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Länger arbeiten, später in Rente? „Das ist praktisch unumgänglich“

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Von: Steffen Herrmann

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Die Babyboomer gehen in Rente, und Betriebe müssen dem entstehenden Fachkräftemangel entgegenwirken.
Die Babyboomer gehen in Rente, und Betriebe müssen dem entstehenden Fachkräftemangel entgegenwirken. © picture alliance / Rupert Oberh

Sebastian Dettmers, Chef der Job-Plattform Stepstone, über den Mangel an Fachkräften, notwendige Einwanderung und eine kräftige Erhöhung des Mindestlohns.

Frankfurt – In Deutschland fehlen so viele Fachkräfte wie noch nie. Immer mehr Unternehmen müssen ihre Geschäfte einschränken, weil sie kein Personal finden. Einer Erhebung des Münchner Ifo-Instituts zufolge waren im Juli 49,7 Prozent der Betriebe betroffen. Dabei mangelt es nicht nur an gut ausgebildeten Beschäftigten, auch ungelernte Kräfte sind rar. Sebastian Dettmers, Chef des Recruiting-Portals Stepstone, hält die „Arbeiterlosigkeit“ neben dem Klimawandel für die größte Gefahr unserer Zeit.

Herr Dettmers, in den vergangenen Jahrhunderten gab es eigentlich immer genug Menschen, die arbeiten wollten oder mussten. Heute ist das anders: Unternehmen aller Branchen klagen über fehlendes Personal oder können Beschäftigte nur mit großem Aufwand für sich gewinnen. Wohin sind all die Arbeitskräfte verschwunden?

Da muss man zwei Dinge unterscheiden: Was wir diesen Sommer an den Flughäfen, in den Restaurants und Hotels erleben, das ist ein Corona-Phänomen. Die Unternehmen dieser Branchen haben über Jahre zu wenig Personal eingestellt, gleichzeitig haben wir nach den Pandemiejahren wieder Lust zu reisen oder essen zu gehen. Das ist also ein temporäres Problem – aber es ist auch ein Weckruf aus der Zukunft. Was wir heute in diesen Branchen erleben, wird in den kommenden 15 Jahren zu einem flächendeckenden und branchenübergreifenden Problem werden. Denn jetzt beginnt die Zeit, in der wir nicht mehr, sondern weniger Menschen werden.

Babyboomer gehen in Rente, die Gesellschaft wird älter.

Aber das eigentliche Problem ist die niedrige Geburtenrate. Eine Gesellschaft braucht 2,1 Kinder pro Frau, damit die Bevölkerung stabil bleibt. In Deutschland sind es aktuell 1,5 Kinder pro Frau, damit liegen wir im europäischen Mittelfeld. Unsere Bevölkerung wird also schrumpfen. Im Grunde ist es die am besten prognostizierte Krise, in die wir hineingeraten: Wir kennen das Problem seit den 1970er Jahren. Allerdings machen wir uns kein Bild vom Ausmaß dessen, was da auf uns zukommt.

Fachkräftemangel: Stepstone-Chef bezeichnet „Arbeiterlosigkeit“ als großes Problem

In Ihrem Buch bezeichnen Sie die Arbeiterlosigkeit als größte Gefahr unserer Zeit neben dem Klimawandel.

Ja. Soll ich es begründen?

Gerne, denn das klingt doch erst mal vermessen: Der Personalmangel wirkt nebensächlich verglichen mit den Folgen des Klimawandels.

Es ist kein Wettbewerb der Krisen, der Klimawandel ist natürlich eine riesige Herausforderung, und es geht nicht darum, ihn zu marginalisieren. Gleichzeitig unterschätzen wir die riesige Bedrohung unseres Sozialstaates durch eine schrumpfende Bevölkerung. Der Mensch wird knapp, und gleichzeitig steigt die Zahl der Rentner – das ist ein Problem. Wir haben heute schon gewaltige Herausforderungen, unser Sozialsystem zu finanzieren – die Rente, das Gesundheitssystem, Bildung und Infrastruktur. Schon heute wird ein Viertel des Bundeshaushalts genutzt, um die Rente zu bezuschussen. Das sind mehr als hundert Milliarden Euro pro Jahr nur für die Rente, und bis 2035 wird sich das verdoppeln. Das Geld wird an anderer Stelle fehlen. Langfristig gibt es aber noch ein ganz anderes Problem.

Sebastian Dettmers, CEO von Stepstone.
Sebastian Dettmers, CEO von Stepstone. © Stepstone

Welches?

