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Influencer in seinem Studio: immer schön lächeln, auch als Einzelkämpfer.
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Influencer in seinem Studio: immer schön lächeln, auch als Einzelkämpfer.

Neues Arbeiten

Fairtube und Tech-Branche: „Die digitale Welt ist wie Wildwest“

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Metall-Gewerkschafterin Christiane Benner über den Kampf um soziale Gerechtigkeit und Umverteilung in der Plattformökonomie.

Frau Benner, bei dem Verein Fairtube engagiert sich die IG Metall seit 2019 für die Belange von Youtuberinnen und Youtubern. Auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Initiative für eine Gewerkschaft, die mehrheitlich Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie vertritt. Wie kam es dazu?

Wir sind seit 2012 im Rahmen der sogenannten Plattformökonomie aktiv. Damals haben wir beobachtet, dass immer mehr Menschen ihre Arbeitsleistung auf Internetplattformen anbieten. Auch in unserem Bereich. Wir haben daraufhin viele Workshops mit Click- und Crowdworkern gemacht. So entstand auch der Kontakt zu Jörg Sprave und der Youtubers Union.

So hieß die Facebook-Gruppe, die Sprave aus Wut über das Verhalten von Youtube gegründet hatte.

Genau. Die Videos vieler Youtuber:innen wurden demonetarisiert, das heißt der Konzern hat einseitig Bedingungen verändert, sodass die Youtuber:innen plötzlich kein Geld mehr durch Werbeanzeigen verdient haben. Ähnliche Probleme mit Willkür und mangelnder Transparenz haben auch andere Plattformbeschäftigte.

Welche Parallelen gibt es zwischen Youtube und anderen Plattformen?

In der digitalen Welt scheint das, was wir normalerweise unter Arbeitsrecht und fairen Bedingungen verstehen, nicht mehr zu gelten. Das ist oft wie der Wilde Westen. Die Plattformen können die Bedingungen diktieren und die Menschen, die auf diesen Plattformen ihre Leistung erbringen, müssen diese Bedingungen akzeptieren. Außerdem fehlt es an Transparenz: Was ist erlaubt und was nicht? Nach welchen Kriterien wird die Arbeit bewertet?

Viele dieser Plattformtätigen sind Solo-Selbstständige.

Und deshalb brauchen wir eine Neudefinition des Arbeitnehmerbegriffs. Denn solo-selbstständig heißt ja: kein Tarifvertrag, kein Mindestlohn, keine Arbeitslosenversicherung, und an Kranken- oder Rentenversicherung beteiligt sich kein Arbeitgeber. Das Risiko liegt voll bei den Solo-Selbstständigen. Wir fordern daher, die Schutzrechte für diese Menschen zu verbessern, etwa indem sie als Arbeitnehmer:innen oder Arbeitnehmerähnliche behandelt werden. Für die soziale Absicherung brauchen wir ein Mindesthonorar analog dem gesetzlichen Mindestlohn und eine Versicherung, in die alle einzahlen, auch die Plattformen. Inzwischen haben viele erkannt, dass es auf diesem Gebiet neue Regeln braucht: nicht nur das Bundesarbeitsministerium, sondern auch die Europäische Kommission. Denn die Arbeit verlagert sich ins Netz und dafür brauchen wir faire und nachvollziehbare Regeln.

Christiane Benner.

Wie gehen Sie denn intern mit der Digitalisierung um?

Vor allem im vergangenen Jahr haben wir uns stark digitalisiert. Es ging darum, die Informationskanäle aufrecht zu halten. Einerseits mit Video-Konferenzen, andererseits haben wir beispielsweise Schulungen angeboten, wie man digitale Kanäle nutzen kann, um den Dialog mit Beschäftigten zu führen. Und natürlich haben wir auch mit Social Media, unserer Website und vielfachen Angeboten für Onlineseminare die digitale Kommunikation noch weiter ausgebaut.

Der Einfluss der Pandemie.

Ja, wir haben echt viel umgestellt und waren kreativ. Ich war selbst bei Warnstreiks im Autokino, das hat gut geklappt. Gleichzeitig wird es so sein, dass auch nach Corona viele Menschen zumindest einen Teil ihrer Zeit im Homeoffice arbeiten werden. Deswegen brauchen wir ein digitales Zugangsrecht.

