Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ein osteuropäischer Erntehelfer sticht Spargel auf einem Feld in Thüringen.
+
erEin osteuropäischer Erntehelfer sticht Spargel auf einem Feld in Thüringen.

Arbeitsmarkt

Saisonarbeit: Von Georgien auf deutsche Spargel- und Erdbeerfelder

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
    schließen

Erstmals helfen Saisonkräfte aus dem Kaukasusstaat bei der Spargel- und Erdbeerernte in Deutschland. Gewerkschaften kritisieren ein „staatlich verordnetes Sozialdumping“.

Berlin - Auf den Feldern von Andreas Schneider ist viel zu tun. Die Erdbeerernte steht an, die zweite in der Pandemie. Keine leichte Situation für den 51-jährigen Landwirt und seinen Biohof vor den Toren Frankfurts. Nicht nur, weil der Umsatz wegen der geschlossenen Schoppenwirtschaft um rund 80 Prozent eingebrochen ist. Auch die Suche nach Saisonarbeitskräften lief schon mal besser. „Letztes Jahr“, sagt er, „war die Bereitschaft zu helfen größer.“

Weil die Einreise nach Deutschland aus dem Ausland wegen geschlossener Grenzen zeitweise unmöglich war, hatten landwirtschaftliche Vereinigungen und das Bundeslandwirtschaftsministerium die Plattform „Das Land hilft“ eingerichtet. Dort konnten sich Freiwillige melden und wurden an Landwirt:innen vermittelt. Auch Schneider fand so helfende Hände. In diesem Jahr gibt es bislang nur einen vielversprechenden Bewerber. Immerhin kommen die Kräfte aus dem Ausland wieder: Ein Ungar sei schon da, sagt Schneider. In seiner Heimat arbeite der Mann im zahnmedizinischen Bereich, nun helfe er bei der Erdbeerernte. „Und er ist sogar schon zwei Mal geimpft.“

280000 Saisonarbeiter:innen in Deutschland jährlich für die Ernte von Spargel, Erdbeeren und Wein

Auf Schneiders Feldern sind nur eine Handvoll Menschen aus dem Ausland als Erntehelferinnen und Erntehelfer im Einsatz. Anderorts sind es Hunderte. Insgesamt rund 280 000 Erntehelferinnen und -helfer arbeiten jedes Jahr in Deutschland nach Angaben der Gewerkschaft IG Bau. Sie stechen Spargel, ernten Erdbeeren oder lesen Wein. Früher waren das vor allem Menschen aus Polen, dann kamen immer mehr Arbeitskräfte aus Rumänien.

Aber in beiden Ländern ist die harte Arbeit auf den Feldern inzwischen unbeliebt und für manche auch nicht mehr besonders lukrativ. Menschen aus Rumänien kommen zwar weiterhin in großer Zahl, aber das könnte sich ändern: „Wir sind für Rumänen keine attraktiven Arbeitgeber mehr“, sagte der Verbandsvorsitzende der ostdeutschen Spargelbauer, Jürgen Jakobs, der Tagesschau.

Gestiegenes Lohnniveau in Polen macht Ernte-Arbeit in Deutschland unbeliebter - anders für Rumän:innen

Sein Kollege Frank Saalfeld, Geschäftsführer des Verbandes der Ostdeutschen Spargel- und Beerenobstanbauern, ergänzt auf FR-Anfrage, dass das sinkende Interesse von Polen nach Deutschland zu kommen nicht am Lohn liege, der ihnen hier gezahlt werde, sondern vor allem am gestiegenen Lohnniveau in ihrer Heimat. Bei den Arbeitskräften aus Rumänien sei Deutschland nach einer pandemie-bedingten Delle im vergangene Jahr hingegen wieder sehr beliebt. Die Menschen vertrauten dem Corona-Management der Betriebe und der Erntehelferversicherung, die ihnen angeboten werde, sagte Saalfeld.

„Ohne die Saisonbeschäftigten gäbe es keinen Spargel, keine Erdbeeren und keinen Wein. Sie haben faire Bezahlung, bessere Bedingungen und Schutz verdient.“

Anja Piel, DGB-Vorstandsmitglied

Trotzdem richten die Bundesregierung und die Unternehmen ihren Blick über den Südosten Europas hinaus, wo der deutsche Mindestlohn von 9,50 Euro noch als attraktives Salär gilt.

