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Vier Tage arbeiten, drei Tage chillen

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Von: Peter Riesbeck

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Seit November gilt in Belgien die Vier-Tage-Woche. Auch hierzulande flexibilisieren viele Betriebe die Arbeitszeit.

Brüssel – Belgiens Justizminister jubelte. „Ein Booster für die Ökonomie, für den wir schon lange kämpfen“, schwärmte Vincent Van Quickenborne. Das war im Frühjahr. Die belgische Regierung hatte sich gerade auf flexiblere Arbeitszeitmodelle verständigt. Seit November gibt es im Nachbarland nun einen Rechtsanspruch auf die Vier-Tage-Woche.

Aber nicht nur in Belgien kommt Bewegung in die Arbeitswelt. In Deutschland begrüßen laut einer Forsa-Umfrage 71 Prozent der Beschäftigten eine Vier-Tage-Woche. Ein Blick auf neue Arbeitszeitmodelle.

Vier-Tage-Woche in Berlin: Vegane Kondome werden nach neuem Arbeitszeitmodell produziert

Markus Wörner, 41, Vollbart und Hoodie, ist Head of Marketing beim Berliner Hygieneartikelhersteller Einhorn. Das Start-up machte im Jahr 2021 rund sieben Millionen Euro Umsatz mit Produkten, die vom veganen Kondom bis zur Menstruationstasse reichen. Und die junge Firma baut auf die Vier-Tage-Woche. „Wir kommen aus der New-Work-Bewegung. Da lag es nahe, dass wir auch auf neue Arbeitszeitmodelle setzen.“

Junge Beschäftigte schauen längst auf mehr als nur ein gutes Gehalt. Daher hat Einhorn umgestellt. Seit Juni 2022 beträgt die Wochenarbeitszeit 32 Stunden – bei vollem Lohnausgleich. „Klar hatten auch wir bei der Umstellung auf die Vier-Tage-Woche die Sorge, ob der Umsatz einbricht oder Projekte rechtzeitig fertig werden. Aber es klappt“, sagt Wörner und ergänzt: „Transparenz und Kommunikation sind entscheidend.“

Demokratie im Betrieb: Bei Einhorn wird alle zwei Jahre ein Gehalts-Rat gewählt

Ein sogenannter People-Rat regelt bei Einhorn Personal- und Arbeitsfragen, ein Gehalts-Rat klärt Geldfragen. Die drei bis vier Mitglieder werden von den Beschäftigten auf zwei Jahre gewählt. Wörner gehört beiden Gremien an. Er sagt: „Wir haben einen Grundsatz: Das höchste Gehalt darf maximal vier Mal so hoch sein wie das niedrigste.“ Das Grundgehalt liegt bei rund 2700 Euro brutto.

An seinem freien Tag greift Wörner nun gern zur Gitarre. Oder er hat mehr Zeit für seine dreijährige Tochter. Zudem hat er neben seinem Job eine Coaching-Ausbildung begonnen. Sein Fazit: „Die Vier-Tage-Woche nimmt einfach den Druck.“

Belgien: Vier-Tage-Woche soll mehr Menschen in Lohn und Brot bringen

So weit geht Belgien nicht. Beschäftigte haben dort seit November einen Rechtsanspruch, ihre Wochenarbeitszeit von 40 Stunden auch an vier Tagen abzuleisten – bei gleichem Gehalt. Alternativ kann die Stundenzahl verringert werden – gegen Gehaltsabschlag.

Vier-Tage-Woche in Belgien: Auch in Deutschland wird flexibilisiert.
Vier-Tage-Woche in Belgien: Auch in Deutschland wird flexibilisiert. (Archivbild) © Boris Roessler/dpa

„Es geht darum, Arbeitnehmern mehr Flexibilität und Freiheit zu geben“, so Premier Alexander De Croo. Die Erwerbstätigenquote beträgt in Belgien nur 66 Prozent, in Deutschland sind es 77 Prozent. De Croo: „Wir wollen mit flexibleren Arbeitszeiten auch jene erreichen, für die es bislang nicht so interessant war, eine Arbeit aufzunehmen.“

Wirtschaftsexperte zur Vier-Tage-Woche: „Gesetzlich ist das auch in Deutschland möglich“

Wirtschafts- und Unternehmerverbände hierzulande geben sich eher zurückhaltend. Das Ganze sei Sache der einzelnen Unternehmen. Holger Schäfer, 53, arbeitet beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Mit Blick auf die belgische Regelung zur Vier-Tage-Woche sagt Ökonom Schäfer: „Rein gesetzlich ist das auch in Deutschland möglich. Die gesetzliche Höchstarbeitszeit beträgt zehn Stunden. Es ist nur fraglich, ob die Arbeitsverdichtung die Kreativität fördert.“

Mehrere Modelle

Belgien führte im November die Vier-Tage-Woche ein. Die Beschäftigten können ihre Arbeitszeit auf vier Tage bündeln. Bei Arbeitszeitkürzungen gibt’s Gehaltsabzug.

In Deutschland beträgt die maximale Arbeitszeit zehn Stunden am Tag. Vier-Tage-Woche ist also auch hier möglich. Unternehmen praktizieren zwei Modelle: Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich oder aber weniger Arbeiten gegen weniger Entgelt.