Was bedeutet das?

Die Gewerkschaften müssen Möglichkeiten haben, die Beschäftigten anzusprechen, auch auf digitalem Weg. Die Frage ist: Wie organisiert man Momente der Solidarität?

Zwischen Einzelkämpfer:innen, die nicht gemeinsam im Büro sind.

Bei Fairtube haben wir das geschafft. Unsere Videos wurden von Menschen aus der ganzen Welt hunderttausendfach gesehen. Wir haben die Community gefragt, was ihre wichtigsten Forderungen in der Auseinandersetzung mit Youtube sind. Ganz basisdemokratisch. Aus den vielen Antworten, die wir in kürzester Zeit bekommen haben, haben wir Forderungen entwickelt und Youtube überbracht. Und wir hatten damit Erfolg: Google hat uns zugehört und Dinge verändert.

Was lernen Sie daraus?

Wir investieren viel in die digitale Ansprache unserer Mitglieder und bauen diesen Bereich aus. Zur Zeit arbeiten wir unter anderem an einer App, die maßgeschneiderte Kommunikation in den Betrieben bieten ermöglichen soll.

Whatsapp für Gewerkschaftsmitglieder?

Aber mit deutlich besserem Datenschutz. Die App heißt Werkforce und ist eine Möglichkeit, in den Betrieben virtuelle Räume für Ansprache und Austausch von und mit den Beschäftigten zu ermöglichen. Die Betriebsräte und gewerkschaftlichen Vertrauensleute bekommen somit eine zusätzliche Möglichkeit, mit den Beschäftigen in Kontakt zu treten. Momentan testen wir die App in ungefähr 30 Betrieben. Entwickelt haben wir sie mit einem unserer Gewerkschafts-Start-Ups aus Frankfurt, Labour Digital, mit dem wir auch schon Hackathons veranstaltet haben. Das Ziel ist es, die Kommunikation mit den Menschen zu verbessern, die wir nicht direkt am Arbeitsplatz erreichen. Auch mit Blick auf die Zukunft, weil wir wissen, dass sich viel durch die mobile Arbeit verändern wird. Das wird richtig gut.

Zur Person

Christiane Benner (53) ist seit 2015 Zweite Vorsitzende der IG Metall. Die gebürtige Aachenerin ist bei der Industriegewerkschaft zuständig für Betriebspolitik, Organisation, Crowdsourcing sowie Gleichstellung und Zielgruppenarbeit. 2019 startete Benner mit dem Youtuber Jörg Sprave die Initiative Fairtube. Inzwischen ist die Gewerkschaft Mitglied des Vereins.

Das beschleunigt die Kommunikation.

Ja, Austausch, Umfragen und ein Stimmungsbild einzuholen ist so sehr viel einfacher möglich. Das hat auch schon bei Fairtube geklappt: Google hatte der IG Metall ein Gespräch angeboten, aber untersagt, jemanden von den Videomachern mitzubringen. Wir haben dann eine Umfrage gemacht und nach wenigen Stunden das Feedback: Nein, bitte nicht ohne uns mit Google an einen Tisch setzen. Solche Beteiligungsinstrumente brauchen wir, denn wir wollen mehr Demokratie in der Arbeitswelt durchsetzen. Und dazu gehört eben auch, dass wir nicht einseitig kommunizieren, sondern im Dialog.

Wird das reguläre Mitgliederversammlungen überflüssig machen?

Nein, wir müssen und wollen weiterhin auch die Möglichkeit haben, den Leuten in die Augen schauen zu können. Aber es wird eine stärkere Mischform geben, denn ohne digitale Medien geht es nicht mehr.

Das klingt so, als sei die Digitalisierung nicht nur eine Gefahr, sondern vor allem eine große Chance.

