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Warnsignale auf dem Arbeitsmarkt

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Von: Steffen Herrmann

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Nicht alle Gruppen konnten von der positiven Beschäftigungsentwicklung profitieren: Schwer taten sich vor allem Langzeitarbeitslose und Menschen in den sogenannten Randaltersgruppen – also Ältere und junge Menschen, die ins Arbeitsleben starten.
Nicht alle Gruppen konnten von der positiven Beschäftigungsentwicklung profitieren: Schwer taten sich vor allem Langzeitarbeitslose und Menschen in den sogenannten Randaltersgruppen – also Ältere und junge Menschen, die ins Arbeitsleben starten. © Carsten Koall/dpa

FR-Barometer FRAX sinkt im ersten Quartal – trotz guter Beschäftigungslage.

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind erste Folgen der Inflation spürbar. Im ersten Quartal 2022 fiel der FR-Arbeitsmarktindex FRAX auf 108,3 Punkte – ein Minus von 0,5 Punkten im Vergleich zum Vorjahresquartal, wie die jüngste Aktualisierung des Barometers zeigt. Es wird vom Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR für die Frankfurter Rundschau berechnet. In den drei vorherigen Quartalen hatte der Index zugelegt.

Laut WifOR-Forschungsfeldleiterin Sandra Zimmermann dämpfen vor allem verschlechterte Ausbildungszahlen und Zugangschancen zum Arbeitsmarkt die Entwicklung des Barometers. „Dafür setzt sich der Aufwärtstrend bei der Beschäftigung ungebrochen fort. In dieser Kategorie ist gegenüber dem Vorjahresquartal ein Anstieg um 4,5 Punkte zu verzeichnen“, so die Expertin. Dazu trug bei, dass die Zahl der Arbeitslosen deutlich abnahm, während mehr Arbeitsstunden geleistet wurden.

Große Sorgen bereitet den Fachleuten die Entwicklung der Zugangschancen. Denn nicht alle Gruppen konnten von der positiven Beschäftigungsentwicklung profitieren: Schwer taten sich vor allem Langzeitarbeitslose und Menschen in den sogenannten Randaltersgruppen – also Ältere einerseits und junge Menschen, die ins Arbeitsleben starten, andererseits. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen kletterte im ersten Quartal auf 41,8 Prozent.

Das Barometer

Der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) ist eine Entwicklung der Frankfurter Rundschau und des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifor. Er wurde in enger Abstimmung zwischen Journalist:innen und Forschenden erarbeitet. Grundgedanke ist, dass die Arbeitslosen- und Erwerbstätigenzahlen alleine keine fundierte Bewertung des Arbeitsmarktes ermöglichen. Es kommt ebenfalls auf die Qualität der Arbeit an oder darauf, dass die Menschen von ihrer Arbeit leben können. Der FRAX analysiert deshalb den deutschen Arbeitsmarkt in fünf Kategorien und anhand von 18 Indikatoren, um so zu einem stimmigen Gesamtbild zu kommen. Alle Texte finden Sie auf fr.de/frax

Der Anteil der Randaltersgruppen an allen Arbeitslosen legte ebenfalls zu und erreichte 33 Prozent. „Gerade in Verbindung mit den sich bereits im ersten Quartal andeutenden Auswirkungen der steigenden Inflation verheißt dies nichts Gutes für die kommenden Quartale“, befürchtet die WifOR-Forschungsfeldleiterin Zimmermann.

Das erste Quartal des neuen Jahres, in das auch der russische Angriff auf die Ukraine fiel, ist aufgrund saisonaler Effekte traditionell eher schwach. Für das folgende Quartal liegen die umfangreichen Daten, auf deren Basis der FRAX berechnet wird, noch nicht vor.

Der FRAX in ersten Quartal

BESCHÄFTIGUNG

Die Arbeitslosigkeit nimmt deutlich ab im Vergleich zum Vorjahresquartal. Zusammen mit dem Anstieg der Arbeitsstunden führt das zu einer deutlichen Steigerung der Kategorie.

