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Warnung vor Ausbeutung

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Da schwebt es zu Boden, das alte Logo des Schlachtkonzerns.
Da schwebt es zu Boden, das alte Logo des Schlachtkonzerns. © Lino Mirgeler/dpa

Der Fleischkonzern Tönnies will Geflüchtete an der Grenze anwerben.

Ukrainerinnen und Ukrainer dürfen in Deutschland arbeiten – und sie sind als Arbeitskräfte offenbar heiß begehrt: Der Fleischkonzern Tönnies bestätigte am Donnerstag, Geflüchtete an der polnisch-ukrainischen Grenze angeworben zu haben. Nun wächst die Sorge, dass manch umstrittene Arbeitgeber aus dem Niedriglohnbereich dies ausnutzen könnten.

Davon will man bei Tönnies nichts wissen: „Tönnies ging und geht es nur darum, den Menschen zu helfen“, erklärte ein Sprecher am Donnerstag. Firmenchef Clemens Tönnies habe kürzlich einen Hilfskonvoi an die Grenze begleitet. Nach diesem „emotionalen Besuch“ sei die Idee entstanden, Geflüchteten direkt an der polnisch-ukrainischen Grenze Unterstützung durch Arbeitsplätze, Unterkünfte und Transport nach Deutschland anzubieten, teilte das Unternehmen mit.

Am Mittwochabend klang das noch anders: Da hatte die ARD die Anwerbeversuche aufgedeckt. Demnach hatten Flüchtlingshelfer im Grenzgebiet die Tönnies-Mitarbeitenden entdeckt und „vertrieben“, wie sie auf Instagram schilderten. „Sich am Elend zu bereichern und es als gute Tat zu verkaufen, ist in der Fleischbranche nichts Neues. 2015 bei der Flüchtlingswelle haben wir Ähnliches erlebt“, sagte Inge Bultschneider von der Interessengemeinschaft „Werkfairträge“ der ARD.

Unter Kennern der Branche lösten die Anwerbeversuche am Donnerstag Fassungslosigkeit aus, wie mehrere dem Redaktionsnetzwerk Deutschland schilderten. Zu frisch sind die Erinnerungen an die Corona-Ausbrüche in Tönnies Schlachthöfen – die schon lange wegen der prekären Situation dortiger, meist migrantischer, Beschäftigter in der Kritik stehen.

Dabei ist es erklärtes Ziel der Bundesregierung, Geflüchtete aus der Ukraine in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Angesichts der Zerstörungen in der Ukraine und der Länge des Krieges würden viele Menschen längere Zeit in Deutschland bleiben, hatte Arbeitsminister Hubertus Heil am Mittwoch erklärt. Längst gibt es entsprechende Jobbörsen und Sprachkurse. Auch an der Anerkennung von ukrainischen Berufsabschlüssen arbeite die Bundesregierung laut Heil.

Allerdings zeigen diverse Untersuchungen aus der Vergangenheit, dass viele Geflüchtete zunächst -und oft dauerhaft- im Niedriglohnbereich tätig werden. Ihre Situation mache das nicht besser, meint der Göttinger Soziologe Peter Birke. „Die Voraussetzung für Integration und Teilhabe sind gute Arbeitsbedingungen, erfahrungsgemäß sind die in der Fleischindustrie nicht gegeben“, sagt der Wissenschaftler, der zur Situation migrantischer Beschäftigter in Deutschland forscht.

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