Beides. Es ist wichtig, dass die Menschen die Zuversicht haben: Auch mit Digitalisierung werdet ihr in Zukunft einen Arbeitsplatz haben, vielleicht sogar durch die Digitalisierung. Es wird sich viel verändern, wir stehen vor großen Umbrüchen: Plattformökonomie, agiles Arbeiten, schnellerer Informationsaustausch. Als Gewerkschaft dürfen wir diesen Veränderungen nicht hinterherlaufen, sondern wir müssen sie von Anfang an prägen und die Rechte von Beschäftigten in den Blick nehmen. Und dafür brauchen wir auch die neuen Medien.

In den vergangenen Jahrzehnten konnten sich die Gewerkschaften dabei auch oft auf die SPD als politische Interessenvertreterin verlassen. Aber die sozialdemokratische Partei steht inzwischen stabil bei rund 15 Prozent. Wer füllt diese Lücke?

Wir arbeiten daran, dass die nächste Regierung die Themen der Beschäftigten in den Blick nimmt, egal wer das ist. Für uns ist wichtig, dass die ökologischen Herausforderungen sozial gestaltet werden. Daran messen wir alle Parteien. Und ja, bei der praktischen Politik wie bei Kurzarbeit, Weiterbildung oder dem besseren Schutz von Betriebsratsarbeit ist uns die SPD oft am nächsten. Wir sehen aber, dass auch andere demokratische Parteien durchdringen, welchen Zusammenhang es zwischen ökologischem Umbau und Auswirkungen auf Arbeitsplätze gibt. Wir stehen ja vor riesigen Herausforderungen durch den industriellen Umbau und müssen in diesem Zuge auch Debatten über soziale Gerechtigkeit und mehr Demokratie in der Arbeitswelt führen.

Ihnen geht es also um eine faire Verteilung der Kosten?

Ja, die Beschäftigten dürfen nicht allein die Folgen des industriellen Umbaus und der Pandemie tragen. Wir müssen über Umverteilung reden. Das kann ich mit einer guten Tarifpolitik machen. Aber es gibt auch andere Schalthebel.

Höhere Steuern.

Beschäftigte sollten eher entlastet werden. Auf der anderen Seite müssen starke Schultern mehr tragen, auch wenn das abgedroschen klingt. Ich ärgere mich zum Beispiel darüber, dass wir nicht in der Lage sind, Krisengewinner wie Amazon anständig zu besteuern. Mit dem Geld könnte man die Transformation sozialer gestalten. Notwendig wäre es, denn während der Corona-Zeit ist viel liegen geblieben: Wir müssen Familien entlasten, in Bildung und Infrastruktur investieren und die Jugendarbeitslosigkeit senken. Es darf keine Generation Corona geben.

Dafür brauchen Sie ein breites gesellschaftliches Bündnis.

Solche Bündnisse sind uns sehr wichtig. Zum Beispiel haben wir 2019 ein Bündnis mit Umwelt- und Sozialverbänden geschmiedet, das wir jetzt nochmal neu aufgelegt haben. Gemeinsam fordern wir eine sozial- und klimaverträgliche Mobilitätswende. Das ist ein Thema, bei dem geht es um alles: um industrielle Arbeitsplätze, um Demokratie, um gesellschaftliche Verantwortung, um Umverteilung. Das können und wollen wir nur zusammen angehen.

Trotzdem gibt es große Konflikte: einerseits das Ziel, Arbeitsplätze zu sichern, andererseits das Ziel, die Wirtschaft umzubauen.

Deswegen ist es wichtig, zu erklären, warum und wie wir argumentieren. Eine Belegschaft, deren Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, weil zu schnell vom Verbrenner- auf den Elektromotor gewechselt wird, braucht eine Perspektive. Wie kann man das eine herunterfahren, aber gleichzeitig neue Produkte entwickeln? Denn es geht um die Menschen, die in einer Region leben und arbeiten. Das müssen wir immer wieder erklären und einfordern. Gleichzeitig müssen die Beschäftigten zum Beispiel auch verstehen, warum ein Umweltverband ein bestimmtes Interesse hat. Deswegen kommen beispielsweise auch mal Fridays for Future etwa zu Betriebsversammlungen.

Also müssen wir mehr miteinander reden?

Ja, wir brauchen mehr Verständnis und Respekt für die gegenseitigen Positionen. Das ist unverzichtbar für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie, auch im Betrieb. (Interview: Steffen Herrmann)

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