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Christiane Benner leitet bei der IG Metall unter anderem die Bereiche Gleichstellung und Mitbestimmungspolitik. bild: Alexander Paul Englert
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Christiane Benner leitet bei der IG Metall unter anderem die Bereiche Gleichstellung und Mitbestimmungspolitik. bild: Alexander Paul Englert

Christiane Benner

„Vielfalt wird uns auch in Zukunft stark machen“

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Die Vize-Chefin der IG Metall Christiane Benner erklärt, warum es der Demokratie hilft, wenn in einem Betrieb Menschen aus vielen Kulturen arbeiten

Frau Benner, welche Bedeutung hatte das Anwerbeabkommen mit der Türkei für die IG Metall?

Die Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund haben eine riesige Bedeutung für die IG Metall. Sie haben die Kultur der IG Metall verändert und einen wichtigen Beitrag für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft geleistet.

Bis dahin war es ein beschwerlicher Weg. Anfangs gab es auch in den Gewerkschaften Widerstände gegen die Anwerbung von sogenannten Gastarbeitern.

Wir haben dann sehr schnell einen guten, solidarischen Umgang mit dem Abkommen gefunden und Angebote für die türkischen Kolleginnen und Kollegen geschaffen: Unser Mitgliedermagazin ist zum Beispiel mehrsprachig erschienen, es gab einen Bereich „Ausländische Arbeitnehmer“ beim Vorstand und viele türkischsprachige Seminare. Also, wir haben sehr schnell alles getan, um den Kolleginnen und Kollegen eine Möglichkeit zu geben, in der IG Metall eine Heimat zu finden. Und für viele war die Gewerkschaft ein Ort, an dem sie Solidarität und Gleichberechtigung erfahren haben. Da hat sich eine Menge entwickelt.

Waren die Gewerkschaften Vorreiter für die Öffnung der Gesellschaft?

Ja, durch unsere Mitbestimmung haben wir es geschafft, in den Unternehmen zu zeigen, dass es möglich ist, in gemeinsamen Auseinandersetzungen Arbeitsbedingungen solidarisch zu verbessern. Schon 1952 durften ausländische Beschäftigte den Betriebsrat wählen und seit 1972 auch für den Betriebsrat kandidieren. Das war fortschrittlich, und ich wünsche mir, dass wir das auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen. Deshalb fordern wir auch ein kommunales Wahlrecht für alle Bürgerinnen und Bürger und achten sehr stark darauf, in den Betrieben Chancengleichheit herzustellen.

Sie sagen, die Gewerkschaften seien zu einer Heimat für viele der damaligen Zuwanderer geworden. Wie haben die Menschen aus der Türkei denn die IG Metall verändert?

Antirassismus, Antifaschismus und Vielfalt sind in der DNA der IG Metall verankert. Das hat viel mit den Erfahrungen während des Faschismus zu tun. Aber natürlich haben uns auch die Anwerbeabkommen und das Zusammenwachsen mit Beschäftigten aus verschiedenen Nationen geprägt. Die Menschen, die aus der Türkei gekommen sind, haben die Streitkultur in der IG Metall massiv geprägt und dazu beigetragen, dass der Grundsatz „Einheit durch Vielfalt“ für uns unverhandelbar ist.

In gewissem Sinne eine Impfung.

Ja, und das bestätigt die Leipziger Autoritarismus-Studie, die zeigt: Partizipation und Teilhabeerfahrungen in den Unternehmen schützen vor populistischen Tendenzen. Wenn in einem Betrieb viele unterschiedliche Nationalitäten arbeiten und diese Belegschaft in Konflikten gemeinsam den Abbau von Arbeitsplätzen verhindert, Arbeitsbedingungen verbessert und beispielsweise für die 35-Stunden-Woche kämpft, dann stärkt das die Demokratie. Deshalb ist die Mitbestimmung so wichtig, deshalb ist es Aufgabe der Betriebsräte, für eine gleichberechtigte Teilhabe zu sorgen.

Heute steht die Wirtschaft vor einer großen Transformation. Der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, warnt vor einem massiven Arbeitskräftemangel. Nach seinen Berechnungen müssten jährlich 400 000 Zuwanderer nach Deutschland kommen. Ist die Situation vergleichbar mit 1961?

