1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Frax

Arbeitswelt: „Keine Bäckerei braucht Purpose“

Erstellt:

Von: Steffen Herrmann

Kommentare

Auch wenn es inzwischen industrielle Ketten gibt, die sich selbst ein Mission-Statement geben: Wer wie diese Frauen in Bäckereien arbeitet, weiß, was er oder sie tut. Imago Images
Auch wenn es inzwischen industrielle Ketten gibt, die sich selbst ein Mission-Statement geben: Wer wie diese Frauen in Bäckereien arbeitet, weiß, was er oder sie tut. © Xinhua/Imago

Der Philosoph Christian Uhle über Sinnkrisen in der Arbeitswelt, den Konflikt zwischen erfüllenden Berufen und guter Bezahlung – und mit welchen Mitteln viele Unternehmen um Kundschaft und Beschäftigte werben.

Einen Langstreckenlauf habe er hinter sich, sagt der Philosoph Christian Uhle. Die Ziellinie: ein Buch über den Sinn des Lebens, in dem der 34-Jährige sich auch mit der Arbeitswelt befasst. Grund genug für ein Gespräch über Sinnkrisen im Berufsleben, die Orientierung am Profit und schlechtbezahlte Jobs.

Herr Uhle, im Arbeitsleben treten Sinnkrisen besonders häufig auf. Warum?

Laut dem Meinungsforschungsinstitut YouGov sehen rund 35 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland in dem, was sie tun, keinen Sinn – jeden Tag, jahrelang. Es ist also ein strukturelles Problem. Eine verbreitete Erzählung lautet ja: Junge Menschen suchen verstärkt nach Sinn in der Arbeitswelt, viel mehr als frühere Generationen. Ich glaube nicht, dass das stimmt – beziehungsweise der entscheidende Faktor ist.

Wieso?

Nicht die Menschen haben sich so sehr verändert, sondern vor allem die Arbeitswelten, in denen tatsächlich immer weniger Sinn zu erkennen ist. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen – wie so oft im Leben. Ein Grund: Der Anteil der Computer-Arbeitsplätze nimmt zu. Laut Bitkom haben wir die Marke von 50 Prozent überschritten. Das ist natürlich per se nichts Negatives und es bedeutet auch nicht, dass man in eine Sinnkrise fällt, nur weil man an einem Rechner arbeitet. Aber es ist ein Faktor, denn der Bezug zum Produkt und der Bezug zum Kunden oder der Kundin ist oft weniger greifbar.

Was sind andere Gründe?

Viele Bereiche sind heute viel effizienter als noch vor einigen Jahren. Auch das ist eigentlich etwas Positives. Es hat aber nicht unbedingt dazu geführt, dass wir mehr Zeit haben für die Kernarbeit. Stattdessen wächst der Überbau aus Verwaltung, E-Mails oder Schulungen. In Deutschland arbeiten Erwerbstätige in Büros nur noch zu rund 40 Prozent ihrer Zeit an ihren Kernaufgaben. Ein weiterer Grund ist etwas abstrakter: Vor einigen Hundert Jahren haben die meisten Menschen in der Landwirtschaft gearbeitet. Ich will das nicht beschönigen, aber es ist schon klar, dass sich dort auf den Feldern Sinnfragen in der Regel nicht gestellt haben. Der Sinn lag auf der Hand: Menschen ernähren. Heute ist der gesellschaftliche Beitrag der eigenen Arbeit oft schlechter erkennbar.

Welche Rolle spielt die Orientierung am Profit?

Eine große, im Buch bezeichne ich – Karl Polanyi folgend – diesen Faktor als Entbettung der Wirtschaft. In vielen Branchen ist eine Ausrichtung auf Profit derart dominant, dass andere Werte, Ziele oder Sinnsetzungen darunter leiden. All diese Aspekte zusammen sind noch keine vollständige Erklärung, aber sie machen hoffentlich klarer, warum das Phänomen der Sinnkrise so weit verbreitet ist. In der Arbeitswelt wird das mit vielen Schlagworten diskutiert: purpose driven economy, Sinnangebote für die Generationen Y und Z, Unternehmen, die sich einen Purpose, also Sinn, geben – all das sind Symptome für ein Sinnvakuum, das entstanden ist. Wenn man eine echte Transformation anstoßen möchte, hilft es, dieses Kernproblem in den Blick zu nehmen.

Sie haben es angesprochen: Viele Unternehmen geben sich inzwischen einen Purpose und werben damit um Kundschaft, aber auch um Arbeitskräfte: Die Möbelhaus-Kette Ikea will „vielen Menschen einen besseren Alltag schaffen“ und der E-Autobauer Tesla hat die Mission, den „Übergang zu nachhaltiger Energie“ zu beschleunigen. Das sind also Reaktionen auf einen Sinnverlust an vielen Stellen in unserer Arbeitswelt?