Spargel- und Erdbeersaison in Deutschland: 80000 Georgier:innen haben sich auf 5000 Stellen beworben

Erstmals reisen in diesem Jahr Saisonarbeitskräfte aus Georgien an. Auf 5000 Stellen sollen sich nach Angaben des Verbandes ostdeutscher Spargelbauer rund 80 000 Menschen beworben haben. Das sind etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Grundlage ist eine Vermittlungsvereinbarung zwischen den georgischen Behörden und der Bundesagentur für Arbeit. Der Deal: Obwohl Georgien kein EU-Mitgliedsstaat ist, brauchen die Männer und Frauen kein Visum und erhalten den gesetzlichen Mindestlohn. Weitere Nicht-EU-Staaten könnten folgen.

Für Harald Schaum ist das „staatlich verordnetes Sozialdumping“. Als Vizechef der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt blickt er kritisch auf den Einsatz von georgischen Arbeitskräften. „Dieses Verschieben immer weiter in den Osten deutet darauf hin, dass es allein um ‚billig, billig, billig‘ geht.“

Feld-Arbeit ist „Knochenarbeit: Vom deutschen Mindestlohn gehen Kosten für Unterkunft und Essen ab

Die Arbeit auf den Feldern sei eine „absolute Knochenarbeit“, die nur mit dem Mindestlohn bezahlt werde, von dem wiederum oft die Kosten für Unterkunft und Verpflegung abgingen. „Wenn die Unternehmen sich dann fragen, warum das keiner mehr machen will, dann sage ich: Versucht es mal mit 14 oder 15 Euro die Stunde - dann sieht die Welt anders aus.“

Auch eine andere Entwicklung kritisieren die Gewerkschaften: Die Bundesregierung hat die sozialversicherungsfreie Zeit für Erntehelfer:innen erneut ausgeweitet. 102 Tagen dürfen Saisonkräfte arbeiten, ohne dass in die Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung eingezahlt werden muss. Schon 2020 wurde diese Regelung von 70 auf 115 Tage erhöht.

Seit Corona: Für weniger Wechsel der Ernte-Helfer:innen - Aussetzung der Sozialversicherung verlängert

Die Idee dahinter: Helferinnen und Helfer können länger im Land bleiben und wechseln weniger häufig, das Risiko von Infektionen sinkt. „Es ist ein Betrag zur Pandemiebekämpfung“, betonte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) dementsprechend.

„Damit ist die Arbeit auf deutschen Feldern für mehr als 50 000 Menschen im zweiten Corona-Jahr erneut Hochrisikozone“, warnt dagegen DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Nicht nur aus gesundheitlichen Gründen: Wer nicht versichert ist, muss seine Behandlung im Falle einer Krankheit selbst bezahlen. Auch Piel sagt zur Ausweitung der sozialversicherungsfreien Zeit deshalb: „Das ist staatlich ermöglichtes Sozialdumping.“

Corona-Ausbrüche in der Landwirtschaft 2020: Erntehelfende seien „schlechter als Tiere behandelt“ worden

Dass das Risiko kein geringes ist, zeigt ein Blick in das vergangene Jahr: Allein auf Höfen im niederbayrischen Mamming infizierten sich mehr als 200 Menschen, Hunderte ihrer Kolleginnen und Kollegen mussten in Quarantäne. Nach dem Virus-Ausbruch klagten Saisonkräfte später, sie seien „schlechter als Tiere“ behandelt worden. Auch in diesem Jahr kam es zu Ausbrüchen: Im hessischen Büttelborn infizierten sich 31 Mitarbeiter:innen eines Gemüsebetriebs, darunter 20 Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa.

Um die Menschen vor Infektionen zu schützen, hat das Bundeslandwirtschaftsministerium einen Maßnahmenkatalog zusammengestellt. „Es gilt das Grundprinzip ‚zusammen wohnen – zusammen arbeiten‘“, heißt es in dem Papier. Die Betriebe sollen ihre Erntekräfte in feste Gruppen von maximal vier Personen aufteilen.

Spargel, Erdbeeren, Wein: Gewerkschaften fordern mehr Schutz und Anerkennung für Saisonarbeitende

Wo der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, gilt die Maskenpflicht. Ein betriebliches Hygienekonzept ist Pflicht, die Unterbringung in Einzelzimmern ist „anzustreben“. Zu unverbindlich sei das, kritisiert Anja Piel vom DGB. Außerdem werde viel zu selten kontrolliert, ob der Arbeitsschutz und die Hygienekonzepte eingehalten werden.

Für die Saisonarbeitskräfte fordern die Gewerkschaften deshalb einen besseren Schutz - und mehr Anerkennung: „Ohne die Saisonbeschäftigten aus Rumänien, Polen oder Bulgarien gäbe es keinen Spargel, keine Erdbeeren und keinen Wein“, sagt die Gewerkschafterin Piel. „Sie haben faire Bezahlung, bessere Bedingungen und Schutz verdient wie jeder andere auch.“ (Steffen Herrmann)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare