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In stürmischen Zeiten

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Von: Steffen Herrmann

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Die Streikkassen sind laut IG Metall gut gefüllt.
Die Streikkassen sind laut IG Metall gut gefüllt. © picture alliance / dpa

Die IG Metall verliert Mitglieder, sieht sich aber gut vorbereitet, um den Umbau der Wirtschaft mitzugestalten. Von der Bundesregierung fordert sie dafür auch mehr Geld.

Kurzarbeit, gestörte Lieferketten, der grundlegende Umbau der Wirtschaft – und ein kräftiger Mitgliederverlust: Das zweite Pandemiejahr 2021 war auch für die IG Metall kein einfaches. Auf der Jahrespressekonferenz der Gewerkschaft richtete ihr Erster Vorsitzender Jörg Hofmann seinen Blick aber vor allem in die Zukunft: Politik und Unternehmen müssten beim Umbau der Wirtschaft endlich ihre Hausaufgaben machen, um gesellschaftliche Verwerfungen zu verhindern und den Beschäftigten Sicherheit zu garantieren, sagte Hofmann. „Uns läuft die Zeit davon.“

Auch im zweiten Pandemiejahr verlor Hofmanns IG Metall viele Mitglieder: Unter dem Strich steht für 2021 ein Minus von 2,1 Prozent. Mit 2,2 Millionen Mitgliedern bleibt die IG Metall aber die größte deutsche Gewerkschaft. Die Gründe dafür sind laut Hofmann einerseits der Stellenabbau in der Metall- und Elektroindustrie (rund 2,4 Prozent) und der corona-bedingt fehlende direkte Austausch mit den Kolleg:innen. „Das ist mit Kurzarbeit, Kontaktbeschränkungen, Home-Office-Pflicht und ohne digitales Zugangsrecht auch für uns als Gewerkschaft weiter schwierig“, sagte Hofmann.

Ähnliche Zahlen meldete auch der Bezirk Mitte, der Hessen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Thüringen umfasst. Dort vertrat die Gewerkschaft zum Jahresende rund 298 000 Menschen, ein Minus von 2,4 Prozent.

IG Metall: „Kein Streik wird am Geld scheitern“

Die Pandemie drückt auch auf die Kassen: Die Einnahmen aus den Mitgliedsbeiträgen stiegen wegen höherer Löhne zwar leicht auf 592 Millionen Euro, liegen aber noch unter dem Vor-Corona-Wert. Trotzdem sei die IG Metall „jederzeit handlungsfähig“, sagte Hauptkassierer Jürgen Kerner. „Kein Streik wird am Geld scheitern.“

Kerner betonte, dass in diesem Jahr einige „entscheidende Weichen“ gestellt würden. „Insbesondere bei Luftfahrt-, Bahn- und Stahlindustrie entscheidet sich 2022, ob die Transformation gelingt“, sagte Kerner. Von der Bundesregierung forderte er, einen Transformationsfonds für die Stahlindustrie von zehn Milliarden Euro bis 2030 aufzulegen.

Gewerkschaft IG Metall fordert Umsteuern von Politik und Unternehmen

Im Mai steht eine Tarifrunde in der Eisen- und Stahlindustrie, im September dann in der Metall- und Elektroindustrie an. Was und wie viel seine Gewerkschaft dann fordern wird, wollte Hofmann noch nicht verraten. Man beobachte aber die Entwicklung der Inflation ebenso wie „die weiter guten Zahlen der Konzerne, die sie trotz beziehungsweise während Corona gemacht haben“. Grundsätzlicher betonte der Gewerkschaftschef, die IG Metall werde die Transformation „im Sinne der Beschäftigten vorantreiben“. Zwar hätten viele Unternehmen erkannt, dass ein Umsteuern notwendig sei. Vor allem bei kleinen und mittleren Betrieben „fahren viele Unternehmensleitungen aber noch im Nebel“, sagte Hofmann.

Christiane Benner, Zweite Vorsitzende, betonte, deshalb sei Mitbestimmung so wichtig. Sie rief die Unternehmen auf, die im Frühjahr anstehenden Betriebsratswahlen zu unterstützen. „Ohne Betriebsräte wäre die deutsche Wirtschaft ein Auto ohne Brennstoff“, sagte Benner.

Bei den letzten Betriebsratswahlen hatten rechte Wahllisten für Aufsehen in einigen Betrieben gesorgt. Im Daimler-Werk Untertürkheim erzielte 2018 etwa die Liste von Zentrum Automobil 13,2 Prozent der Stimmen. Der thüringische Verfassungsschutz warnte 2019 vor dem dahinter stehenden Verein. „Wir beobachten kein gravierendes Erstarken rechter Listen in unseren Betrieben“, sagte Benner nun.

IG Metall und DGB: Wechseln an den Spitzen der Gewerkschaften

Zum Führungswechsel an der Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) wollte sich Hofmann nicht ausführlich äußern. Er sprach von einem „langwierigen Personalfindungsprozess“, der so in niemandes Interesse gewesen sei. Am Vortag war bekannt geworden, dass die SPD-Politikerin Yasmin Fahimi im Mai DGB-Chefin werden soll. Zuständig für die Suche nach einem Kandidaten oder einer Kandidatin war die IG Metall. Die tat sich damit aber schwer: In den eigenen Reihen fand sich niemand, der interessiert und geeignet ist. Nun sei es erfreulich, dass mit Fahimi, die lange Gewerkschaftssekretärin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) war, eine Frau für die DGB-Spitze nominiert sei, sagte Hofmann.

Im Herbst 2023 steht auch in der IG Metall die Wahl einer neuen Spitze an: Jörg Hofmann, 66 Jahre alt, wird nicht weitermachen. Als mögliche Nachfolgerin gilt Benner, aber die Karten sind noch nicht gelegt, eine Kampfabstimmung scheint möglich. „Wir haben keinen Fachkräftemangel“, bilanzierte Hofmann am Donnerstag trocken.

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