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Gewerkschaften in Kolumbien: Morddrohungen gegen Beschäftigte von Fresenius

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Von: Steffen Herrmann

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Claudia López arbeitet für die Fresenius-Tochter Quirónsalud in Kolumbien und ist Vorsitzende einer Gewerkschaft. Unbekannte bedrohten sie und ihre Familie.
Claudia López arbeitet für die Fresenius-Tochter Quirónsalud in Kolumbien und ist Vorsitzende einer Gewerkschaft. Unbekannte bedrohten sie und ihre Familie. © Privat

In Kolumbien werden Beschäftigte des deutschen Konzerns Fresenius mit dem Tode bedroht. Die Gewerkschaft Verdi fordert den Gesundheitskonzern auf, diese besser zu schützen.

Gewerkschaftsarbeit kann tödlich sein. In Kolumbien werden jedes Jahr Menschen ermordet, weil sie sich für die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern einsetzen. Auch zwei kolumbianische Beschäftigte des deutschen Dax-Konzerns Fresenius werden bedroht. In einem Brief, der der Frankfurter Rundschau vorliegt, fordert die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi den Konzern mit Sitz im hessischen Bad Homburg auf, sich schützend vor die beiden Mitarbeiter:innen zu stellen.

„Menschen, die für Ihr Unternehmen arbeiten beziehungsweise gearbeitet haben, werden in Kolumbien mit dem Tode bedroht, weil sie sich gewerkschaftlich engagieren“, schreiben der Verdi-Vorsitzende Frank Werneke und Vorstandsmitglied Sylvia Bühler in einem Brief an Stephan Sturm, der seit 2016 Vorstandsvorsitzender von Fresenius ist. Einen gleichlautenden Brief erhielten außerdem Sebastian Biedenkopf, Vorstand für Recht, Compliance und Personal, sowie Francesco De Meo, der als Fresenius-Vorstand für die Helios-Kliniken zuständig ist. Verdi fordert die drei Fresenius-Manager auf, die Morddrohungen öffentlich zu verurteilen und Anstrengungen zu unternehmen, um die beiden Gewerkschaftsmitglieder zu schützen.

Morddrohungen in Kolumbien gegen Fresenius-Beschäftigte

Claudia López arbeitet nach Verdi-Angaben in einem Krankenhaus in Medellín, das seit 2017 zu Fresenius gehört. Sie soll im Februar und Juli 2021 bedroht worden sein: „Ich erhielt einen anonymen Telefonanruf, in dem meine Familie und ich bedroht wurden“, berichtet López. Der ebenfalls bedrohte Julian Parra war in einer Klinik in Cali angestellt, hat laut Verdi aber wegen der Drohungen inzwischen Kolumbien verlassen und ist auf der Flucht. Beide hatten Führungsrollen in Gewerkschaften inne. Die FR nennt die Namen der beiden Bedrohten, da mediale Sichtbarkeit nach Meinung von Fachleuten dazu beitragen kann, Menschen vor Gewalt zu schützen.

„Menschen, die für Ihr Unternehmen arbeiten beziehungsweise gearbeitet haben, werden in Kolumbien mit dem Tode bedroht, weil sie sich gewerkschaftlich engagieren und für die Interessen von Arbeitnehmer:innen einsetzen.“

Frank Werneke und Sylvia Bühler, Verdi, in ihrem Brief an den Vorstand von Fresenius

Anlass für die Morddrohungen sollen Verhandlungen über Tarifverträge für die kolumbianischen Fresenius-Kliniken gewesen sein. Die waren nach Verdi-Angaben ins Stocken geraten – ein Streik stand im Raum. Die Verhandlungen dauern bis heute an, ein Abschluss ist für die kolumbianischen Beschäftigten bislang nicht in Sicht.

Gewerkschaft Verdi fordert Verurteilung der Drohungen

Die Erfahrung lehre, dass eine öffentliche Verurteilung der Morddrohungen dazu beitrage, die Sicherheit der Beschäftigten zu gewährleisten, schreiben Werneke und Bühler weiter in dem Brief. Menschen, die sich für die Rechte von Kranken und die ihrer Kolleg:innen einsetzten, verdienten Respekt. „Zu ihrer Sicherheit und Unversehrtheit beizutragen, liegt auch in Ihrer Verantwortung als Vorstand“, heißt es in dem Verdi-Brief an Fresenius.

Die FR hat der Konzernführung in Bad Homburg Fragen zu dem Verdi-Schreiben gestellt. Unter anderem, ob Fresenius die Drohungen öffentlich verurteilen werde, ob und wie das Unternehmen den Betroffenen helfe und wie man generell Beschäftigte vor (der Androhung von) Gewalt in Kolumbien schütze.

