen Ford? Bietet eine E Mail für „offene Fragen“ an. Unglaublich!

Zur Person

Markus Thal arbeitet seit 1987 bei Ford in Saarlouis, inzwischen ist der gelernte Werkzeugmechaniker Vorsitzender des Betriebsrats. Wie rund 98 Prozent der 4600 Ford-Beschäftigten in Saarlouis ist auch Thal Mitglied der IG Metall. eff

Für Juli hatte die Geschäftsleitung Kurzarbeit beantragt mit Verweis auf fehlende Halbleiter. Diesen Antrag hat der Betriebsrat abgelehnt. Was werfen Sie Ford vor?

Der Antrag lag schon am 3. Juni vor, aber die Unterlagen waren undurchsichtig. Es war zum Beispiel nicht klar zu erkennen für uns, wie die Verteilung an den anderen Standorten ist. Aufgeklärt wurde das aber nicht. Das war der eine Punkt. Der andere: Wir wissen aus der Presse, dass die deutschen Ford-Händler aufgefordert wurden, lieber die Modelle Kuga und Puma zu verkaufen, und nicht mehr den Fiesta oder den bei uns produzierten Focus. Für ein Unternehmen ist es ja legitim, auf margenstärkere Modelle zu setzen. Aber im gleichen Moment dann Kurzarbeit zu beantragen, ist sehr bedenklich. Und da sollte die Agentur für Arbeit genau hinschauen.

Bis 2025 ist der Standort mit den rund 4600 Beschäftigten noch gesichert, dann läuft die Herstellung des Ford Focus aus. Sie haben schon die Taskforce erwähnt, die Ford gründen will. Außerdem will das Unternehmen mit Arbeitnehmervertretern und der Landesregierung über die Zukunft in Saarlouis zu sprechen. Wie groß ist Ihr Vertrauen in solche Ankündigungen?

Ford will mit uns sprechen? Das glaube ich gern. Aber die Frage ist doch, wie gehaltvoll das ist und ob Ford Vorschläge macht, die Arbeitsplätze sichern. So wie das Unternehmen bisher mit uns umgegangen ist, habe ich da wenig Hoffnung. Ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen, aber bisher gibt es nur schlechte Botschaften. Ford hätte von Anfang an nach Alternativen suchen müssen, sodass wir jetzt Klarheit hätten. Aber stattdessen fängt man jetzt an, viel zu spät. Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Auf einer Skala von Null bis Zehn liegt das Vertrauen bei minus Zwei. Wir fühlen uns von Ford belogen, betrogen und verarscht.

Wie sind denn Ihre Gefühle mit Blick auf die Regierungen in Saarbrücken und Berlin: Fühlen Sie sich ausreichend unterstützt?

Mit Blick auf das Bieterverfahren kann ich einen Haken machen. Was nun passiert, ist aber noch offen. Im Moment diskutiert die Landesregierung mit dem Ford-Management. Da müssen wir aufpassen, dass Ford sich nicht einfach aus der Verantwortung stiehlt. Mit dem Bund haben wir nach dem 22. Juni keine Gespräche mehr geführt, da muss jetzt auch etwas passieren. Natürlich sind die Möglichkeiten der Politik begrenzt, aber politischer Druck ist wichtig, zum Beispiel über diplomatische Kanäle. Eine Sache habe ich aber tatsächlich vermisst.

Nämlich?

Unterstützung aus Brüssel. Ursula von der Leyen hatten wir auch angeschrieben, aber bis heute keine Antwort erhalten. Klar, es gibt viele Probleme auf der Welt, das verstehe ich. Aber es geht hier auch um eine Region im Herzen Europas und um das, was man Transformation und Strukturwandel nennt. Eine Antwort wäre schon nett gewesen. Wie will man denn das neue Europa gestalten, wenn das alte in Schutt und Asche liegt? Schauen Sie sich die Grenzregion an: Hier hat Marine Le Pen in den französischen Präsidentschaftswahlen 50 bis 60 Prozent der Stimmen geholt.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir werden alle Möglichkeiten ausloten. Ende Oktober wartet die Tarifauseinandersetzung. Da werden wir uns aus heutiger Sicht sicherlich freiwillig melden, sollte es zu Warnstreiks kommen. Als Betriebsrat wollen wir Ford das Leben so schwer machen wie möglich. Wir schauen uns mit dem Gesetzbuch unter dem Arm alles genau an: Kurzarbeit, Schichtpläne, sonstige Maßnahmen. Bei einem Betrieb dieser Größe findet man immer etwas. Das macht niemandem Spaß, aber dann ist das eben so.

Interview: Steffen Herrmann

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