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Wenn die Tochter das Familienunternehmen übernimmt: „Wir haben kein Essen, das komplett privat ist“

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Von: Steffen Herrmann

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Nachfolge im Familienunternehmen: Mutter Lydia setzt auf Karteikarten, Tochter Karen auf die Cloud. Gemeinsam führen sie ein Immobilienunternehmen.
Nachfolge im Familienunternehmen: Mutter Lydia setzt auf Karteikarten, Tochter Karen auf die Cloud. Gemeinsam führen sie ein Immobilienunternehmen. © Monika Müller

Karen Ishikawa übernimmt das Immobilienunternehmen, das ihre Mutter Lydia aufgebaut hat. Ein Gespräch über Nachfolge, gemeinsames Arbeiten und Konflikte am Küchentisch.

Seit knapp 30 Jahren arbeitet Lydia Ishikawa in der Immobilienbranche. 1991 kam sie nach 15 Jahren in Tokio zurück nach Deutschland und machte sich selbstständig. Damals seien die Kinder noch klein gewesen, erzählt Ishikawa, und sie habe ihre Arbeitszeit selbst bestimmen wollen. Heute sind die Kinder erwachsen, und Tochter Karen soll das Geschäft übernehmen. Die gelernte Architektin arbeitet bereits seit elf Jahren mit ihrer Mutter zusammen. Im Interview sprechen die beiden Unternehmerinnen über die Anfänge des Familienbetriebs, die Zusammenarbeit zwischen Mutter und Tochter und die nicht immer einfache Übergabe des Zepters.

Frau Ishikawa, wie sind Sie 1991 in der Immobilienbranche gelandet?

Lydia Ishikawa: Schon in Japan habe ich Wohnungen gekauft, saniert und weiterverkauft. Mich hat das fasziniert, und ich wollte das in Deutschland weitermachen. Damals, 1991, steckte Japan in einer Wirtschaftskrise, und die japanischen Firmen haben deutsche Immobilien in sehr guten Lagen verkauft. Anfangs waren das nur Übersetzungen, und dann habe ich mir gesagt: Das kannst du auch. Also habe ich eine Maklerlizenz beantragt und die Verkäufe für die japanischen Unternehmen selbst abgewickelt. Das war der Anfang.

Inzwischen haben Sie zehn Mitarbeiterinnen.

Lydia Ishikawa: Ja, es wurde so viel, dass ich mehrere Mitarbeiter eingestellt habe. Ich habe mit dem Fokus auf Sprachen nach Mitarbeitenden gesucht, damit die Ausrichtung international bleibt.

Nun sind Sie seit 30 Jahren im Geschäft. Was ist die große Erkenntnis nach all den Jahren?

Lydia Ishikawa: Immobilien sind die sicherste Anlage. Als ich anfing, gab es die strikten Mietgesetze noch nicht. Heute ist es mehr reglementiert, aber im Großen und Ganzen hat sich wenig verändert: Es sind Menschen, es sind Wohnungen, es ist stabil geblieben.

Und nun übergeben Sie das Zepter an Ihre Tochter.

Lydia Ishikawa: Ja, schleichend. ( lacht )

Karen Ishikawa ( lacht ): So ganz offiziell wird das Zepter nicht übergeben. Bei uns ist das wirklich ein schleichender Prozess. Als ich in die Firma einstieg, haben wir uns eine Probezeit gegeben. Und als wir beide dann gemerkt haben, dass es passt, ging es los, dass meine Mutter anfing, etwas weniger zu machen. Anfangs waren es vor allem interne Angelegenheiten. Eine der ersten Aufgaben war zum Beispiel die Gestaltung einer neuen Homepage, die war nämlich noch von 1991. Sie funktionierte, aber war eben alt. Inzwischen macht meine Mutter sogar wieder etwas mehr, damit ich mehr Zeit für meinen einjährigen Sohn habe.

Die Übergabe des eigenen Unternehmens an eine Nachfolgerin, die möglicherweise viel verändern will, ist oft schon schwer. Umso mehr, wenn es die eigene Tochter ist. Wie klappt das Zusammenspiel?

Karen Ishikawa: Es hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist: Wir arbeiten vieles nebenher ab, denn die Firma ist oft auch Thema in privaten Gesprächen. Der Nachteil: Wir haben kein Essen zusammen, das komplett privat ist. Das ist manchmal anstrengend, und wenn man genervt ist, dann ist der Ton bei Mutter und Tochter natürlich ein bisschen schärfer als etwa in einem normalen Angestelltenverhältnis. Da würde man sich manchmal nicht so angehen, das muss ich ehrlich sagen. Aber zehn Minuten später ist es auch wieder okay.

Zu den Personen

Lydia Ishikawa lebte 15 Jahre in Japan und gründete 1991 in Deutschland ihr Immobilienbüro. Heute arbeiten zehn Frauen in dem Frankfurter Unternehmen.

Karen Ishikawa stieg nach dem Studium der Architektur in Karlsruhe 2011 ins mütterliche Unternehmen ein. sbh

Inzwischen sind es schon zehn Jahre Zusammenarbeit.

Karen Ishikawa: Ja, wir wissen jetzt, es passt.

Lydia Ishikawa: Das Schöne ist, wenn man es wie wir zehn Jahre macht, dass es ein langsamer Übergang ist. Ich konnte in dieser Zeit meine Philosophie einbringen und sehe, dass Karen diese auch ein Stück weiterführt.

Karen Ishikawa: Es ist natürlich nie leicht, Dinge zu verändern, die schon lange etabliert sind. Meine Mutter sagt dann, dass die Karteikarten immer funktioniert haben. Die Karteikarte habe ich jedoch nicht dabei, wenn ich im Auto unterwegs bin. Die Cloud dagegen schon. Das ist ein bisschen eine Generationsfrage, aber es klappt.

Wie würden Sie sich denn beschreiben – Juniorchefin, Reformerin?

Karen Ishikawa: Ich beschreibe mich immer als Mädchen für alles. Ich mache zum Beispiel auch die IT im Büro, obwohl das nicht meine allergrößte Stärke ist. Ansonsten haben wir keine klassische Aufgaben- oder Rollenverteilung.

Lydia Ishikawa: Es gibt keinen Boss.

Karen Ishikawa: Genau, wir sind ein Team, und wir legen Wert darauf, dass sich alle in jedem Thema auskennen.

Ein Team aus zehn Frauen. Ist das Zufall oder Absicht?

Karen Ishikawa: Es hat sich so ergeben und gezeigt, dass wir als Team stark sind und gut zusammenarbeiten. Es sind auch alles langjährige Mitarbeiterinnen. Wenn ein Kunde zehn Jahre nach seinem Kauf wieder bei uns anruft, hat er sehr wahrscheinlich noch die gleiche Ansprechpartnerin. Das ist schön.

Gibt es für die nächsten Jahre einen Fahrplan?

Karen Ishikawa: Wir sind keine Excel-Tabellen-Menschen. Bei uns muss es fließen. Die Ampel-Regierung will den Maklerberuf laut dem Koalitionsvertrag sachkundiger und fachlicher machen. Wir hoffen, dass das positiv für uns ist, denn darauf haben wir schon immer Wert gelegt. Einen konkreten Fahrplan gibt es also nicht, wir würden uns auf dem Weg vermutlich verfahren.

Interview: Steffen Herrmann

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