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Olga Ravn „Die Angestellten“: Unruhe im All

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Von: Steffen Herrmann

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Olga Ravn. Foto: Lærke Posselt
Olga Ravn. Foto: Lærke Posselt © Lærke Posselt

Olga Ravns kapitalismuskritischer Roman „Die Angestellten“.

Etwas stimmt nicht im Weltall: Ein Raumschiff scheint vom Kurs abgekommen zu sein, rätselhafte Objekte von einem fremden Planenten lassen die Besatzung träumen – von einem längst verlorenen Leben auf der Erde, von einer Normalität, die es nie gab. Die dänische Schriftstellerin Olga Ravn zeichnet in ihrem Roman „Die Angestellten“ ein düsteres Bild vom Leben und Arbeiten in der Zukunft.

Das „Sechstausender-Raumschiff“ treibt durch das All des 22. Jahrhunderts. Unter den menschlichen und humanoiden Arbeiterinnen und Arbeitern an Bord herrscht große Unruhe: Auslöser sind seltsame Objekte, die sie vom Planeten „Neuentdeckung“ in einen Raum des Schiffes gebracht haben.

„Ich bin nicht gerne dort drinnen“, berichtet ein Angestellter dem Ausschuss, den die Zentrale auf das Schiff geschickt hat, um aufzuklären, warum die Produktivität an Bord eingebrochen ist. „Sie haben eine Sprache, die mich zugrunde richtet, sobald ich hineingehe.“

Der Ausschuss sammelt Zeugenaussagen, die scheinbar willkürlich aufeinander folgen. Sie werden nüchtern dokumentiert und von einer kurzen Einleitung und einem Abschlussbericht des Ausschusses eingeklammert. Ravn macht die Belegschaft zu einem Chor, aus dem einzelne Stimmen kurz heraustreten, um sich dann wieder in der Menge aufzulösen.

Das Buch:

Olga Ravn: Die Angestellten. Ein Roman über Arbeit im 22. Jahrhundert. A. d. Dän. v. Alexander Sitzmann. März, Berlin 2022. 144 S., 20 Euro.

Es gibt keine Antwort

Sie, die berichten, bleiben ohne Namen; ihren Aussagen lässt sich nur wenig Persönliches entnehmen. Klar ist nur: Dinge sind in Bewegung geraten. Die Angestellten, auch die humanoiden, haben begonnen zu träumen, zu riechen, zu fragen. „Ich weiß nicht, ob ich noch immer menschlich bin. Bin ich menschlich? Steht in euren Papieren, was ich bin?“, beendet ein Angestellter seine Zeugenaussage. Die Antwort bleibt aus.

„Die Angestellten“ ist Ravns zweiter Roman. Er brachte der 36 Jahre alten Dänin einen Platz ein auf der Shortlist des International Booker Prize 2021. Die Jury schreibt über den Roman: „In täuschend einfacher Prosa, eingebettet in eine vollendete und ehrgeizig experimentelle Struktur, stellt er große Fragen über das Gefühlsleben und die Natur der Menschheit. Und darüber was Glück sein könnte.“

Ravn ist eine zentrale Figur in der Literaturszene ihres Heimatlandes. Sie studierte Literarisches Schreiben an der Autorenschule in Kopenhagen und begann 2008 – im Alter von 22 Jahren – Gedichte zu veröffentlichen. Der erste Roman folgte 2015. Parallel dazu arbeitete Ravn als Literaturkritikerin, Lektorin und Übersetzerin.

Mit dem vorliegenden Roman widmet sie sich nun dem Thema der Arbeit. Es ist ein kapitalismuskritisches Buch, das darauf verzichtet, die Kritik vor sich herzutragen. Seine Sprache ist effizient und nüchtern, die Sätze sind kurz. Dynamik entwickelt sich erst aus dem Zusammenspiel der einzelnen Zeugenaussagen. Sie zeigen: Alles auf dem Schiff dreht sich um die Arbeit, ihr wird alles untergeordnet. Ahnungen von Glück, Melancholie und Sehnsucht ziehen flüchtig durch die Gänge des Schiffs – auch dort, wo ein Luftzug eigentlich nicht vorgesehen ist.

„Ich glaube an die Zukunft“, heißt es gegen Ende des Romans, in dessen dunklem Ende auch Hoffnung aufscheint. Etwas ist in Bewegung geraten, es lässt sich nicht mehr aufhalten.

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