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Viele Menschen aus der Ukraine werden zunächst in Gastronomie oder Pflege arbeiten.
Viele Menschen aus der Ukraine werden zunächst in Gastronomie oder Pflege arbeiten. © imago images/Pius Koller

Fachleute sehen gute Chancen für Geflüchtete aus Ukraine auf dem Arbeitsmarkt. Aber die Gewerkschaften warnen auch vor Risiken.

Fast 200 000 Menschen aus der Ukraine sind in den vergangenen Wochen vor Putins Krieg nach Deutschland geflüchtet. Zumindest laut den offiziellen Zahlen – in Wirklichkeit dürften es mehr sein. Wie viele davon dauerhaft in Deutschland bleiben werden, ist unklar. Viele von ihnen könnten der Wirtschaft beim so oft beschriebenen Arbeitskräftemangel helfen – wenn einige Voraussetzungen erfüllt sind.

Herbert Brücker, Forschungsbereichsleiter im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), sieht die Chancen zur Integration in den Arbeitsmarkt grundsätzlich als gut an, denn das Ausbildungsniveau der Menschen sei überdurchschnittlich hoch. Auch wenn es ein anderes Ausbildungssystem gebe, dass mit dem Deutschen kaum vergleichbar sei: „Es haben mehr Ukrainer einen Hochschulabschluss als die Menschen in Deutschland.“ Allerdings dürfe man sich keine Illusionen machen, es sei trotzdem ein langwieriger Prozess. Die Erfahrung aus der Vergangenheit zeige, dass nach fünf Jahren oft erst rund die Hälfte der Geflüchteten einen Job gefunden hat.

Eine Wohnsitzauflage sowie die vorgesehene Verteilung nach dem Königsteiner Schlüssel lehnt der IAB-Experte ab: „Alle Forschungen zeigen, dass dies schon in der Vergangenheit falsch war.“ Ohne die Verpflichtung, an einem zugewiesenen Wohnort zu bleiben, könnten die Menschen leichter Arbeit finden. „2015 hat die Wohnsitzauflage der Integration geschadet“, mahnte Brücker. Damals seien viele Geflüchtete nach der Verteilung über den Länderschlüssel nicht in boomenden Gegenden gelandet und „chancenlos“ geblieben.

Die Wirtschaft sollte laut Brücker nicht mit Massen neuer Arbeitskräfte rechnen: „50 Prozent der Flüchtenden sind Kinder. Der Rest überwiegend Frauen oder ältere Männer.“ Die Frauen müssten sich häufig zunächst um die Kinderbetreuung kümmern, bevor sie an eine Arbeitsaufnahme denken könnten. Zudem gehe es im Moment ohnehin vor allem um humanitäre Hilfe und ein gutes Ankommen.

Trotz der guten Qualifikation werde sich der Großteil der Menschen zumindest zu Beginn nicht in akademischen Berufen wiederfinden. Viel werde sich im Dienstleistungsbereich, der Gastronomie, der Pflege oder ähnlichen Branchen abspielen. Dafür sei auch die oft noch fehlende Fähigkeit, Deutsch zu sprechen, ein Grund. „Gerade in akademischen Berufen ist der Spracherwerb besonders wichtig“, so der Wissenschaftler.

Die Bedeutung der Sprache stellt auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) heraus. „Die Menschen brauchen Sprachkurse, unbürokratische Anerkennung ihrer Abschlüsse und Qualifikationen sowie Zugang zu Bildung und Weiterbildung“, fordert DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. „Wichtig ist, dass die Geflüchteten mit Blick auf ihre Qualifikation nicht automatisch in prekärer Beschäftigung landen. Keinesfalls dürfen sie dort Lückenbüßer werden, wo wegen schlechter Bedingungen keine inländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeiten wollen“, so Piel.

Ähnliche Einschätzungen kommen aus der Pflege. „Die geplanten schnell verfügbaren Sprachkurse sind eine zentrale Voraussetzung dafür, dass geflüchtete Menschen aus der Ukraine so bald wie möglich eine gut bezahlte und sinnvolle berufliche Perspektive erhalten“, sagt Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (BPA). Würden die Geflüchteten in den Arbeitsmarkt integriert, könnten sie „die Sicherung der pflegerischen Versorgung in Deutschland mit unterstützen“, so Meurer. mit kna

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