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Tag der Arbeit: Gewerkschaften stehen vor Herkulesaufgaben

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Von: Steffen Herrmann

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Verdi-Demo Anfang April in Friedberg: Vom Optimismus des Jahresbeginns nicht mehr viel übrig.
Verdi-Demo Anfang April in Friedberg: Vom Optimismus des Jahresbeginns nicht mehr viel übrig. © Frank Rumpenhorst/dpa

Die Gewerkschaften müssen in Zeiten von Krieg und Unsicherheit beweisen: Solidarität ist nicht nur ein leerer Begriff. Einfach wird das nicht. Der Leitartikel.

Die Gewerkschaften in Deutschland stehen vor gigantischen Herausforderungen: Klimawandel und Energiewende, Fachkräftemangel und prekäre Beschäftigungsverhältnisse, die Inflation und der russische Krieg in der Ukraine. Kurzfristige Krisen treffen auf strukturelle Probleme. Für die Gewerkschaften, die wie Parteien und andere gesellschaftliche Gruppen große innere Widersprüche aushalten müssen, bedeutet das: Sie müssen die ökologische Transformation der Wirtschaft gestalten und erkämpfte Privilegien bewahren. Sie müssen Bündnisse mit Gruppen wie „Fridays for Future“ schmieden und den konservativen Arbeiter am Band mitnehmen. Das Klima retten und den Geldbeutel füllen. Eine Herkulesaufgabe.

Zum Jahresbeginn sah es noch gut aus, die Funktionärinnen und Funktionäre hatten sich viel vorgenommen. Aufmerksam beobachtete man in den Gewerkschaftszentralen, wie ein Unternehmen nach dem anderen gute Ergebnisse präsentierte. Einige Branchen boomten, andere wie die Metall- und Elektroindustrie waren auf Erholungskurs.

1. Mai: Am Tag der Arbeit wollen Hunderttausende für bessere Arbeitsbedingungen demonstrieren

Gute Nachrichten waren das, denn die Gewerkschaften hatten wichtige Aufgaben vor der Brust: Bei 3,8 Millionen Menschen in der Metall- und Elektroindustrie, für die rund 581.000 Beschäftigten der Chemiebranche und Hunderttausende in Banken, Versicherungen oder der Druckindustrie sollte nach den mageren Monaten der Corona-Pandemie endlich wieder ein fettes Plus auf den Lohnzetteln stehen. Auch die Transformation müsse man „schnell und entschieden“ anpacken, sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann im Januar.

Schnitt, zurück in die Gegenwart. Wenn an diesem Wochenende Hunderttausende Menschen auf den Straßen sind und neben vielen roten Wimpeln auch blau-gelbe Fähnchen schwenken, dann ist vom Optimismus des Jahresbeginns nicht mehr viel übrig. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat seine Aktionen und Kundgebungen zum Tag der Arbeit unter das Motto „Gemeinsam Zukunft gestalten“ gestellt. Was ohnehin eine ambitionierte Aufgabe war, hat der russische Angriff auf die Ukraine weiter verkompliziert: Wie hoch dürfen die Lohnforderungen sein, wie viel Arbeitskampf ist angemessen in Zeiten von Krieg, unsicherer Energieversorgung und einer rasanten Inflation?

Probleme der Gewerkschaften am Tag der Arbeit: Viele Mitglieder verloren

Hinzu kommen strukturelle Probleme. Die DGB-Gewerkschaften haben 2021 mehr als 120.000 Mitglieder verloren, nur etwa jede:r sechste Beschäftigte ist gewerkschaftlich organisiert. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder halbiert. Die sozialökologische Transformation trifft nun jene Branchen, in denen die Gewerkschaften noch verhältnismäßig stark sind.

Außerhalb der wenigen noch gut organisierten Branchen fehlt vielen Menschen heute die Erfahrung von gemeinschaftlichen Aktionen und erfolgreichen Arbeitskämpfen. Das Gefühl, Macht zu haben und etwas durchsetzen zu können, auch gegen Widerstände von Parteien oder Arbeitgebern, ist für große Teile der abhängig Beschäftigten verloren gegangen. Die Gewerkschaften müssen zeigen, dass Solidarität nicht nur ein leerer Begriff ist, sie müssen ihn mit Leben füllen.

Tag der Arbeit: Gewerkschaften müssen jünger und weiblicher werden

Das geht nur, wenn sie jünger und weiblicher werden; nicht nur an der Spitze, wie mit der designierten DGB-Chefin Yasmin Fahimi, sondern in der Breite. Wo das mit neuen Mitgliedern nicht möglich ist, muss man sich Verbündete suchen. Angeführt von den jungen Frauen und Männern der „Fridays for Future“ steht eine streit- und streiklustige Generation bereit, die es versteht, über die sozialen Medien für die eigene Sache zu werben und Massen auf die Straße zu bringen. Gemeinsam könnte man die Politik in den kommenden Jahren unter Druck setzen.

Einfach wird das nicht. Zwar gibt es Positivbeispiele: die Gewerkschaft Verdi etwa, die vor knapp zwei Jahren eine Allianz mit „Fridays for Future“ geschlossen hat. Das gemeinsame Ziel waren bessere Arbeitsbedingungen im öffentlichen Personennahverkehr. Aber die Gewerkschaften sind heterogen, in vielen anderen Branchen ist die Distanz zu der Klimabewegung groß. Etwa in der Lausitz, wo bis zum Kohleausstieg noch Tausende Menschen direkt oder indirekt vom Bergbau abhängig sein werden. Hier fürchtet man den Abstieg, wähnt sich in Abwehrkämpfen – und wählt im Zweifel die AfD.

Natürlich wird es deshalb auch künftig in allererster Linie um eines gehen müssen: Geld. Gewerkschaften sind Arbeitnehmervertretungen, eine Auge gehört immer auf den Geldbeutel. Das andere aber muss in die Zukunft schielen. Angenehm ist das nicht, aber den Gewerkschaften bleibt nichts anderes übrig. (Steffen Herrmann)

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