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Fresenius Medical Care: Blutwäsche im Schnelldurchlauf?

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Von: Steffen Herrmann

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Durchschnittlich vier Stunden dauert eine Dialyse in Deutschland.
Durchschnittlich vier Stunden dauert eine Dialyse in Deutschland. © imago/Oliver Ring

Eine Gewerkschaft wirft Fresenius Medical Care vor, die Gesundheit der Patientinnen und Patienten in den USA zu gefährden. Vor allem Minderheiten würden Risiken ausgesetzt.

Seit 1912 ist Fresenius „der Gesundheit der Menschen in aller Welt verpflichtet“. So wirbt der Medizinkonzern auf seiner Internetseite. Diesem Anspruch wird Fresenius aus Sicht seiner Kritikerinnen und Kritiker nicht immer gerecht. In den USA steht vor allem das Dialyse-Geschäft von Fresenius Medical Care (FMC) in der Kritik. Aktuell werfen Gewerkschaften der Konzerntochter vor, sie gefährde die Gesundheit von Dialyse-Patient:innen. Das zeigen Dokumente der US-Gewerkschaft Service Employees International Union (SEIU), die der Frankfurter Rundschau vorliegen. Und auch hierzulande gibt es Kritik an den Geschäftspraktiken von FMC.

Zunächst der Blick in die USA: Um möglichst viele Patient:innen abzufertigen, lasse Fresenius Medical Care die Dialyse teilweise zu schnell durchführen, sagt David Miller von SEIU im Gespräch mit der FR. „Wir glauben, es geht darum, die Kosten zu senken.“ Die Folge: Es steige das Risiko der Patient:innen, zu sterben. Das ist der erste Vorwurf.

Vorwurf zwei, Diskriminierung: Von der gesundheitsgefährdenden Behandlung seien überdurchschnittlich viele lateinamerikanische und asiatische Kranke betroffen, wie es in einer Beschwerde heißt, die SEIU in Kalifornien beim Office for Civil Rights des US-Gesundheitsministeriums eingereicht hat und die der FR ebenfalls vorliegt.

USA sind bedeutender Markt für das Unternehmen

Fresenius weist die Vorwürfe zurück. Der Gesundheitskonzern hat seinen Sitz im hessischen Bad Homburg. Von dort steuert das Management des Dax-Konzerns ein weltumspannendes Geschäft, zu dem Krankenhäuser in Deutschland oder Kolumbien genauso gehören wie Dialysezentren in den USA. Für letzteres ist die Konzerntochter Fresenius Medical Care (FMC) verantwortlich, die ebenfalls Dax-Mitglied ist und ihren operativen Sitz in Bad Homburg hat.

Die USA sind für Fresenius Medical Care ein wichtiger Markt: Das Unternehmen hat dort mehr als 2500 Zentren, in denen Dialyse angeboten wird – ein Verfahren der Blutwäsche für Menschen mit einer Nierenschwäche. Dabei wird das Blut eines kranken Menschen außerhalb des Körpers gereinigt. Fachleute sprechen von einer „künstlichen Niere“. Eine anspruchsvolle Prozedur, die in der Regel drei Mal pro Woche in einem Dialysezentrum durchgeführt wird.

Für die Dauer einer Behandlung gibt es in Deutschland klare Richtlinien. Hierzulande empfiehlt der Gemeinsame Bundesausschuss eine Dialysezeit von mindestens zwölf Stunden und drei Sitzungen pro Woche, also eine durchschnittliche Behandlungszeit von vier Stunden. So sieht es auch Fresenius Medical Care und schreibt auf seiner deutschen Internetseite: „Die Hämodialyse wird in der Regel dreimal wöchentlich für mindestens vier Stunden durchgeführt.“ In den USA gibt es keine Richtlinien, dort ist die Behandlungszeit laut Studien in rund 60 Prozent aller Fälle kürzer als vier Stunden.

Nun wird es technisch: Die Geschwindigkeit, mit der das Blut gefiltert wird, bezeichnet man als Ultrafiltrationsrate (UFR). Sie sollte zehn Milliliter pro Stunde und Kilogramm Körpergewicht nicht überschreiten. Wird die Behandlungszeit gekürzt, muss in der gleichen Zeit mehr Blut gefiltert werden – die Ultrafiltrationsrate steigt. Die Folgen: Herzprobleme, Übelkeit und Erbrechen, Krämpfe, Schwindel und ein niedriger Blutdruck. Auch das Risiko eines plötzlichen Todes steigt.