Wenn wir nicht aufpassen, geraten wir in eine Abwärtsspirale. Denn es geht ja nicht nur darum, dass die Erwerbsbevölkerung kleiner wird – irgendwann schrumpfen auch die Absatzmärkte. In der Folge könnten die Unternehmen weniger investieren, und dann beschäftigen sie auch irgendwann weniger Menschen.

Steopstone-Chef über Fachkräftemangel: Droht eine Rezession?

In Ihrem Buch sprechen Sie von einer „jahrzehntelangen Rezession“, die drohe. Das klingt nach Schwarzmalerei.

Es ist ein Szenario, das nicht eintreten muss, denn wir könnten es verhindern. Aber eins müssen wir uns klarmachen: In der Zukunft werden hierzulande weniger Menschen arbeiten. Streichen Sie sich 2022 rot im Kalender an als das Jahr, in dem so viele Menschen arbeiten wie nie zuvor – aber auch wie nie wieder. Die Gesamtwirtschaftsleistung ist eine einfache Gleichung: Wie viele Menschen arbeiten und wie produktiv sind sie? Nun schrumpft die Bevölkerung. Gleichzeitig stagniert aber auch die Pro-Kopf-Produktivität seit knapp zehn Jahren. Das heißt, wir werden nicht automatisch in eine jahrzehntelange Rezession schlittern. Aber wenn die Produktivität nicht gesteigert wird, dann ist das einfach streng mathematisch die Konsequenz.

Sind der Staat und die Unternehmen denn auf diese Entwicklung vorbereitet?

Nein. Mehrere Antworten auf diese Situation liegen auf der Hand: Wir können mehr arbeiten, also zum Beispiel die Wochenarbeitszeit verlängern. Das wünschen wir uns alle nicht. Oder wir können länger arbeiten, also über das Renteneintrittsalter sprechen – das ist praktisch unumgänglich. Die größten Potenziale sind aber andere. Wir müssen dafür sorgen, dass mehr Menschen arbeiten. Mittlerweile liegt die Erwerbsquote von Frauen bei rund 75 Prozent, das ist ganz gut. Allerdings arbeitet knapp die Hälfte dieser Frauen in Teilzeit, in nur drei EU-Ländern ist die Teilzeitquote noch höher. Hier müssen wir als Gesellschaft ansetzen.

Fachkräftemangel: Deutschland muss laut Stepstone-Chef Dettmers attraktiver werden

Ein anderes Mittel ist die Migration.

Ja, Deutschland ist schon seit langer Zeit ein Einwanderungsland. Doch es reicht in Zukunft nicht, Migration einfach nur zuzulassen. Wie schaffen wir es als attraktives Einwanderungsland, Menschen herzulocken, ihre Berufsabschlüsse anzuerkennen und sie in die Gesellschaft zu integrieren? Diese Frage stellen wir uns kaum, stattdessen geht es häufig darum, Fluchtmigration zu bewältigen.

Zur Person

Sebastian Dettmers (43) ist seit Januar 2020 Chef der Online-Jobplattform Stepstone. Seit 2011 war der Philosoph und Betriebswirt zunächst Geschäftsführer für den deutschen Markt, dann Managing Director für Kontinentaleuropa. Zuvor war er im Digitalgeschäft bei Axel Springer tätig.

In seinem Buch „Die große Arbeiterlosigkeit“ warnt Dettmers vor den Folgen des Bevölkerungsrückgangs für Arbeitsmarkt, Wirtschaft und Wohlstand.

Stepstone ist eine Recruiting-Plattform und Teil der Axel Springer SE mit Hauptsitz in Düsseldorf. Das Unternehmen ist in mehr als 20 Ländern aktiv und beschäftigt aktuell mehr als 3700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Millionen Nutzer:innen werden jährlich an über 150 000 Unternehmen vermittelt. prakr

Deutschland ist allerdings nicht das einzige Land, das international um Arbeitskräfte wirbt.

Und da sollte man sich klarmachen, was andere Länder besser machen: In den USA haben Kinder mit Migrationshintergrund die gleichen Bildungschancen und verdienen später praktisch genauso viel wie Kinder ohne Migrationshintergrund. 50 Prozent der wertvollsten US-Unternehmen wurden von Einwanderern gegründet.

Sie haben vorgeschlagen, den Mindestlohn hierzulande kräftig zu erhöhen. Welche Rolle spielen höhere Löhne?