Im ersten Quartal 2022 waren rund 2,32 Millionen Menschen arbeitslos – rund 456 000 Personen weniger als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Erwerbstätigen erhöhte sich leicht: Insgesamt waren rund 45,5 Millionen Menschen in Beschäftigung. Das Verhältnis von geringfügig Beschäftigten zu sozialversicherungspflichtig Beschäftigten veränderte sich nicht. Aber: Die Zahl der Arbeitsstunden legte zu. Im ersten Quartal arbeiteten die Menschen rund 15,2 Milliarden Stunden (plus 4,1 Prozent).

Frax im Juli 2022.
Wie sich der FRAX entwickelt. © FR

ZUGANGSCHANCEN

Auch im ersten Quartal steht vor der Kategorie der Zugangschancen ein fettes Minus: Um 5,3 Punkte ging der Indikator zurück. Verantwortlich dafür ist die weiterhin negative Entwicklung bei den Langzeitarbeitslosen, also Menschen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind. Ihr Anteil an allen Arbeitslosen kletterte von 36,3 Prozent im Vorjahresquartal auf nun 41,8 Prozent. Auch junge und ältere Menschen hatten Probleme, zurück in Jobs zu finden: Der Anteil der Randaltersgruppen an allen Arbeitslosen stieg leicht von 31,4 Prozent auf 33 Prozent. Keine Veränderung gab es beim Anteil der Frauen an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

ARBEITSBEDINGUNGEN

Kaum Veränderung gibt es bei den Arbeitsbedingungen. Die Kategorie legt im ersten Quartal 2022 nur leicht um 0,6 Punkte zu. Ein Grund dafür sind verbesserte Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz: Für das Jahr 2021 prognostizieren die Fachleute, dass ungefähr 14 Prozent der Beschäftigten keine emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber haben. Das ist ein Rückgang im Vergleich zum Vorjahr (16 Prozent). Negativ wirkte sich dagegen aus, dass die Zahl der meldepflichtigen Arbeits- und Wegeunfälle kräftig stieg: Mit geschätzt rund 975 000 Unfällen liegt sie deutlich über dem Vorjahresquartal. Das dämpft die Entwicklung der Kategorie.

AUSBILDUNG

Vom Ausbildungsmarkt kommen seit längerer Zeit keine guten Nachrichten. Die Folgen der Pandemie wirken nach: 2020 fiel die Zahl der Ausbildungsverträge erstmals unter die Marke von 500 000. Im vergangenen Jahr unterschrieben rund 473 000 Azubis einen Ausbildungsvertrag, nur knapp 5600 Menschen mehr als im Vorjahr. Im ersten Quartal 2022 wirkte vor allem die gesunkene Übernahmequote negativ auf die Kategorie (minus 3,4 Punkte). Sie lag von Januar bis April bei rund 72 Prozent – ein Rückgang von fünf Prozent. Eine kleine Verbesserung gab es beim Verhältnis von Angebot und Nachfrage: Auf 100 nachgefragte Arbeitsplätze kamen 99,1 Bewerberinnen und Bewerber.

EINKOMMEN

Ein kleines Plus von 1,1 Punkten verzeichnet die Kategorie der Einkommensentwicklung. Dazu trägt vor allem bei, dass die Zahl der sogenannten Aufstocker im ersten Quartal zurückging. Das sind Erbwerbstätige, die zusätzlich auch Arbeitslosengeld II beziehen. Im ersten Quartal stockten rund 827 000 Menschen auf. Das sind rund 65 000 Personen weniger als ein Jahr zuvor (minus 7,3 Prozent). Das könnte besser klingen, als es tatsächlich ist: Denn ein Grund für den Rückgang könnte sein, dass ein Teil der Aufstocker in die Arbeitslosigkeit gerutscht ist. Der Reallohnindex ist um 0,5 Punkte gesunken – eine Folge der anziehenden Inflation.

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