Island wagte einen Versuch. In den Jahren 2015 und 2017 testeten dort Beschäftigte von öffentlichen Einrichtungen die Vier-Tage-Woche. Sie arbeiteten 35 Stunden statt 40 Stunden. Das Ergebnis laut Begleitstudie: „Die Produktivität und die erbrachte Leistung blieben gleich oder verbesserten sich sogar bei den meisten Versuchsarbeitsplätzen.“ Schäfer reagiert zurückhaltend: „Ich würde den Versuch nicht überbewerten. Ich bin mir nicht sicher, ob Produktivitätsgewinne in öffentlichen Einrichtungen in Island so einfach auf die private Wirtschaft in anderen Ländern übertragen werden können.“

Vier-Tage-Woche in Island: Hier gibt es vollen Lohnausgleich

Hinzu kommt: Von welcher Vier-Tage-Woche wird überhaupt gesprochen? Bei vollem Lohnausgleich wie in Island? Auch da ist Schäfer skeptisch: „Das wäre eine Lohnerhöhung um zwanzig Prozent“, sagt er. Oder aber das Modell weniger Stunden gegen weniger Lohn. „Das kann jeder Arbeitnehmer mit seinem Arbeitgeber schon jetzt vereinbaren“, sagt Schäfer und betont: „Ob Island oder Belgien – auch in diesen Ländern werden Arbeitszeit und Lohn nicht vom Staat vorgegeben, sondern von Arbeitnehmern und Betrieben verhandelt. Wenn die Tarifparteien andere Modelle wünschen, können sie diese vereinbaren. Freiwillig.“ Die Botschaft ist klar: Die Tarifautonomie ist zu respektieren.

„Moin, hier spricht die Malerin“, sagt Jessica Hansen, 40, nordisch knapp und äußerst selbstbewusst. Seit zehn Jahren ist die Malermeisterin aus dem schleswig-holsteinischen Osterby selbstständig. Und erfolgreich. Doch gab es ein kleines Problem: „Fachkräftemangel und Personalgewinnung“, erzählt Hansen. Um junge Mitarbeiter:innen zu gewinnen, entschied sie sich im vergangenen April für einen neuen Weg: Vier-Tage-Woche. Auf einen Post auf Facebook und Instagram kamen innerhalb kürzester Zeit fünfzig Bewerbungen. Und so legte Hansen mit ihrem Team los.

Vier-Tage-Woche: Pragmatische Umsetzung

Die Umsetzung des flexibleren Arbeitszeitmodells verläuft bei größeren Aufträgen recht pragmatisch. Eine Schicht arbeitet von Montag bis Donnerstag, die andere geht von Dienstag bis Freitag ran. Zwei Beschäftigte blieben auch bei der Fünf-Tage-Woche. Nur kein Dogmatismus. „Work-Life-Balance ist ein großes Thema – gerade nach Corona“, erzählt die Malerin.

Mittelständlern in einer ähnlichen Lage rät Hansen zu „Mut zur Veränderung“. Und nicht nur zu einem Blick nach Belgien, sondern auch in Richtung Norden. Hansen: „Dänemark praktiziert die Vier-Tage-Woche schon seit Jahren. Und das läuft.“

Die Gewerkschaften: „Seit Gründung der Gewerkschaften sind kürzere Arbeitszeiten unser Ziel.“

„Samstags gehört Vati mir“, fordern die Gewerkschaften ab 1956. In den 60er-Jahren kommt schließlich die 40-Stunden-Woche, in den 80ern treibt die IG Metall die 35-Stunden-Woche voran. „Seit Gründung der Gewerkschaften sind kürzere Arbeitszeiten unser Ziel. Nach der Durchsetzung etwa der 35-Stunden-Woche ist die Zeit reif für eine Debatte zur Vier-Tage-Woche“, sagt Thorben Albrecht, Leiter des Bereichs Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik beim Vorstand der IG Metall. Er stellt aber auch klar: „Im Gegensatz zu Modellen wie in Belgien darf eine Vier-Tage-Woche aber keine bloße Verschiebung von Arbeitsstunden sein. Entscheidend für Beschäftigte ist neben einem gewonnenen Tag, dass die Belastung durch Arbeitszeiten sinkt und das Modell keine große Entgeltkürzung bedeutet.“

In der Tarifrunde 2021 vereinbarte die IG Metall für Unternehmen, die wie Autobauer im Umbruch stecken, zur Beschäftigungssicherung die Möglichkeit der Vier-Tage-Woche – „bei stabilem Monatsentgelt“, wie Albrecht das nennt. Sprich: Drastische Gehaltseinbußen lehnt die Gewerkschaft ab. Denkbar sei, dass der Staat eine verkürzte Arbeitszeit mit einem Teillohnausgleich unterstützt und aufgestocktes Entgelt steuerfrei stellt. Albrechts Fazit nach ersten Erfahrungen in der Metallbranche: „Mit ein bisschen Kreativität ist eine Arbeitszeitverkürzung überall vorstellbar: in Wissensberufen sowie Produktionsberufen.“

Homeoffice und Arbeitszeit: Mauswackler tricksen den Chef aus

Flexiblere Arbeitszeitmodelle sind spätestens seit der Pandemie etabliert. Auch Homeoffice ist akzeptiert. Vergessen sind die Zeiten, in denen Vorgesetzte meinten, gut gearbeitet wird nur unter Aufsicht. Vertrauen ist gut. Kontrolle war gestern.

Und gegen zweifelhafte Office-Programme, mit denen Firmen vermeintliche Inaktivität ihrer Beschäftigten am heimischen Schreibtisch nachspüren, lassen sich mit einem Programm aus dem Internet austricksen. Mauswackler heißen die freundlichen Unterstützer im Arbeitsjargon: Softwareprogramme, die ein Bewegen der Computermaus simulieren. Das Tröstliche: Die Arbeit wird dennoch erledigt. Es geht um Selbstbestimmung – auch im Job. (Peter Riesbeck)

Gewerkschaft fordert Verringerung der Arbeitsbelastung: Wochenarbeitszeit von 41 Stunden nicht mehr zeitgemäß.

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