Die Frage ist ja eigentlich: Wie schaffen wir es, die Produktivität anzukurbeln. Und wie unsere Vorfahren sollten wir schauen, dass Maschinen uns die Arbeit abnehmen. Früher war das die Spinnmaschine, heute sind es Roboter und Algorithmen. Dann können wir Menschen in komplexeren Berufen oder in sozialen Berufen arbeiten, die man nicht automatisieren kann. Und da kommt der Mindestlohn ins Spiel.

Inwiefern?

In Deutschland können 20 Prozent der Jugendlichen mit 15 Jahren nicht auf Grundschulniveau lesen, 20 Prozent der Menschen sind im Niedriglohnsektor beschäftigt. Gleichzeitig behaupten wir, dass wir ein Hochtechnologieland sind. Da passt es nicht ins Bild, dass wir ein Fünftel der Menschen aus der Schule entlassen, die nicht richtig lesen können und später im Niedriglohnsektor beschäftigt werden. Das können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten. Wenn wir smarter arbeiten wollen, müssen wir weniger Bildungsverlierer zurücklassen. Und da ist der Mindestlohn ein effektives Instrument: Wenn er deutlich erhöht wird, dann wächst auch der Anreiz, repetitive Tätigkeiten durch Maschinen zu ersetzen – etwa an der Supermarktkasse oder im Lager.

Also ist die Erhöhung des Mindestlohns ein Mittel, um die Wirtschaft umzubauen?

Absolut. Der Mensch wird knapp, und wir können es uns nicht leisten, Menschen mit sehr einfachen Tätigkeiten zu sehr niedrigen Löhnen zu beschäftigen.

Das heißt auch: Weiterbildung, Neuanfang. Davor schrecken vor allem viele ältere Menschen zurück.

Wenn wir glauben, dass wir Menschen nicht weiterbilden können, dann müssen wir uns von der Idee des Fortschritts verabschieden. Es wäre fatal anzunehmen, dass das, was ein Mensch mal mit 20 Jahren gelernt hat, bestimmt, was er die nächsten 40 Jahre macht. Wenn wir jemanden mit 50 nicht mehr umschulen können, dann haben wir ein echtes Problem.

Das Buch von Sebastian Dettmers steht auf der Shortlist für den Wirtschaftsbuchpreis.
Das Buch von Sebastian Dettmers steht auf der Shortlist für den Wirtschaftsbuchpreis. © FBV

Von der Weiterbildung einmal abgesehen müssen Sie doch mit einem großen Widerstand rechnen. Die Gewerkschaften haben in der Regel kein Interesse daran, Branchen zu automatisieren, wenn dabei Arbeitsplätze wegfallen – und damit auch das Klientel der Gewerkschaften schrumpft.

Es wird immer Gründe geben, für eine bessere Arbeitswelt zu kämpfen. Aber die wichtige Kennzahl auf dem Arbeitsmarkt ist nicht mehr die Arbeitslosigkeit. Wir brauchen eine neue Größe: Heute sollte es um Erfüllung gehen, um Jobzufriedenheit – und auch darum, von alten Zöpfen loszulassen. Elf Jahre bleibt ein Mensch hierzulande beim gleichen Arbeitgeber, in den USA sind es nur vier Jahre. Gleichzeitig sind US-amerikanische Arbeitnehmer viel glücklicher in ihrem Job als deutsche. Wir brauchen unbedingt eine höhere Durchlässigkeit des Arbeitsmarktes.

Auch die Liberalisierung des Arbeitsmarktes klingt für viele Ohren nach einer Drohung.

Das ist eine unkomfortable Diskussion, aber wir müssen sie führen. In der Pandemie hat der Staat viele Instrumente wie die Kurzarbeit eingesetzt, die verhindert haben, dass der Arbeitsmarkt sich verändert und Menschen attraktivere Jobs ergreifen. Aber dieses Zementieren der Verhältnisse ist falsch.

Berufsbilder verändern sich, neue Jobs entstehen – ist es schwierig für Stepstone, in diesem Umfeld die passenden Matches zu finden?

Man kann eine Online-Jobplattform mit einer Dating-App vergleichen. Die Frage ist: Welcher Mensch passt mit wem am besten zusammen? Uns geht es also nicht allein darum, was jemand irgendwann einmal gelernt oder studiert hat. Es geht darum, den Menschen mit all seinen Fähigkeiten und Eigenschaften zu verstehen – was ist der richtige Job für diese Person? An diesem Perfect Match arbeiten wir mit unseren zahlreichen Entwicklern tagtäglich.

Interview: Ann-Kathrin Rauch und Steffen Herrmann

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