Keine Bäckerei dieser Welt braucht einen Purpose-Beratungsprozess. Der Sinn einer Bäckerei ist uns allen klar. Aber die Beispiele zeigen: Scheinbar ist es in vielen Bereichen notwendig, so etwas zu formulieren. Der Sinn ist verschüttet gegangen, deswegen muss man ihn wieder an die Oberfläche bringen. Das ist natürlich erst mal ein guter Ansatz: Es ist richtig, den Sinn wieder stärker in die Arbeitswelt zu bringen. Zum Problem wird es dann, wenn es nur eine Marketing-Maßnahme ist. Wenn man also nur vordergründig Sinn schafft, tatsächlich aber Unsinn und Märchen in die Welt setzt. Dass sich Unternehmen einen Purpose geben, hat auch einen weiteren Grund.

Christian Uhle, 34, ist Philosoph und lebt in Berlin. Er studierte Philosophie, Physik und Volkswirtschaftslehre in Münster und Berlin. Er war unter anderem Berater der Arte-Serie „Streetphilosophy“. Im Fischerverlag erschien zuletzt das Sachbuch „Wozu das alles? Eine philosophische Reise zum Sinn des Lebens“. FR/Bild: Privat
Christian Uhle, 34, ist Philosoph und lebt in Berlin. Er studierte Philosophie, Physik und Volkswirtschaftslehre in Münster und Berlin. Er war unter anderem Berater der Arte-Serie „Streetphilosophy“. Im Fischerverlag erschien zuletzt das Sachbuch „Wozu das alles? Eine philosophische Reise zum Sinn des Lebens“. © Privat

Nämlich?

Die Idee, dass unternehmerisches Handeln automatisch dem gesellschaftlichen Wohl dient, ist in der Krise. Lange gab es den Konsens: Egal, welches Produkt, egal, was auf dem Markt passiert, es ist zum Wohle aller. Diese Geschichte ist heute in vielen Bereichen nicht mehr glaubwürdig, sie funktioniert nicht mehr als Legitimationsquelle für den kapitalistischen Apparat. Denn wir sehen, dass es viele Verlierer gibt und der ökologische Preis für unser Wirtschaften hoch ist. Wirtschaften ist ja keine wertfreie Zone, sondern auf Legitimation angewiesen.

Und jetzt brauchen wir neue Quellen für Legitimation?

Genau, und eine davon ist mittlerweile die Idee der Selbstverwirklichung. Da kommt das Sinnversprechen ins Spiel, das die Unternehmen mit ihrem Purpose geben. Viele Unternehmen versuchen inzwischen, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Gefühl zu vermitteln, das bisher eher den Beschäftigten von NGOs vorbehalten war. Nämlich das Gefühl, etwas Wichtiges zu tun.

Unter diesen Bedingungen: Wie kann ein Job sinnvoll sein?

Sinn ist keine Ja- oder Nein-Frage. Nichts ist komplett sinnvoll oder sinnlos, sondern immer mehr oder weniger. Außerdem gibt es verschiedene Arten von Sinn. Es gibt viele Berufe, deren Sinn eindeutig sichtbar ist und die offensichtlich einen Mehrwert für die Gesellschaft schaffen. Bei anderen Berufen kann man den Purpose-Ansatz durchaus weiterverfolgen, aber eben so, dass klar ist: Dieser Purpose dient nicht nur dem Profit. Dafür sollte man das Paradigma der Gewinnmaximierung aufbrechen. Gewinne machen und Gewinne maximieren – das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Schwarze Zahlen sind durchaus damit verträglich, auch einen positiven gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Bei der Gewinnmaximierung sieht das häufig anders aus, weil Profit und Purpose in der Realität immer wieder auch in Spannung stehen. Ein anderer Aspekt ist die Entbürokratisierung vieler Berufe, weil dort einfach immer weniger Zeit für die Kernaufgaben bleibt.

Welche Rolle spielt das Geld in diesem Kontext, also der Lohn?

Die Einkommensverteilung erzeugt persönliche Zielkonflikte. Es gibt zwar Ausnahmen, zum Beispiel Ärztinnen und Ärzte. Aber häufig sind gerade Berufe schlechter bezahlt, in denen der Sinn für die Arbeitenden stärker auf der Hand liegt. Zum Beispiel im Care-Sektor, also etwa in der Pflege. Der einzelne Mensch muss sich entscheiden: etwas Sinnvolles tun oder mehr Geld verdienen? Dieser Zielkonflikt ist aber kein Naturgesetz, sondern ergibt sich aus gesellschaftlichen Strukturen. Es wäre also wichtig, dass dieser Zielkonflikt aufgehoben wird. Sinnvolle Arbeit muss sich lohnen. (Interview: Steffen Herrmann)

Auch interessant

Kommentare