Dialysen in „gefährlichen Geschwindigkeiten“

Der US-amerikanischen Abteilung von Fresenius Medical Care ist das schon lange bekannt. Das zeigt ein internes Memo aus dem Jahr 2011, das der FR vorliegt. In dem Schreiben an die Leitungen der Dialysezentren in den USA weist FMC auf die Gefahren einer kürzeren Behandlungszeit hin und rät zu einer minimalen Dialyse-Zeit von vier Stunden sowie einer Ultrafiltrationsrate von unter zehn.

Laut der US-Gewerkschaft SEIU hält sich Fresenius Medical Care in vielen Fällen aber nicht an diese Vorgaben. In Kalifornien geht die Gewerkschaft deshalb mit einer Beschwerde juristisch gegen FMC und den Wettbewerber Da Vita vor. Deren Zentren führten Dialysen in „gefährlichen Geschwindigkeiten“ und mit hohen Ultrafiltrationsraten durch, heißt es in dem Dokument. Die Gewerkschaft gibt an, sie habe Daten aus den Einrichtungen und von Patient:innen zusammengetragen. „Diese Analyse zeigt, dass Latinos und asiatisch-amerikanische Patienten überproportional häufig einer Hochgeschwindigkeits-Hämodialyse ausgesetzt sind“, heißt es in der Beschwerde. Insgesamt sollen zwischen 2016 und 2019 mehr als acht Millionen Behandlungen mit einer Ultrafiltrationsrate von mehr als 13 durchgeführt worden sein.

Eine asiatisch-stämmige US-Amerikanerin, die sich der Beschwerde angeschlossen hat, ist Roopa Bajwa. Ihr Ehemann ließ sich seit 2014 in einem kalifornischen FMC-Zentrum behandeln. Er starb im September 2021 „plötzlich“ während eines Dialyse-Termins. Laut der Beschwerde hatte der Mann während der Behandlungen regelmäßig einen niedrigen Blutdruck, „ein typisches Symptom für hohe Ultrafiltrationsraten“.

Fresenius Medical Care hält die Behauptungen in der US-Beschwerde für unbegründet, wie ein Sprecher des Konzerns mitteilt. Sie stünden „im Widerspruch zu unseren guten Ergebnissen bei der Verbesserung von Behandlungsqualität und -ergebnissen für alle Patient:innen“. Außerdem schrieben Dialyseanbieter keine Ultrafiltrationsraten vor, da jede Dialysebehandlung auf der ärztlichen Verschreibung für jeden einzelnen Patienten basiere. Man arbeite kontinuierlich daran, die Dialyseprodukte und -behandlungen immer weiter zu verbessern, so der Sprecher.

Praxen werden aufgekauft

Und in Deutschland? Hierzulande sei die Qualität der Dialyse sehr gut, sagt Martin Koczor, auch wenn es coronabedingt derzeit wenige Daten gebe. Koczor ist Geschäftsführer des Bundesverbandes Niere, der als Selbsthilfeorganisation Dialysepatient:innen vertritt. Dessen Pendant ist der Verband Deutsche Nierenzentren (DN), in ihm sind Nephrologinnen und Nephrologen organisiert – also Ärztinnen wie Heike Martin, die in ihrer Praxis in Zwickau Dialysen durchführt und im Vorstand des DN ist. Auch Heike Martin sagt: In Deutschland sei die Qualität der Dialyse gut, Probleme wie in den USA gebe es hierzulande nicht.

„Aber wir laufen Gefahr, dass die Situation sich verschlechtert“, warnt Martin Koczor. Vor allem eine Entwicklung macht ihm Sorgen: Dass Konzerne wie Fresenius Medical Care, Da Vita und Hedgefonds im großen Stil Dialyse-Praxen aufkaufen. Martin Koczor spricht im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau abschätzig von einer „Dialyse-Industrie“. Deren Geschäftsmodell: „günstig kaufen, aufhübschen, mit Gewinn weiterverkaufen“.

Und aufhübschen könne man die Praxen eben nur auf einem Weg, sagt der Patientenvertreter: „über Kostensenkungen“. Es werde also gespart beim Personal und der Einrichtung: andere Maschinen, Stühle statt Betten, vier statt nur zwei Personen pro Zimmer.

„Es ist ein Problem, dass die Dialyse in diesen Zentren oft nur als technische Maßnahme gesehen wird“, sagt Koczor. Darunter leide die Beziehung zwischen Ärzt:innen und den Patient:innen. Das sieht auch Heike Martin so: „Es geht nicht nur darum, dass die Maschine läuft. Es geht um eine gute Betreuung.“ Weil viele Menschen 15 Jahre oder länger zur Dialyse müssten, entstehe oft ein vertrauensvolles Verhältnis, in dem sich beide Seiten gut kennen. „Und das geht oft verloren, wenn ein Arzt seine Praxis an Fresenius oder ein anderes Unternehmen verkauft und danach nicht mehr selbst in der Praxis tätig ist“, sagt Martin.

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