Wie wirkt sich die Krise auf den Arbeitsmarkt aus? (Symbolbild)
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Wie wirkt sich die Krise auf den Arbeitsmarkt aus? (Symbolbild)

Berufsausbildung

„Ich fürchte dauerhaften Substanzverlust“

  • Daniel Baumann
    vonDaniel Baumann
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Gewerkschafter Matthias Anbuhl über die Lage der beruflichen Ausbildung in Deutschland.

Herr Anbuhl, in diesem Jahr sind krisenbedingt bisher deutlich weniger Ausbildungsverträge unterzeichnet worden als im Vorjahr. Die Arbeitgeber sagen, dass davon bis zum Jahresende noch etwas aufgeholt werden kann. Glauben Sie das auch?

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt ist schon schwierig. Unter dem Strich gehe ich in diesem Jahr von einem Minus von bundesweit zehn Prozent aus. Das ist etwas stärker als es in der Finanzkrise 2008 der Fall war, als die Zahl der Ausbildungsverträge um 8,4 Prozent gesunken ist. Dennoch sollten die Jugendlichen nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Es ist gerade im Corona-Jahr möglich, im November und Dezember noch eine Ausbildung zu beginnen. Deshalb sollten die Betriebe ihre Ausbildungsplätze weiter anbieten. Auch die Jugendlichen sollten sich bei den Arbeitsagenturen melden und in die Ausbildungsbörsen schauen.

Was bedeutet es für einen Azubi, wenn die Lehre mit zwei bis drei Monaten Verspätung beginnt?

Erstmal: Das ist nicht unüblich. Dass im November und Dezember noch nachvermittelt wird, kommt jedes Jahr vor. Man startet mit Verzögerung in die Berufsschule und muss dort Stoff nachholen. Ich gehe davon aus, dass die Berufsschulen in der Lage sind, damit umzugehen. Auch im Betrieb muss man schauen, dass alle Ausbildungsinhalte vermittelt werden können. Aber so eine Ausbildung dauert ja im Schnitt drei Jahre, das sollte sich abfedern lassen.

Zur Person

Matthias Anbuhl leitet die Abteilung Bildungspolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund.

Wie lange sollten sich Jugendliche in diesem Jahr noch bewerben und wann macht es keinen Sinn mehr?

Im November und Dezember hat man noch Chancen. Man kann aber auch schauen, ob es Alternativen gibt, etwa ein Praktikum, eine Einstiegsqualifizierung oder einen Schulabschluss nachzuholen. Das sind Möglichkeiten, die Chancen auf einen Ausbildungsplatz im kommenden Jahr zu verbessern.

Was bedeutet denn die Krise für diejenigen, die einen Ausbildungsplatz bekommen haben?

Solange Präsenzarbeit möglich ist, gibt es weniger Probleme. Schwieriger wird es bei einem Lockdown. Dann greifen die Betriebe vermehrt auf Online-Formate zurück. Wichtig ist: Auszubildende dürfen nicht einfach in Kurzarbeit geschickt werden. Und sie sollen auch nicht für ausbildungsfremde Aufgaben eingesetzt werden. Im Hotelbereich gab es zum Beispiel Fälle, wo Azubis renovieren sollten. In solchen Fällen sollten sie sich an ihre Gewerkschaft oder die Kammer wenden. Wenn Arbeitsprozesse nicht mehr abbildbar sind, muss man schauen, ob ein anderer Betrieb die Ausbildung – zumindest vorübergehend – übernehmen kann.

Wie wirkt sich die Krise mittel- und längerfristig aus?

Das nächste Jahr wird für Ausbildungsbewerber leider nicht einfacher. Wir gehen davon aus, dass Großunternehmen, die in diesem Jahr ihr Ausbildungsangebot nicht gekürzt haben, es im nächsten Jahr reduzieren könnten. Zum Beispiel in der Automobilbranche, wo die Corona-Krise den Transformationsprozess noch verschärft. Ich fürchte, dass es einen dauerhaften Substanzverlust in der beruflichen Bildung geben wird. Das haben wir schon infolge der Finanzkrise erlebt. Damals wurden vor der Krise 616 000 Ausbildungsverträge abgeschlossen, seit 2013 sind wir bei etwa 520 000 Verträgen pro Jahr. Obwohl die Wirtschaft kräftig gewachsen ist, ist es nicht gelungen, aufs alte Niveau zurückzukehren.

Weil es aber auch weniger Schulabgänger gibt.

Das stimmt. Das ist aber nur ein Teil des Problems. Wir haben aktuell etwa 1,4 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren, die keine Ausbildung haben. Das sind ungefähr 14 Prozent dieser Altersgruppe. Seit 2011 ist es uns nicht gelungen, diese jungen Menschen in eine Ausbildung zu vermitteln. Bei den Jugendlichen mit Hauptschulabschluss schafft jeder Dritte den Sprung in die Ausbildung nicht. Gleichzeitig hören sie aber Klagen von Betrieben über nicht-besetzte Ausbildungsplätze. Das ist Gift für die Demokratie.

Wie groß ist das Matching-Problem, dass also das Ausbildungs-Angebot und die Nachfrage nicht zusammenpassen?

Wir haben in der Tat einen sehr zersplitterten Ausbildungsmarkt. Ob Jugendliche einen Ausbildungsplatz finden, hängt von ihrem Schulabschluss, ihrem Wohnort und dem Pass ihrer Eltern ab – und natürlich auch von der Frage, welchen Beruf sie erlernen möchten.

Was bedeutet das alles nun für die Fachkräftesicherung?

Wir müssen aufpassen, dass die Corona-Krise nicht zur Fachkräfte-Krise wird. Wir müssen mehr Betriebe für die Ausbildung gewinnen. In den letzten zehn Jahren haben wir etwa 60 000 Ausbildungsbetriebe verloren. Nur jeder fünfte Betrieb bildet noch aus. Es gibt Regionen, da ist das Angebot einfach zu dünn. Das lässt sich auch nicht mit mehr Mobilität der Jugendlichen lösen.

Tut die Bundesregierung genug, um die Ausbildung zu stützen?

Die Krisenhilfe der Regierung ist gut, sie reicht aber nicht aus. Denn es fehlen grundsätzliche strukturelle Maßnahmen. Wir brauchen eine Ausbildungsgarantie wie in Österreich. Das heißt, Jugendlichen auf jeden Fall den Eintritt ins erste Ausbildungsjahr zu ermöglichen, entweder über Schulen oder bei außerbetrieblichen Ausbildungsstätten. Und wir müssen die Ausbildungsbetriebe finanziell stärken. Zum Beispiel durch Fonds, in die die nicht-ausbildenden Betriebe einzahlen.

Interview: Daniel Baumann

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