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Von: Susanne Ebner

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Auch den Hafen von Liverpool fährt P&O an.
Auch den Hafen von Liverpool fährt P&O an. © AFP

Ein britischer Fähren-Betreiber setzt Hunderte Beschäftigte überraschend auf die Straße.

Fähren sitzen im Hafen fest, Beschäftigte werden von Sicherheitsleuten abgeführt, Reisepläne storniert und groß angelegte Streiks geplant. Seit Donnerstag herrscht Chaos an den britischen Häfen in Dover im Südosten, Liverpool im Westen und Hull im Norden des Landes. Verursacht wurde es durch die plötzliche Entlassung von 800 britischen Mitarbeiter:innen des Fähren-Betreibers „P&O Ferries“. Dieser kündigte ihnen per Videobotschaft.

Die Nationale Gewerkschaft der Eisenbahn-, See- und Transportarbeiter (RMT) zeigte sich empört. Die Beschäftigten seien kurzfristig und mit sofortiger Wirkung entlassen worden und man gehe davon aus, dass diese durch günstigere Arbeiter ersetzt werden. Der britische Minister für Streitkräfte, James Heappey, sagte, das sei eine „absolut schreckliche Art“, seine Beschäftigten zu behandeln. Die Regierung in London hatte das Unternehmen während der Pandemie noch finanziell unterstützt.

P&O Ferries, seit 2019 im Besitz des Hafenbetreibers DP World mit Sitz in Dubai, steckt finanziell in der Klemme. Mit dem drastischen Schritt will das Unternehmen sparen. Rund 100 Millionen Pfund (119 Millionen Euro) jährlich hat P&O zuletzt nach eigenen Angaben verloren. Wegen der Corona-Pandemie blieben Reisende und Fracht lange aus. „Die Änderungen, die wir an unserem Crew-Modell vornehmen, werden unsere Crew-Kosten um 50 Prozent senken“, zitierte der „Daily Mirror“ am Freitag aus einem Schreiben von Unternehmenschef Peter Hebblethwaite.

Statt der bisherigen Mannschaften sollen günstigere Leiharbeiter die Schiffe steuern und Reisende an Bord bedienen. Parlamentsabgeordnete der betroffenen Städte teilten mit, die Neuen hätten schon bereit gestanden, als die Fähren am Donnerstag überraschend in die Häfen beordert wurden. Der Schifffahrtsverband UK Chamber of Shipping zeigte sich zuversichtlich, dass die Ersatzkräfte die Arbeit problemlos bewältigen können. Doch Gewerkschaften warnen, die neuen Crews hätten keine Erfahrung mit den Fähren und den Routen. Der Generalsekretär von Nautilus International, Mark Dickinson, sagte der BBC, Schiffe durch den Ärmelkanal zu steuern, sei „wie eine sechsspurige Autobahn zur Rushhour zu überqueren“.

Die regierungsnahe Tageszeitung „The Telegraph“ machte die Gewerkschaften für das Chaos bei P&O verantwortlich. Die Gewerkschaft RMT sei „extrem“ und „militant“. Sie hätte schon die Londoner U-Bahn praktisch in den Bankrott getrieben, indem sie um jeden Preis Arbeitsplätze aufrechterhalten und ihre Mitglieder zu ständigen Streiks aufrufen würde. In diesem Klima sei dem Fähren-Betreiber gar nichts anderes übriggeblieben, als sich quasi gewaltsam loszureißen.

Die linke Zeitung „The New Statesman“ hielt dagegen: Sie nannte P&O in einem Atemzug mit skrupellosen Arbeitgebern, die Arbeit auslagern, niedrige Löhne zahlen und den Angestellten keine Rechte einräumen. Es gebe zu viele Risse und Grauzonen im Arbeitsrecht, die Unternehmen schamlos ausnutzen. Und die Regierung habe bislang keine Schritte unternommen, um dies zu ändern.

Tatsächlich ist das Arbeitsrecht in Großbritannien sehr liberal, Kündigungsfristen sind kürzer, Gewerkschaften schwächer, Betriebsräte gibt es kaum. Die Menschen leiden unter niedrigen Löhnen und steigenden Lebenshaltungskosten.

Dass die Arbeitnehmer:innen im Königreich rechtlich weniger geschützt sind, habe „mit dem Brexit jedoch nichts zu tun“, wie Jonathan Portes, Professor für Wirtschaft am „Kings College“ in London gegenüber der FR betonte. Das sei schon vorher so gewesen. Gleichzeitig zeigten die Massenentlassungen bei P&O anschaulich, dass Arbeitsplätze durch den Brexit nicht unbedingt sicherer geworden seien.

Im Fall der Entlassungen der Fährarbeiter:innen hat P&O jedoch offenbar gegen in Großbritannien geltendes Arbeitsrecht verstoßen. Das Unternehmen wäre laut Fachleuten dazu verpflichtet gewesen, seine Angestellten 45 Tage vorher zu informieren. Ob diese Erkenntnis noch etwas bringt, ist fraglich. Andrew Smith, der 22 Jahre für Fähren-Betreiber gearbeitet hat, sagte am Freitag sichtlich bestürzt: „Das war unser Leben und es wurde innerhalb weniger Stunden auf den Kopf gestellt.“ mit dpa

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