Fresenius verspricht „Solidarität und angemessene Unterstützung“

Fresenius ließ die Fragen zwar unbeantwortet, leitete der FR aber einen Brief von Vorstandsmitglied Sebastian Biedenkopf an Verdi weiter. Darin bezeichnet der Manager die Drohungen als „völlig inakzeptabel und unvereinbar“ mit den Grundsätzen des Unternehmens. „Wenngleich diese Drohungen in keiner Weise mit dem lokalen Krankenhaus- oder Landesmanagement von Quirónsalud (Fresenius-Tochter, zu der die kolumbianischen Kliniken gehören, Anm. d. Red.) in Verbindung stehen, gilt unmissverständlich: Fresenius einschließlich Quirónsalud verurteilt jede Form der Bedrohung oder Diskriminierung von Mitarbeiter:innen.“ Das lokale Management habe den Betroffenen und ihren Familien „Solidarität und angemessene Unterstützung zugesagt“.

In Kolumbien sollen nach Angaben des kolumbianischen Gewerkschaftsverbands seit den 1970er-Jahren rund 3000 Gewerkschafter:innen ermordet worden sein. Zwischen April 2020 und März 2021 zählte der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) alleine 22 Morde. Insgesamt wurden 2021 nach Angaben des kolumbianischen Staats 145 Menschen umgebracht, die führende Positionen in sozialen Bewegungen innehatten. Die Verbrechen werden nur selten aufgeklärt.

Kolumbien: Viele Morde an engagierten Menschen

Zu den Morden kommt laut IGB „Gewerkschaftsfeindlichkeit“: Arbeitgeber verletzten regelmäßig das Recht der Beschäftigten auf die Gründung von Gewerkschaften und entließen Vertreter:innen von Beschäftigten gezielt. Das IGB-Fazit: „Kolumbien ist eines der zehn schlimmsten Länder für erwerbstätige Menschen.“

Wahlen

Überschattet von einer angespannten Sicherheitslage haben rund 38 Millionen Menschen in Kolumbien am Sonntag einen neuen Kongress gewählt.

Bei den Wahlen für den Senat und das Abgeordnetenhaus standen mehr als 2000 Bewerber:innen aller politischen Strömungen zur Wahl. Ein Ergebnis lag zunächst nicht vor. Die Abstimmungen gelten auch als richtungsweisend für die Präsidentschaftswahl im Mai. epd

In dem Land an der Nordspitze Südamerikas herrschte mehr als 50 Jahre lang ein interner Konflikt mit Hunderttausenden Toten und Millionen Vertriebenen. 2016 unterzeichneten die kolumbianische Regierung und die Farc-Guerilla einen Friedensvertrag, den das deutsche Auswärtige Amt heute als „historisch“ bezeichnet.

Brüchiger Frieden in Kolumbien

Der Weg zu echtem Frieden in Kolumbien ist aber noch lang. „Auch nach fünf Jahren ist es kompliziert“, sagt Claudia Müller-Hoff. „Die Situation ist eher noch eskaliert.“ Müller-Hoff arbeitet beim European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) in Berlin. Die Juristin beschäftigt sich schon lange mit dem Thema, ihre Organisation hatte 2012 bereits den Fall Nestlé/Romero vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) gebracht. 2005 hatte eine paramilitärische Gruppe den ehemaligen Nestlé-Mitarbeiter und Gewerkschafter Luciano Romero entführt und getötet. Dem Mord waren Arbeitskämpfe mit Todesdrohungen vorausgegangen. Der EGMR nahm die Beschwerde der Witwe des Ermordeten gegen die Schweiz nicht an.

„Unternehmen sollten sich jetzt endlich mal mit dem Problem beschäftigen“, sagt Müller-Hoff. Auch weil solche Fälle bald unter das deutsche Lieferkettengesetz fielen. Die von den deutschen und europäischen Unternehmen häufig vorgebrachte Erklärung, es handle sich in Kolumbien um einen bewaffneten Konflikt, in dem die Unternehmen keine Rolle spielten, weist die Juristin im Gespräch mit der FR zurück. „Das ist eine falsche Einschätzung, was die menschenrechtliche Verantwortung der Unternehmen betrifft“, sagt Müller-Hoff. Die staatliche Schutz von Gewerkschaften sei in Kolumbien historisch schwach, Unternehmen dürften sich darauf also nicht zurückziehen.

Die Juristin rät Unternehmen, sich deutlich von Übergriffen auf gewerkschaftlich aktive Beschäftigte zu distanzieren. „Wenn die Unternehmen Todesdrohungen und Angriffe nicht verurteilen, wird es von den bewaffneten Gruppen als stillschweigende Unterstützung gedeutet.“

Lesen Sie auch: Die Gewerkschafterin Patricia Juan Pineda spricht im Interview über gewerkschaftlichen Frühling in Mexiko, den schlechten Ruf der deutschen Autobauer und die Lücken des Lieferkettengesetzes.

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