Damals brauchte man Arbeitskräfte, um das deutsche Wirtschaftswunder zu schaffen. Heute haben wir eine andere Herausforderung: Die Industrie muss massiv umgebaut werden. Viele Beschäftigte müssen qualifiziert werden, neue Beschäftigungsfelder entstehen, andere Arbeitsplätze fallen weg. Das ist nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Chance. Dass jetzt über fehlende Arbeitskräfte gesprochen wird, zeigt ja, dass es im Gegenzug gute Beschäftigungsperspektiven gibt. Diesen müssen wir mit Zuwanderung, Qualifizierung und Weiterqualifizierung gerecht werden.

Gilt das auch für Menschen mit Migrationsgeschichte, oder sind sie stärker von den negativen Auswirkungen der Transformation betroffen?

Bei den Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund gibt es durchaus strukturelle Verwerfungen, insbesondere was Qualifikationsprofile angeht.

Was heißt das?

Überdurchschnittlich viele sind prekär beschäftigt: als un- und angelernte Arbeitskräfte, in befristeten Arbeitsverhältnissen oder Leiharbeit. Das heißt, wir müssen in den Betrieben mit unseren Möglichkeiten der Mitbestimmung schauen: Wie bekommen wir es hin, dass die Menschen zum Beispiel die Chance haben, einen Facharbeiter-Abschluss zu machen. Dass sie bestimmte formale Qualifikationen nachholen. In einigen Unternehmen klappt das gut, etwa bei Continental in Babenhausen. Dort haben sich An- und Ungelernte im dreistelligen Bereich zu Facharbeiterinnen und Facharbeitern weiterqualifiziert. Das erhöht natürlich auch die Chance, später in anderen Unternehmen eine Arbeit zu finden. Aber um es auch klar zu sagen: Menschen mit Migrationsgeschichte sind nicht nur in den unteren Jobsegmenten. Es gibt auch viele Ingenieure und Anwältinnen, es ist sehr heterogen.

Sie fordern eine Stärkung der Mitbestimmung. Was bedeutet das für Menschen mit Migrationsgeschichte?

Wenn Betriebsräte stärker beim Thema Qualifizierung mitsprechen dürften, hätten wir mehr Möglichkeiten, Menschen zu helfen, die strukturell benachteiligt sind. Im Betriebsverfassungsgesetz steht leider immer noch der Begriff der Rasse. Der muss raus. Außerdem ist dort von Integration die Rede. Wir wollen mehr Teilhabe, mehr Demokratie und Partizipation in den Betrieben und damit in der Gesellschaft weiter Vorreiterin sein.

Die IG Metall hat knapp 500 000 Mitglieder mit Migrationsgeschichte. Wie steht es denn hier mit Gleichstellung und Chancengleichheit?

In den Gremien der Unternehmen, also bei den Betriebsräten und Vertrauensleuten, sind Menschen mit Migrationshintergrund sehr stark vertreten. Es gibt Menschen mit Migrationshintergrund an den Spitzen der Betriebsräte von sehr großen Unternehmen, etwa VW, Thyssenkrupp und Daimler. Also in den Betrieben klappt es gut. Für die Beschäftigten der IG Metall haben wir eine Betriebsvereinbarung über partnerschaftliche Zusammenarbeit abgeschlossen, um ein diskriminierungsfreies Miteinander zu gewährleisten. Bei der Auswahl unserer Trainees achten wir auf Diversität, die über die Geschlechterfrage hinausgeht.

Was fordern Sie von der nächsten Bundesregierung?

Die Mitbestimmung muss weiterentwickelt werden. Auch Menschen, die schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt haben, müssen in der Transformation mitgenommen werden. Das geht nur zusammen. Die Vielfalt, die wir in den Betrieben haben, hat uns in der Vergangenheit stark gemacht und wird uns auch in der Zukunft stark halten.

Interview: Steffen Herrmann

Kumpel unter sich: Pause in der Zeche Neu-Monopol in Bergkamen (undatiertes Foto).

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